Vor einem Jahr habe ich in dem Artikel Von 0 auf 35: Wie ich 2019 (endlich) zur Läuferin wurde von meinem Laufeinsteig berichtet. Davon, wie ich Anfang des Jahres einfach losgelaufen bin – ohne Plan, ohne Ziel – und quasi nicht mehr aufgehört habe. Wie ich mich langsam innerhalb eines halben Jahres bis zur Halbmarathon-Distanz gesteigert, dann Höhenmeter und das Berglaufen für mich entdeckt habe. Und wie ich Ende des Jahres beim Ultra-trail Cape Town meinen ersten Laufwettkampf erfolgreich absolviert habe.

Vielen von euch da draußen ging es scheinbar wie mir. Mit dieser ständigen Hassliebe dem Laufen gegenüber und dem Gefühl, wohl einfach nicht zum Laufen geboren zu sein. Ich habe viel Feedback zu dem Artikel bekommen, auch ein paar ausführliche Nachrichten von Leser:innen, die dem Laufen inspiriert durch meinen Artikel nochmal eine Chance gegeben haben. Darüber habe ich mich besonders gefreut.

Heute – ziemlich genau zwei Jahre, nachdem ich ich losgelaufen bin – kann ich mich nicht ganz ohne Stolz immer noch als Läuferin bezeichnen. Wahrscheinlich sogar mehr denn je, denn: Wie jeder laufende Mensch, der wirklich etwas auf sich hält, habe auch ich es zuletzt ein bisschen übertrieben mit dem Laufen, weshalb ich  aktuell eine Zwangspause einlegen muss. Aber der Reihe nach…

Mein Erster Ultramarathon: Erfahrungsbericht

Wieso sollte man einen Marathon laufen, wenn man auch einen Ultramarathon laufen kann? So oder so ähnlich muss ich wohl gedacht haben, als ich mich direkt am Tag nach dem Ultra-trail Cape Town mit müden Beinen für die nächste Laufveranstaltung angemeldet habe. Gemeinhin bezeichnet man alles über der 42-Kilometer-Marke als Ultramarathon, und mein geplanter Lauf lag immerhin acht Kilometer darüber. Eher kurz für die Kategorie Ultra, aber definitiv mehr als ausreichend für jemanden, dessen längste Distanz bisher 35 Kilometer betrug (auch wenn da noch 2.000 Höhenmeter dabei waren).

Die Höhenmeter meines nächsten Laufes sollten sich aber in Grenzen halten, denn der sollte in einem Land stattfinden, dass für sein flaches Höhenprofil geradezu berühmt ist. Der Salland Trail ist eine kleine, fast schon familiäre Laufveranstaltung, die in der wunderschönen (und durchaus hügeligen) Heide- und Waldlandschaft Sallandse Heuvelrug ausgetragen wird. Oder besser gesagt: Theoretisch hätte ausgetragen werden sollen. Denn wir alle wissen ja, was im März 2020 passiert ist. Die Woche des Laufs fiel genau in die Zeit, in der überall in den Ländern Europas die Lockdowns ausgerufen wurden. Und so musste auch der Salland Trail 2019 gecancelt werden. Ganze zwei Tage vor Startschuss!

Ich war zu dem Zeitpunkt bereits in den Niederlanden, hatte meine Glücks-Bananen-Socken, die mich erfolgreich (und blasenfrei) über den Tafelberg in Kapstadt gebracht hatten, quasi schon für ihren zweiten Einsatz bereit gelegt. Und deshalb auch keinen wirklich Grund gesehen, warum ich nicht einfach trotzdem die 50 Kilometer versuchen sollte.

Mit der Route des Laufs als GPX-Track auf der Garmin-Uhr und einem Kofferraum voller Snacks und Getränke machten wir uns zu zweit auf zum Startpunkt. Ein paar andere Läufer hatten die selbe Idee gehabt und machten sich am Parkplatz des Sportgeländes ebenfalls bereit für ihren Lauf. Ansonsten gab es nichts, was die Feierlichkeit des Augenblicks unterstrichen hätte. Keine Musik, keinen weithin sichtbaren Start- und Zieleinlauf, keine Last-Minute-Kalorien und Getränke, kein Publikum.

Die ersten 20 Kilometer liefen ziemlich gut. 20 Kilometer, das war noch voll in meinem Wohlfühl-Rahmen. Und trotz des teilweise sehr sandigen Untergrunds und des gar nicht mal so ebenen Terrains fühlten sich meine Beine bis zu dieser Kilometermarke ziemlich frisch an. Das änderte sich in den folgenden Kilometern erstaunlich schnell, und als wir nach rund 24 Kilometern am Auto vorbei kamen (die Route hat in etwa die Form einer 8) und eine kleine Pause zum Essen und Trinken einlegten, schwante mir Böses. Eine Vorahnung, die sich bewahrheiten sollte, denn alles zwischen Kilometer 25 und 40 fühlte sich einfach nur richtig eklig an.

Ca. Kilometer 45 meines 50-Kilometer-Laufs: (Zaghafte) gute Miene zum bösen Spiel.

Müde Beine, die sich kaum noch bewegen wollten und komplette Leere im Energietank. Meine Geschwindigkeit sank rapide, auch wenn ich mich die meiste Zeit weiterhin laufend und nicht gehend fortbewegte – das war meine selbst auferlegte Mindestanforderung. Schmerzen oder ähnliches hatte ich zwar keine, aber jeder Kilometer zog sich wie zäher Kaugummi in die Ewigkeit und es war ein ständiger Kampf mit den Beinen und dem Kopf. Erst mit Überschreiten der 40 Kilometer fühlte ich mich langsam wieder besser. Mein Kopf kam wieder einigermaßen klar, denn das Ende rückte langsam aber sicher in greifbare Nähe. Und meine Beine, die hatten sich wahrscheinlich auch einfach irgendwann ihrem Schicksal ergeben. Kurz vorm Ziel, es konnten nur noch wenige 100 Meter bis zum Parkplatz sein, zeigte meine Garmin-Uhr erst 49 Kilometer an. Ich bin zwar definitiv kein Zahlenfetischist, was das Laufen angeht, aber wenn ich mich schon durch einen 50-Kilometer-Lauf gekämpft hatte, wollte ich auch, dass meine Uhr das bezeugt. Also hab ich noch einen Extrakilometer als Endspurt hingelegt – zu diesem Zeitpunkt war sowieso schon alles egal.

Ziemlich müde, aber ansonsten wohlauf, traf ich nach rund 6 Stunden und 20 Minuten wieder am Auto ein. Nicht gerade ein neuer Streckenrekord, aber mein Ziel, zwischendurch nicht zu gehen, hatte ich immerhin zu… naja, sagen wir mal 98% erreicht. Ohne regelmäßige Versorgungspunkte zwischendurch, ohne motivierende Zuschauer und andere Läufer, ohne die Hilfe des Adrenalins. Hätte der Lauf so wie geplant stattgefunden, hätte ich mir bestimmt ein bisschen leichter getan. Dafür war der Stolz, es auch so geschafft zu haben,  im Nachhinein wohl umso größer.

Wir begrüßen meine neuen Sponsoren Coca Cola, Lay’s und Nike, die mir direkt nach dem Finish Verträge angeboten haben. ;-)
Die Kalorien muss man auch erstmal wieder reinessen. Ich arbeite bis heute dran!

Wenn nicht Corona gewesen wäre, hätte ich vielleicht sogar am nächsten Tag schon am Laptop recherchiert, welchen Wettkampf ich als nächstes bestreiten könnte… ich glaube, das macht man so.

Ein neues Gefühl von Freiheit: Mehrtagestour in Laufschuhen

Und noch ein erstes Mal gab es 2020! Eins, von dem ich schon länger heimlich geträumt hatte und dass ich dank meinem akzeptablen Trainingszustand endlich in die Tat umsetzen konnte: Ein mehrtägiger Lauf, bei dem ich nur das Allerallerallernötigste in einem Laufrucksack auf dem Rücken trage und von morgens bis abends fröhlich vor mich hinlaufe – ja, geradezu über  die Trails fliege! …nagut, die meiste Zeit bin ich nicht ganz so fröhlich vor mich hingelaufen, sondern habe mich wahlweise über Block- und Schneefelder oder lange Anstiege hochgekämpft. Und dennoch habe ich auf dieser Tour ein ganz neues Gefühl der Freiheit erlebt,  das weit mehr war, als nur “schnelles Wandern”.  Die Verbindung aus Bewegung und Landschaft, die Möglichkeit, ohne Hilfsmittel lange Strecken zurückzulegen, die absolute Reduziertheit aufs Wesentliche…. ich glaube, ich bin da einer heißen Sache auf der Spur.

Und ich  hätte mir für mein Abenteuer wahrlich eine schlechtere Kulisse aussuchen können: In vier Tagen ging es auf rund 125 Kilometern und 5.500 Höhenmetern einmal rund um das Bergmassiv des Piz Bernina, mit 4.049 Metern der höchste Gipfel der Ostalpen.  Ich habe der Trailrunning-Tour auf der Bernina-Runde einen eigenen Blogartikel gewidmet, in dem du den ganzen Bericht, mehr Bilder und Tipps zur Route findest (die man natürlich auch wandern kann). Deswegen hole ich hier gar nicht weiter aus.

Vom Laufen zum Radfahren und wieder zurück

Neben den langen Läufen habe ich 2020 auch meine Leidenschaft fürs Radfahren endgültig für mich entdeckt. Nachdem ich beschlossen hatte, inmitten des ersten Corona-Chaos nicht zurück nach München zu kehren, sondern vorerst auf dem Land in den Niederlanden zu bleiben und abzuwarten was passiert, bestand meine erste Amtshandlung darin, mir ein Fahrrad zuzulegen. Meine Touren begannen immer vor der Haustür, wurden aber immer länger und länger. An einem Tag bin ich 312 Kilometer einmal zum Meer und zurück gefahren – auf einem Mountainbike, wohl gemerkt. Ich hab es in diesem Frühling so sehr genossen, einfach den ganzen Tag nichts anderes zu tun als im Sattel zu sitzen, die Landschaften an mir vorüberziehen zu sehen. Und die Vorfreude auf meine geplante Radtour im Sommer wuchs mit jeder Fahrt, auch wenn ich nicht wirklich wusste, ob ich meinen bereits länger gehegten Traum wirklich in die Tat umsetzen konnte.

Gegen Ende meiner Radreise war die Verwandlung von der Läuferin zur Radlerin ziemlich erfolgreich abgeschlossen.

Gelaufen bin ich während dieser Zeit natürlich immer noch, aber deutlich weniger intensiv und oft mit größeren (Radfahr-)Pausen zwischen den Läufen. Ich glaube, nach all der ganzen Lauferei der vergangenen Monate war das ganz gut für meinen Körper. Und eine gute Vorbereitung für meine Radreise war es allemal: Die konnte ich Mitte Juli dann auch wirklich antreten. Zwei Monate lang bin ich mit dem Rad durch Schweden und ein bisschen durch Norwegen gefahren. Am Wegesrand hab ich auch die ein oder andere Wanderung eingelegt, aber meine Laufbeine blieben weitestgehend unbenutzt. (Von der einen Wanderung mal abgesehen, bei der ich die One-Way-Kilometerangaben aus Versehen als Hin-und-zurück-Angabe verstanden hatte und latent in Zeitnot geriet. Ups.) Nach meiner Rückkehr war ich nach rund 4.500 Kilometern und 35.000 Höhenmetern auf dem Rad  naturgemäß ziemlich fit,und höchst motiviert, wieder ins Lauftraining einzusteigen.

Die ersten Läufe auf meinen Radlerbeinen fühlten sich ziemlich komisch an. Irgendwie aber auch kein Wunder, nachdem mein Körper ja zwei Monate lang quasi nichts anderes getan hat als auf dem Rad zu sitzen. Auch wenn die Beine beim Radfahren natürlich eine wichtige Rolle spielen, werden sie letztendlich doch ganz anders beansprucht als beim Laufen. Mir war von Anfang an klar, dass ich nach meiner Rückkehr langsam und schonend wieder anfangen musste. Dass ich nicht einfach dort anknüpfen konnte, wo ich vorher aufgehört hatte, um Muskeln, Sehnen, Bänder und was es nicht sonst noch alles gibt langsam wieder ans Laufen zu gewöhnen.

Die ersten Laufwochen waren eher anstrengend und ließen mich zwischendurch daran zweifeln, dass ich mich jemals wieder als Läuferin bezeichnen würde. Doch nach dieser Zeit der Umgewöhnung fühlte ich mich fitter als je zuvor. Jeder Lauf fühlte sich gut an, ich lief neue Bestzeiten auf altbekannten Strecken, ohne mich dafür übermäßig anstrengen zu müssen, ja ohne es überhaupt aktiv zu versuchen. Und während ich nach einem 30-Kilometer-Lauf im Frühjahr erstmal in paar Stunden regungslos auf der Couch verbrachte,  startete ich nun zur Regeneration einen Wohnungsputz.

Zurück in Laufschuhen und nach ersten Anlaufschwierigenkeiten fitter denn je!
… der warme Herbst hat mir nach meiner Rückkehr aus Skandinavien sogar noch ein paar tolle Bergläufe in der Schweiz beschert.

Dieses Gefühl neu gewonnener Laufstärke stand meiner Vernunft und meines Wissens gegenüber, dass die Beine deutlich mehr Zeit brauchen, sich an die “neue” Belastung zu gewöhnen als der Rest des Körpers. Hinzu kam der erneute Corona-“Lockdown”, der das Auspowern auf einem schnellen Lauf als Ausgleich zur Zeit zu Hause noch sehr viel erstrebenswerter machte. Und schon war ich mittendrin in der Spirale aus Laufliebe, Fitness und Bewegungsdrang, die mich Intensität, Umfang und Häufigkeit meiner Läufe viel zu schnell steigern ließ. Und die mich dazu brachte, die ersten unheilvollen Anzeichen weitestgehend zu ignorieren: Hier und da ein Ziehen oder Stechen im Bein, nicht weiter schlimm, zumal die Schmerzen nach den ersten Kilometern sowieso immer verschwanden. Bis sie stärker wurden, nicht mehr verschwanden, und ich dann glücklicherweise doch relativ schnell die Reißleine zog. Gerade noch rechtzeitig, so hoffe ich zumindest. Dennoch ist nun erstmal für eine Weile komplette Laufpause angesagt, damit sich alles wieder beruhigen kann.

Die erste Woche habe ich die Beine so gut wie gar nicht belastet, in der zweiten Woche habe ich zumindest den Weg zum nächsten Supermarkt wieder gewagt. Jetzt, zwei Wochen nach Beginn meiner Laufpause, ist jegliches Zwicken und Zwacken größtenteils verschwunden und ich denke, ich kann so langsam wieder wagen, vorsichtig aufs Rad zu steigen und meine kurzen Spaziergänge zu verlängern. Ein paar Wochen werden die Laufschuhe dennoch in der Ecke bleiben, sicher ist sicher. Es fällt mir nicht leicht, vor allem nicht jetzt in diesem ach so wunderbaren Corona-Lockdown-Winter-Blues. Aber auch das gehört eben manchmal zum Laufen dazu.

Ich freu mich schon jetzt so sehr auf den ersten Lauf nach der Pause, auch wenn der ziemlich kurz ausfallen wird. Genauso wie viele danach, denn nochmal werde ich den gleichen Fehler bestimmt nicht wieder machen. (Behaupte ich jetzt einfach mal so.) Außerdem habe ich bis dahin bestimmt noch mehr Lauffitness verloren als nach meiner zweimonatigen Radreise und komme sowieso nicht mehr weit. Der Gedanke daran tut schon ein bisschen weh  (eventuell auch ein bisschen mehr).

Wenn ich an diese Verletzungspause denke, fühle ich nach dem ersten Schock und neben der Frustration und Ungeduld letztendlich vor allem eines: Dankbarkeit. Dafür, dass ich die ersten zwei mitunter doch recht intensiven Laufjahre ganz ohne größere Blessuren verbringen durfte. Dafür, dass ich mit dem Laufen etwas gefunden habe, das mir ganz offensichtlich so wichtig ist und so gut tut, das ich es schrecklich vermisse, wenn ich es nicht tun kann. Und dafür, dass ich in Zukunft noch ein bisschen besser weiß, wie ich die Zeichen meines Körpers deuten muss. Ziele lassen sich beim Laufen manchmal erstaunlich schnell erreichen, vor allem am Anfang. Die eigentliche Kunst besteht aber wohl darin, die richtige Balance zu finden und vor allem anderen nachhaltig zu laufen.

Ich hab  noch viel vor mit meinen Laufschuhen, und dafür sollte ich dann vielleicht doch besser mit meinem Körper arbeiten, und nicht gegen ihn. Das habe ich zuletzt aus genannten Gründen wohl ein bisschen vergessen.  Deswegen mach ich mir es jetzt erstmal wieder auf der Couch gemütlich, bevor es später noch eine kleine Oberkörper-Trainingseinheit auf der Matte und eine kleine Spazierrunde in der Sonne gibt. Das ist immer noch besser als nichts. Viel besser sogar.

Das Gute an meiner Zwangspause: Ich muss kein schlechtes Gewissen haben, den kalten, nassen und dunklen Januar auf der Couch zu verbringen.

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