Ich war in diesem Sommer rund sechs Wochen allein mit dem Rad in Schweden unterwegs, bin ganz im Süden gestartet und habe ich kreuz und quer durchs Land bis in den Norden Lapplands hochgearbeitet. In diesem Artikel fasse ich meine gesammelten Tipps und Erfahrungen rund ums Radreisen in Schweden und Themen wie Tourenplanung, Unterkünfte und Wildcamping, Logistik und potenziellen Gefahren zusammen.

Mehr zu meiner Reise kannst du auch in meinem Tourbericht sowie in meiner Packliste zur Tour nachlesen. Falls Fragen offen bleiben, hinterlass mir gern einen Kommentar am Ende des Artikels.

Landschaftsbild Schwedens

Ganz grob lassen sich die Landschaften Schwedens in drei Gebiete einteilen:

Südschweden, womit insbesondere die Halbinsel Götaland gemeint ist,  ist relativ flach und vielerorts von Landwirtschaft geprägt. Hinzu kommen Mischwälder und die typischen Schwedenhäuschen und kleinen Küstenorte. Hier findet man das Bilderbuch-Schweden, wie man es zum Beispiel aus den TV-Serien basierend aus Astrid Lindgrens Büchern kennt. Mittelschweden beginnt dort, wo die beiden größten Seen des Landes, Vänern und Vättern, liegen. Hier prägen ausladende Nadelwälder das Bild, unterbrochen von den zahlreichen großen und kleinen Seen des Landes. Im Westen, an der Grenze zu Norwegen, trifft man auf die ersten Ausläufer des Fjälls, also des schwedischen Gebirges, das ab da den gesamten Westen des Landes prägt. Je weiter nördlich man kommt, desto einsamer wird es. In Nordschweden trifft man dann oft auf mehr Rentiere als Menschen, auf Hochebenen, Moorflächen und noch mehr Nadelwald – insgesamt sind rund 60% der Landesfläche mit Wald bedeckt. Landschaftliche Besonderheiten findet man insbesondere entlang der Küsten, wie zum Beispiel die Höga Kusten und die Schärengebiete bei Karlskrona und Stockholm. Allein die Stockholmer Schären umfassen mehr als 30.000 Inseln!

Routenplanung

Ich habe für meine Radreise in Schweden keine feste Route im Vorhinein geplant, sondern nur ein paar grobe Ideen und Wunschziele im Kopf gehabt und den Rest ziemlich spontan von unterwegs erledigt. Für die Planung on the go habe ich Komoot auf meinem Handy genutzt und die Route anschließend mit meinem Fahrrad-Computer synchronisiert. Für diese spontane Art des Reisens ist Schweden ziemlich ideal, auch weil die Logistik rund um Übernachtung und Verpflegung relativ einfach zu bewerkstelligen ist. Teilweise habe ich meine Route ziemlich willkürlich geplant, teilweise bin ich aber auch bestehenden Radrouten gefolgt. Mehr Infos zu meiner Route (die allerdings wegen all der Spontanität nur bedingt zum Nachfahren geeignet ist) findest du in meinem Tourbericht.

Radrouten in Schweden

  • Der Sverigeleden ist das wichtigste Radrouten-Netzwerk in Schweden. Die Hauptroute führt auf rund 2.600 Kilometern von Helsingborg im Süden bis nach Karesuando im hohen Norden des Landes. Hinzu kommen diverse Nebenrouten, die insgesamt rund 4.000 weitere Radkilometer ergeben. Meistens folgt der Sverigeleden asphaltierten Wegen und Straßen und ist sparsam, aber in der Regel ausreichend ausgeschildert.
  • Der Kattegattleden ist ein 390 Kilometer langer Küstenradweg zwischen Göteborg und Malmö. Verlängern kann man diesen durch den Sydkystleden und den Sydostleden. Verbindet man alle drei Routen, kann man auf rund 900 Kilometern fast einmal rund um die Region Skåne fahren, von Göteborg bis nach Vaxjö.
  • Der Cykelspåret läuft entlang der gesamten Ostküste von Ystad bis nach Haparanda und misst circa 2.500 Kilometer. Er ist Teil des EuroVelo10, der die komplette Küstenlinie der Ostsee entlangführt.
  • Der Gotlandsleden umrundet auf 540 Kilometern die Insel Gotland in der südschwedischen Ostsee.

Wer mit einem Mountainbike unterwegs ist, kann übrigens auch in Betracht ziehen, zumindest auf Teilstrecken einem der vielen Wanderwege des Landes zu folgen. Auf vielen dieser Routen ist das Radfahren nicht verboten, was zum Beispiel für den Skåneleden oder den Höga Kustenleden gilt. Vorsicht bei der Planung ist hingegen zum Beispiel beim berühmtesten der schwedischen Wanderwege, dem Kungsleden, geboten, denn manche Streckenabschnitte sind dort mittlerweile für Fahrräder gesperrt.

Das Straßennetz

Im Süden und der Mitte Schwedens gibt es viele kleine Nebenstraßen, meist mit Schotter, aber gut befahrbar, die die Routenplanung einfach machen und es ermöglichen, verkehrsreichere Straßen zu vermeiden. Je weiter in den Norden man kommt, desto weniger dieser Sträßchen gibt es tendenziell. Das bedeutet, dass man vermehrt auch auf die Hauptverkehrsstraßen ausweichen muss.

Vorsichtig sein sollte man, vor allem im Süden und der Mitte, mit den E-Straßen (=Europastraßen, also die Hauptverbindungsstraßen) sein. Diese sind auf manchen Abschnitten einspurig, mit einer Leitplanke in der Mitte versehen und haben keinen nennenswerten Seitenstreifen. Das bedeutet, dass Autos kaum ausweichen können, was vor allem im Falle von LKWs unangenehm sein kann. Theoretisch darf man diese Straßen in der Regel mit dem Fahrrad befahren, praktisch ist das aber wirklich nicht empfehlenswert. Im Zweifelsfall kann und sollte man vorher per Google Streetview checken, um welche Art von E-Straße es sich handelt, falls sich diese nicht umgehen lässt.

Reisezeit

Besonders geeignet für eine Radtour in Schweden sind die Sommermonate von Juni bis September. Auch der Mai und Oktober können eine gute Zeit sein, insbesondere für den Süden des Landes. Der Mai ist zudem statistisch gesehen relativ trocken und oft schon ausreichend warm. Außerdem sind zu dieser Zeit noch keine Moskitoschwärme unterwegs, die den Juni und Juli bevorzugen. Im Laufe des Augusts werden diese dann langsam wieder weniger, wobei es sowieso nicht so ist, dass Stechmücken immer und überall ein großes Problem sind. Im September kann man mit etwas Glück im Norden schon erste Nordlichter bewundern.

Mehr zum Thema Wetter / Klima und auch zu den blutsaugenden Plagegeistern kannst du weiter unten nachlesen.

Rad und Ausrüstung

Von Rennrad bis Fatbike kann man mit so ziemlich jedem Rad in Schweden unterwegs sein – entsprechende Routenplanung vorausgesetzt. Ich habe mich für ein robustes und geländegängigeres Gravelbike entschieden, mit dem ich zwar noch einigermaßen schnell und leicht auf der Straße unterwegs sein kann, aber dem auch der ein oder andere holprigere Abschnitt nichts ausmacht. Der Rest der Ausrüstung – von Radtaschen bis Zelt – sollte zu jeder Jahreszeit auch für nasses Wetter und Kälteeinbrüche geeignet sein (mehr zum Thema Wetter findest du weiter unten).

Da man rund um die Ausrüstung fürs Radfahren in Schweden einen eigenen Artikel füllen könnte, habe ich genau das auch getan: Hier kommst du zu meiner detaillierten Packliste fürs Bikepacking in Skandinavien.

Anreise mit Fahrrad nach Schweden

Der Süden Schwedens ist ziemlich einfach (und umweltfreundlich) per Zug und Fähre zu erreichen. Fährverbindungen gibt es von Kiel, Rostock, Travemünde und Sassnitz. Diese sind ohne Auto auch verhältnismäßig günstig: Ich habe bei TT Line von Trelleborg nach Rostock 28 Euro für mein Ticket, 5 Euro für das Fahrrad und 11 Euro für einen gemütlichen Sessel in einem Ruheraum  (man wird ja auch nicht jünger!) gezahlt. Die Überfahrt hat 7,5 Stunden gedauert. Alternativ kann man auch mit dem Zug über Dänemark nach Malmö reisen oder per Flixbus samt Fahrrad nach Schweden fahren.

Möchte man nicht im südlichen Teil Schwedens starten, gestaltet sich die Anreise als etwas komplizierter, denn die Schwedische Staatsbahn (SJ) befördert keine Fahrräder, die nicht zerlegt und kompakt verstaut sind. Es gibt zwar regionaler agierende Züge und Busse, die eine Mitnahme von Fahrrädern erlauben und auch die Inlandsbanan befördert Fahrräder, eine richtig gute Alternative, um “mal eben” von den Süden in den Norden Schwedens zu kommen ist da aber nicht dabei – insbesondere auch, wenn man mit Fahrrad und Gepäck nicht diverse Male umsteigen möchte.

Als einfachste Alternative bleibt eigentlich nur ein Inlandsflug, denn es gibt auch keine Fähren vom Süden in den Norden Schwedens. Gut geeignet ist dafür zum Beispiel die Airline Norwegian, die keine spezielle Verpackung des Fahrrads verlangt (im Gegensatz zu beispielsweise SAS) und bei der man das Fahrrad direkt im normalen Buchungsprozess online dazu buchen kann. Wenn man nicht allein unterwegs ist, kann sich auch die One-Way-Buchung eines Mietwagens lohnen.

Übernachten

Ich habe während meiner Reise circa ein bis zwei Mal pro Woche in einer festen Unterkunft geschlafen und die restliche Zeit wild oder auf Campingplätzen übernachtet.

Unterkünfte

Besonders praktisch für Radreisende sind die schwedischen Vandrarhem, also Jugendherbergen, wobei diese mit “Jugend” nicht wirklich viel zu tun haben. Dort gibt es Mehrbettzimmer, die man sich mit anderen teilt, oder aber oft auch relativ günstige Einzelzimmer. In vielen dieser Hostels wird auch ein (einfaches) Frühstück angeboten und oft gibt es eine Waschmaschine, die man benutzen kann.

Wildzelten und Camping

Einer von vielen guten Gründen fürs Radfahren in Schweden (bzw. Skandinavien allgemein): Man darf so gut wie überall sein Zelt aufschlagen! Das skandinavische Allemansrätten (Jedermannsrecht) machts möglich. Einige Regeln, die du beim Wildcampen unbedingt befolgen solltest – allein schon damit es dieses Recht auch in Zukunft gibt – existieren aber. Dazu zählen insbesondere folgende:

  • Halte einen großzügigen Abstand zu Wohnhäusern ein und zelte nicht auf Acker- bzw. Weideland.
  • In Nationalparks und Naturschutzgebieten ist das wilde Zelten oft nicht erlaubt bzw. auf bestimmte Plätze beschränkt (Hinweistafeln beachten).
  • Hinterlasse keine Spuren und verhalte dich rücksichtsvoll gegenüber Mensch und Natur. (Mehr Anregungen dazu findest du in meinem Blogbeitrag zu Leave No Trace.)

Eine tolle Sache in Schweden ist auch, dass es über das ganze Land verstreut kleine Schutzhütten und Shelter gibt – für Angler, Jäger und Outdoor-Abenteurer aller Art. Vindskydd bedeutet Windschutz und ist die häufigste Form dieser Schutzhütten. Dabei handelt es sich in der Regel um zu drei Seiten geschlossene Holzverschläge mit Sitzmöglichkeiten und Tisch. Manchmal ist auch eine Feuerstelle dabei, teilweise sogar inklusive Feuerholz. Ein Vindskydd med sovplats, also Windschutz mit Schlafplatz, bietet eine überdachte Holzplattform, auf der man Isomatte und Schlafsack ausrollen kann. Die Luxusvariante sind die Raststugor, also richtige Holzhütten – immer mit Sitzgelegenheiten, oft mit Feuerstelle, manchmal sogar mit Schlafplätzen und Toilette. Eine gute Quelle, um solche Plätze zu finden, ist zum Beispiel die App und Desktop-Anwendung Naturkartan.

Für das weniger wilde Campen zwischendurch und für mitunter notwendige Tätigkeiten wie das Aufladen von Akkus, das Duschen und Wäsche waschen eignen sich die vielen Campingplätze in Schweden bestens. Diese gibt es in unterschiedlichsten Kategorien, von ganz einfach und naturnah bis Luxusresort (wobei letzteres eher die Ausnahme als die Regel ist). Oft verfügen die Campingplätze über einen wettergeschützten Aufenthaltsraum bzw. -bereich, in dem man auch kochen kann. Ein idealer Unterschlupf bei Regen und Sturm!

Manche Campingplätze sind nur für Wohnmobile und -anhänger gedacht, auf den meisten gibt es aber auch eine Stellfläche für Zelte. Am einfachsten findet man Campingplätze über Google Maps oder über camping.se. Viele Campingplätze vermieten übrigens auch mal mehr, mal weniger luxuruiöse Holzhütten auf ihrem Gelände. Diese sind allerdings oftmals für Familien ausgelegt und für Alleinreisende relativ teuer. Teilweise gibt es aber auch ganz einfache und kleine Versionen, die relativ günstig sind. Beachten sollte man, dass viele Campingplätze oft nur während der Hauptsaison geöffnet haben. Im September zum Beispiel können diese teilweise schon wieder geschlossen sein. Am besten checkt man zu diesen Randzeiten immer kurz die Webseite des Campingplatzes oder ruft kurz an.

Eine Alternative zum Campingplatz ist die Plattform warmshowers.org, die speziell für Radreisende und solche, die Radreisende unterstützen wollen, gemacht ist.

Verpflegung unterwegs

Trinkwasser

Unterwegs die Wasserflaschen aufzufüllen ist in Schweden überhaupt kein Problem. Im Süden, wo es relativ viel Landwirtschaft gibt und man deswegen lieber nicht aus Flüssen und Seen trinken sollte, gibt es eine relativ hohe Dichte an Supermärkten, öffentlichen Toiletten usw. Zudem gibt es selbst in kleinen Orten oft eine Kirche mit Friedhof und damit auch einem Wasserhahn für die Grabbewässerung. Sofern nicht anders angegeben ist Leitungswasser in Schweden trinkbar, auch das von den Friedhöfen.

Weiter im Norden kann man hingegen aus vielen Gewässern problemlos trinken, wobei man fließenden Gewässern immer den Vorzug geben sollte. Ich hatte für den Notfall auch Tropfen für die Wasseraufbereitung dabei, habe dieses aber nur in Ausnahmefällen verwendet.

Proviant

In Südschweden kommt man in der Regel mehrmals täglich an Supermärkten, Restaurants und Cafés vorbei, sodass man sich dort so gut wie keine Gedanken ums Proviant machen muss.  Je weiter nördlich man sich begibt, desto größer werden die Abstände zwischen den Versorgungsmöglichkeiten. Je nach Routenplanung und Tagesetappen muss man hier auch mal für zwei oder drei Tage Verpflegung dabei haben, zumindest wenn man keine größeren Umwege in Kauf nehmen möchte.

Die beiden Supermarktketten, die in Schweden am weitesten verbreitet sind, sind Coop und ICA. Diese findet man auch in ländlichen, dünn besiedelten Gebieten. Willys ist eine weitere schwedische Kette, die generell etwas günstiger ist. Daneben gibt es vor allem in größeren Orten und Städten auch internationale Ketten wie Lidl. Insbesondere in Lappland trifft man immer öfter auch auf kleine Tante-Emma-Läden, die ein bisschen von allem verkaufen und meistmit dem Wort Lanthandel bezeichnet sind.

Besonders praktisch für Radfahrer: Schwedische Supermärkte haben oft eine kleine Kaffee-Ecke mit Sitzgelegenheiten. Dort kann man sich etwas aufwärmen (und natürlich Kaffee trinken, der zwar selten gut, aber dafür immer vorhanden ist). Sehr verlockend sind außerdem die Lösgodis, die es ebenfalls in so gut wie jedem Supermarkt gibt: Unverpackte Süßigkeiten, die man sich ganz nach Belieben in Tüten füllen kann und nach Gewicht bezahlt.

Schwedische Supermärkte haben übrigens auch sonntags und an Feiertagen geöffnet, sodass man diesbezüglich nichts bedenken muss. Die genauen Öffnungszeiten sind sehr davon abhängig, wo man ist. Manch ein Lanthandel schließt bereits um 18 Uhr, größere Supermärkte haben auch mal bis 22 Uhr oder sogar  Mitternacht geöffnet.

Preise in Schweden

In Sachen Preisniveau werden die skandinavischen Länder gern mal über einen Kamm geschert. Tatsächlich ist Schweden aber (mittlerweile) deutlich günstiger als das Nachbarland Norwegen. Die Preise liegen im Allgemeinen zwar etwas über denen in Deutschland, vor allem auch Produkte, die nicht erst auf langen Wegen importiert werden müssen, sind relativ günstig zu bekommen. Nicht zuletzt hängt das Preisniveau aber natürlich auch mit dem Wechselkurs zusammen, denn auch wenn Schweden seit 1995 Teil der EU ist, hat das Land mit den Schwedischen Kronen nach wie vor seine eigene Währung.

Hier ein paar Beispiel-Preise für radreiserelevante Dinge (mit Wechselkurs 10 SEK = 1 EUR):

Lebensmittel

  • Einfacher Filterkaffee: 1 – 2 Euro (Nachschenken oft inklusive)
  • Cola (0,5 Liter). 1,40 EUR
  • Banane (1 Stück): 0,50 EUR
  • Zimtschnecke: 1,50 EUR
  • Packung Nudeln (500 Gramm): 0,90 EUR
  • Takeaway-Pizza: 8 – 10 EUR

Unterkünfte

  • Camping (Zelt): 10 – 15 EUR
  • Camping (einfache Hütte): ab ca. 50 EUR
  • Jugendherberge (Vandrarhem / Einzelzimmer): ab ca. 35 EUR

Bezahlen kann man übrigens so gut wie immer und überall mit Kredit- bzw. EC-Karte. Ein bisschen Bargeld dabei zu haben ist natürlich immer sinnvoll, aber größere Mengen sind unnötig.

(Potenzielle) Gefahren

Schweden gehört in jeglicher Hinsicht zu den sichersten Ländern der Welt, Rad fahren kann man hier also allgemein ziemlich unbesorgt. Dennoch gibt es natürlich (wie überall und insbesondere bei Outdoor-Aktivitäten) einige potenzielle Risiken, auf die ich im Nachhinein genauer eingehen möchte.

Tierwelt Schwedens

Die Fauna Schwedens ist durch die nördliche Lage im Allgemeinen ziemlich überschaubar, sowohl was “gefährliche” als auch ungefährliche Tiere angeht. Für Autofahrer stellen Elche mit Abstand die größte Bedrohung dar. Dass man mit dem bepackten Reiserad unkontrolliert mit einem Elch kollidiert ist allerdings höchst unwahrscheinlich, und auch sonst verhalten sich Elche in aller Regel ziemlich scheu.

Das gilt auch für Bären, von es schätzungsweise rund 3.000 Stück in Schweden gibt: Die Chance, ein solches Tier zu erspähen oder ihm gar direkt zu begegnen ist bereits äußerst gering, und noch geringer die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Tier sich nicht einfach möglichst schnell aus dem Staub macht. In Schweden ist es übrigens auch nicht notwendig, seine Vorräte auf Bäumen oder in bärensicheren Behältern zu verstauen, wie zum Beispiel in manchen Gebieten Nordamerikas. Dort ist die Bärendichte teilweise deutlich höher, zumal bringen viele Bären Menschen dort eher mit Futter in Verbindung und haben weniger natürliche Scheu.

Noch viel scheuer (und zudem weniger neugierig) sind Schwedens Wölfe, die insbesondere in den mittelschwedischen Bergregionen vorkommen. Von diesen Tieren geht keine Gefahr aus und die Wahrscheinlichkeit einer Begegnung ist extrem gering (wie übrigens auch bei uns in Deutschland).

Ein potenziell gefährliches Tier, dass mir deutlich häufiger begegnet ist als alle bisher genannten ist die Kreuzotter. Die einzige giftige Schlange in Schweden, die sogar noch oberhalb des Polarkreis vorkommt. Ihr Biss ist zwar für gesunde, erwachsene Menschen nicht tödlich, aber einen Arzt sollte man trotzdem möglichst schnell aufsuchen. Meistens begegnet man Kreuzottern, während sie sich auf der Straße sonnen. Hier einen kleinen Bogen um die Schlange zu fahren ist völlig ausreichend, zumal Kreuzottern nicht übermäßig aggressiv sind.

Am häufigsten begegnet sind mir aber mit Abstand die ziemlich ungeliebten Moskitos, auch wenn die mich längst nicht so häufig und zahlreich malträtiert haben wie im Vorhinein befürchtet. Eigentlich gab es nur einige wenige Abende, an denen ich vor ihnen ins Zelt flüchten musste. Grundsätzlich lieben die Stechmücken es feucht, schattig und windstill. In dichten Wäldern und Moorgebieten hatte ich die größten Probleme. An Seeufern war es oft gar nicht so schlimm, wobei das regional sehr unterschiedlich sein kann.

Zecken gibt es in natürlich auch in Schweden, inklusive Gefahr auf Borreliose und FSME. Für letzteres gilt besonders Südschweden als Risikogebiet. Mehr Infos und Tipps rund um Zecken und von Zecken übertragene Krankheitserreger findest du in meinem Artikel Zecken beim Wandern – so kannst du dich schützen (und ja, der gilt selbstverständlich auch für Radfahrer:innen).

Straßenverkehr

Wenn ich gefragt werde, ob ich denn keine Angst hab, wenn ich so ganz allein in der Natur unterwegs bin, bringe ich oft das Argument, dass jede Fahrt auf irgendeiner deutschen Landstraße deutlich gefährlicher ist als eine Nacht allein im Wald. Das gilt leider auch fürs Radfahren, und leider auch für schwedische Landstraßen. Dennoch habe ich mich in Schweden diesbezüglich größtenteils ziemlich wohl gefühlt, sogar auf vielbefahrenen Schnellstraßen. So richtig angenehm ist das natürlich nie, aber im Allgemeinen habe ich schwedische Autofahrer als vergleichsweise entspannt und rücksichtsvoll wahrgenommen. Natürlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel, ich kann mich aber nach zwei Monaten Radfahren in Schweden (und Norwegen) nur an zwei  oder drei Situationen erinnern, in denen ich gerne meinen ausgestreckten Mittelfinger in Richtung Himmel erhoben hätte.

Wetter

Das Wetter in Schweden kann ziemlich ungemütlich werden und man sollte vor allem für längere Fahrten bei Regen, Wind und Kälte ohne Aufwärmmöglichkeit zwischendrin gewappnet sein – auch im Sommer! Im Vergleich mit Norwegen ist das Wetter aber deutlich gemäßigter, auch weil der Einfluss des Atlantiks durch die Berge, die zwischen Norwegen und Schweden liegen, abgeschwächt wird.

Ich war von Mitte Juli bis Mitte September unterwegs und hatte während dieser Zeit so ziemlich jedes Wetter von 25 Grad und Sonnenschein (im Juli in Südschweden) bis hin zu 5 Grad und Dauerregen (im September in Nordschweden).

Kriminalität

Fälle von Kriminalität beschränken sich in Schweden insbesondere auf die größeren Städte. Abseits davon sinken die Raten rapide. Das gilt für Überfälle und Übergriffe, aber auch für Diebstahl. Ich hatte auf meiner Reise nur ein dünnes Schloss mit mir, welches eher eine Wegtragsperre als ein wirklicher Schutz gegen Diebstahl war. Und selbst das habe ich manchmal nicht genutzt, wenn ich zum Beispiel mein Rad irgendwo in der Pampa vor einem kleinen Supermarkt abgestellt habe. Auch bin ich öfter mit meinem Rad zu Ausgangspunkten für Wanderungen gefahren und habe es dann einfach dort irgendwo (abgesperrt) stehen lassen. Vorsicht ist natürlich trotzdem immer gut, aber man muss insbesondere in den einsameren Gegenden Schwedens schon großes Pech haben, um Opfer eines Diebstahls zu werden.

Allein als Frau in Schweden reisen

… ist sehr empfehlenswert! Nicht nur wegen der gerade angesprochenen, niedrigen Kriminalität, sondern auch, weil alleinreisende Frauen (und Männer) dort ein relativ normaler Anblick sind und man nicht komisch von der Seite angeguckt wird (den ein oder anderen anerkennenden Kommentar á la “Waaaas? So ganz allein? Und dann noch als Frau?” gab es natürlich trotzdem). Ich habe mich jedenfalls immer und zu jeder Zeit sehr wohl gefühlt als alleinreisende Frau und glaube, das Schweden nicht nur für Radreise-Anfänger, sondern auch für die erste Solo-Reise eine ziemlich gute Wahl ist. Zumal die Menschen dort freundlich, hilfsbereit und (für nordische Verhältnisse) auch ziemlich offen sind und man sich mit Englisch wirklich überall verständigen kann.

Rund ums Smartphone

Der Netzempfang in Schweden ist gigantisch gut, und zwar auch in abgelegeneren Gebieten! Nichtsdestotrotz sollte man sich natürlich nie zu 100% darauf verlassen. Vor allem in Sachen Navigation sollte man immer auch in der Lage sein, sich offline zurecht zu finden.

Dank Abschaffung der Roaming-Gebühren kann man auch im Ausland die deutsche Sim-Karte nutzen, je nach Datenvolumen und Surfverhalten kann man damit aber schnell an seine Grenzen stoßen. Alternativ kann man in Schweden sehr einfach auch eine lokale Sim-Karte kaufen. Der größte Anbieter, der generell auch die beste Netzabdeckung bietet, ist Telia. Eine Prepaid-Karte (Kontaktkort) und Guthaben kann man in den Telia-Filialen oder auch bei einigen Kiosk-Ketten wie Pressbyrån kaufen. 10 GB kosten bei Telia aktuell rund 30 Euro.

Radreisen in Schweden – Pro und Contra

Schweden ist ein ziemlich ideales Land für eine Radreise. Insbesondere auch, wenn es die erste große Tour ist.

  • Es gibt einige offizielle Radrouten, denen man folgen kann. Gleichzeitig ist es aber auch ziemlich einfach, seine eigene Route zu planen, egal ob im Vorhinein oder ganz spontan von unterwegs (oder eine Mischung aus beidem).
  • Wildzelten ist so ziemlich überall möglich, zudem gibt es viele Campingplätze und einfache Shelter. Und wer nicht mit dem Zelt unterwegs ist, findet genügend Alternativen in Form von Jugendherbergen, Pensionen, Hotels usw., mit etwas Planung selbst in Lappland.
  • Schweden ist ein sehr sicheres Reiseland und man muss sich keine größeren Sorgen um sich selbst und die Ausrüstung machen.
  • So gut wie jeder Schwede und jede Schwedin spricht Englisch, egal ob jung oder alt, egal ob in der Stadt oder mitten auf dem Land. Außerdem sind die Menschen sehr hilfsbereit und freundlich.
  • Schweden ist relativ flach, wenngleich auch etwas hügeliger, als man vielleicht meinen mag. Über längere Strecken sammeln sich so schnell einige Höhenmeter an, längere und steile Anstiege sind aber selten bis nicht existent.
  • Selbst in abgelegeneren Gebieten finden sich regelmäßige Versorgungsmöglichkeiten, sodass man nie für länger als maximal wenige Tage essen mit sich tragen muss. Trinkwasser findet man zudem sehr regelmäßig.
  • Der Mobilfunkempfang ist exzellent, was die Reiseplanung sehr vereinfacht und Sicherheit für den Notfall gibt.
  • Im Sommer sind die Tage sehr lang, was bedeutet. dass man sich beim Fahren alle Zeit der Welt lassen und trotzdem relativ viele Kilometer zurücklegen kann.

Trotz aller Vorteile gibt es auch einige Gründe, die vielleicht gegen eine Radreise durch Schweden sprechen könnten:

  • Schweden ist nicht ganz günstig. Das Preisniveau für Verpflegung und Übernachtung liegt etwas über dem in Deutschland. Das Land ist aber längst nicht so teuer wie das Nachbarland Norwegen.
  • Man muss in Schweden immer mit schlechtem Wetter rechnen. Auch in den Sommermonaten können Kälte und Regen an der Tagesordnung sein. Das bedeutet zwar nicht, dass man nicht drei Wochen lang Sommer pur haben kann, aber man sollte sicherheitshalber lieber vom Gegenteil ausgehen und alles andere als Bonus sehen.
  • Moskitos können einem manch romantischen Zeltabend am See oder im Fjäll verderben, insbesondere im Hochsommer. Ob und wie stark Moskitos nerven, ist allerdings sehr unterschiedlich. Ich hatte letztendlich nur wenige Abende, an denen ich frühzeitig vor ihnen ins Zelt flüchten musste.
  • Alles in allem ist das Landschaftsbild recht monoton, vor allem wenn man es mit dem Nachbarland Norwegen mit seinen vielen Fjorden und Bergen vergleicht. Schweden hat zwar auch Berge, diese sind allerdings bis auf einige Ausnahmen nicht so wirklich gut mit dem Fahrrad zugänglich, solange man kein Mountainbike und viel Lust auf Schieben hat. Auch sind die meisten Straßen durch die Berge Ost-West-Verbindungen. Man kann dann entweder rüber nach Norwegen fahren oder muss auf gleicher Strecke zurück. (Eine Ausnahme ist zum Beispiel der Vildmarksvägen.) Vor allem in Mittel- und Nordschweden prägen Wälder, Moore und Seen die Szenerie. Oftmals fährt man dort stundenlang über einsame Schotterstraßen, ohne dass links und rechts groß was passiert. Für mich persönlich war das mit das Schönste an der ganzen Reise, aber ich glaube man muss ein bisschen der Typ dafür sein.


Hast du noch weitere Fragen oder Tipps rund ums Thema Radfahren in Schweden? Ich freu mich auf deinen Kommentar!

 

 

7 Comments

  1. Ein sehr schöner Beitrag, vielen Dank!
    Ich finde es sehr hilfreich, wie du in deinen Reisebeiträgen systematisch die verschiedenen Themen „abarbeitest“.
    Ich würde gerne noch deine Reiseroute nachvollziehen können – da gucke ich nochmal bei Komoot, ob ich fündig werde.
    Ich habe 2019 eine Umrundung der Ostsee begonnen – immer dicht am Wasser lang, daher sehr langsam und in mehreren Jahresetappen. 2020 habe ich wegen Corona ausgesetzt – du hattest offenbar keine Sorge deswegen?
    Ich bin gespannt, was es von dir weiter noch zu lesen gibt!
    Frank

  2. Jens Armin Dittler Reply

    Ein ausgezeichneter Bericht. Arbeitete von 1964 bis 1974 in Schweden. Und fahre jedes Jahr zum Kajak fahren nach Bengtsfors.
    2009 mit dem Rad von Salzburg ueber Wien, Ungarn, Rumaenien, Ukraine, Weissrussland, Litauen, Estland, Estland, Finnland, Stockholm und Bengtsfors. Diese Jahr, ab naechste Woche von Muenchen ueber Rostock, Trelleborg die Ostkueste hoch bis Stockholm und dann wieder zum Kajak fahren nach Bengtsfors. Diesmal mit dem e-bike da ich inzwischen 79 bin. Ich kann Schweden nur empfehlen. Ein kleiner Tip zur Verpflegung: An jedem Werktag gibt es in fast allen schwedischen Restaurants
    ein Mittagesen(Dagens Lunch) fuer cirka 10 Euro mit Getraenk un Cafe. Frohes radeln und Gruesse aus Spanien, meinem jetzigen Wohnort, Jens Dittler

  3. Hallo, das war wirklich ein sehr spannender Beitrag!
    Würdest du auch empfehlen Schweden zu durchwandern, also von Süd nach Nord zu Fuß anstatt mit dem Rad? Gibt es da Pfade bzw. denkst du, dass das auch landschaftlich interessant ist?
    Wäre cool, wenn du mir da weiterhelfen kannst mit deiner Schweden-Erfahrung :)
    Danke
    Liebe Grüße aus Österreich

    • Wolfgang Sorm-Müller Reply

      Hallo, möchte mich herzlich bedanken für diesen lebendigen Reisebericht. Ich werde das erste Mal für drei Wochen in Schweden unterwegs sein und deine Erlebnisse wecken die Vorfreude. Ich wünsche jederzeit ein paar Zentimeter Luft unter der Felge. Liebe Grüße aus HH Wolfgang

  4. Hallo und Danke für deinen tollen und ausführlichen Bericht.
    Wir werden nächste Woche für 3 Wochen nach Südschweden aufbrechen und obwohl ich schon häufig in Skandinavien und Schweden war: noch nie mit dem Rad. Deine Ausführungen haben mir bei der Planung schon mal einiges geholfen.
    Jetzt muss nur noch das Wetter halten und die Kinder gute Laune haben (wir werden zu viert mit den 2- und 4-jährigen Töchtern im Kinderanhänger unterwegs sein).

    • Fräulein Draußen Reply

      Ich wünsch euch eine schöne Reise und drück die Daumen für Wetter und Kinder! :)

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