Ich hätte nicht weiter weg von allem sein können, zumindest gefühlt. Ich war in der Uckermark, saß im Gras auf irgendeinem Hügel in der Schorfheide, hörte den Kranichen in der Ferne zu und aß einen Apfel, den ich ein paar Wanderkilometer zuvor an einem wilden Baum gepflückt hatte. Es war alles wahnsinnig unaufregend (eine Eigenschaft, die ich an Brandenburg besonders schätze),bis mein Handy klingelte.

Genau genommen klingelte es gar nicht, sondern leuchtete nur auf und ich sah es zufällig. Mein Handy ist eigentlich immer auf lautlos gestellt, und beim Wandern sowieso. Als ich den Anruf annahm, schwappte die Aufregung in hohen Wogen durch den Lautsprecher von Frankfurt bis in die Schorfheide. In Frankfurt fand gerade die jährliche Buchmesse statt, wo sich alle treffen, die irgendwie im weitesten Sinne mit Büchern zu tun haben. Verleger, Buchhändler, Antiquare, Übersetzer, Drucker, Autoren, Literaturagenten (…). Einer von letzteren hatte in seinem Gepäck eine kurze Vorstellung meiner Person und eine grobes Konzept für das Buch, das uns beiden vorschwebte. Und er war auch die Person am anderen Ende der Leitung, mit einer ziemlich aufregenden Nachricht für mich… Aber ich fang lieber noch ein bisschen weiter vorne an.

Der richtigen Zeitpunkt, ein Buch zu schreiben

Ich bekam in den letzten Jahren immer wieder mal Anfragen von Verlagen und Literaturagenten, ob ich mir nicht vorstellen könne, ein Buch zu schreiben. Menschen, die Bücher machen und verkaufen wollen, arbeiten grundsätzlich einfach gerne mit Bloggern zusammen.

Blogger haben Übung im Schreiben (und können es idealerweise auch ein bisschen), Blogger haben Expertise und einen reichen Erfahrungsschatz in ihrem Themengebiet und Blogger bringen natürlich auch schon eine gewisse Leserschaft mit, die sich grundsätzlich für diese Geschichten und Erlebnisse (und somit potenziell auch für das Buch) interessiert. Außerdem suchen Verlage und Agenten manchmal ganz gezielt nach Leuten, die etwas zu einem bestimmten Thema, das ihnen vorschwebt, schreiben könnten; und Blogger werden durch ihre Präsenz im Internet dabei leicht gefunden.

Umgekehrt liegt es natürlich auch für Blogger nahe, ein Buch zu schreiben. Denn Blogger schreiben und erzählen per se sowieso gern und haben in der Regel ein Themengebiet, dass ihnen besonders am Herzen liegt und über das sie gern sprechen.

Auch ich schreibe und erzähle gern, und mein Themengebiet ist ziemlich klar definiert. Trotzdem hab ich diese Anfragen in der Vergangenheit immer abgelehnt. Immer hatte ich das Gefühl, das nicht der richtige Zeitpunkt war, ein Buch zu schreiben. Ich hatte zu viele Pläne, die ich lieber umsetzen wollte, und gleichzeitig hatte ich das Gefühl, dass ich  noch nicht genug erlebt hatte, dass ich meine Geschichte erst fertig erleben musste, bevor ich sie erzählen konnte und wollte. Gleichzeitig gab es natürlich auch Zweifel und Fragen wie: Kann ich ein Buch schreiben? Und will ich überhaupt ein Buch schreiben?

Ich beschloss, mich auf meine Intuition zu verlassen und darauf zu hoffen, dass es sich irgendwann einfach richtig anfühlen würde. Dass der richtige Zeitpunkt, ein Buch zu schreiben, sich mir schon irgendwann offenbaren würde. Und das hatte er dann auch getan.

Von einer vagen Idee zum Verlagsvertrag

Meine erste, innere Reaktion auf die E-Mail meines heutigen Agenten war die gleiche wie bei den anderen E-Mails zuvor. „Lieber noch nicht jetzt, vielleicht irgendwann mal.“ Doch als wir dann telefonierten, schlug er mir plötzlich genau das Buch vor, das ich immer irgendwie im Kopf gehabt hatte:

Ich wollte nicht über irgendwelche Wanderungen, sondern viel mehr über das Gefühl vom Wandern schreiben. Ich wollte Landschaften beschreiben, vor allem aber auch das, was diese Landschaften in mir auslösten. Ich wollte weniger über eine äußere, sondern viel mehr über eine Reise schreiben, und wie diese durch meine Wanderungen und Reisen, durch meine Erlebnisse in und mit der Natur geformt wurde.

„Über eine Reise, die nicht zu einem bestimmten Ort führte, sondern mir nach und nach die Augen öffnete für all die kleinen Dinge, die die Welt da draußen erst zu dem machten, was sie ist: Ein Ort voller Wunder, die zu erkennen ich bis dahin nie so wirklich gelernt hatte.

Um genau diese Reise geht es in meinem Buch. Ich möchte die Geschichten von kleinen Dingen erzählen, die so klein gar nicht sind, allein schon weil sie Großes in mir bewirkt haben. Ich möchte von den Farben des Himmels und den Formen der Landschaft und dem Geruch der Erde erzählen. Von Begegnungen mit wilden und manchmal auch weniger wilden Tieren. Von der Faszination des Wanderns, des langsamen Unterwegsseins in der Natur und davon, was passiert, wenn man beginnt, genauer hinzusehen.

Ich möchte von Momenten des Glücks erzählen, aber auch von den Herausforderungen und Hindernissen, die eine solche Reise in erstaunlich unbekannte Welten mit sich bringt. Und ich möchte von dem erzählen, was ich in mir fand, nachdem ich begonnen hatte, draußen zu suchen.“

[Auszug Prolog]

Da war er also, der Moment, in dem ich wusste, dass ich dieses Buch schreiben wollte. Mein Agent schlug vor, besagtes Kurzkonzept und meinen Lebenslauf mit auf die Buchmesse zu nehmen und „einfach mal vorzufühlen“. Dass dieses „einfach mal vorfühlen“ bereits ziemlich schnell in einem Angebot meines Verlags enden würde, damit hatte ich zu diesem Zeitpunkt aber irgendwie nicht gerechnet.

Ich saß also auf einem Hügel in der uckermärkischen Schorfheide mit einem freudig aufgeregten Agenten am Ohr, der mir die Details des Angebots nannte und sagte, dass ich mich idealerweise bis zum nächsten Tag entscheiden müsse. Ich nahm die Entscheidung ein paar Wanderkilometer mit durch die Uckermark, weil das immer eine gute Idee ist, wenn es etwas wichtiges zu entscheiden gibt. Aber eigentlich gab es nicht viel zu überlegen, und so rief ich am Abend zurück und sagte zu.

Dass ich ein Buch schreiben wollte, das wusste ich in diesem Moment. Nur ob ich eins schreiben konnte, da war ich mir noch nicht so sicher. Aber woher soll man das auch wissen, wenn man es nicht versucht hat.

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt…

In den kommenden Wochen ließ ich die Idee sacken, kritzelte lose Gedankenfetzen auf irgendwelche Papiere und in Notizen-Apps, doch so ein richtiger, handfester Fahrplan wollte sich nicht einstellen. Wo anfangen, wo aufhören, und was zum Henker sollte dazwischen passieren?

Glücklicherweise war ich relativ schnell davon überzeugt, dass ich einfach genauso vorgehen musste wie beim Wandern. Ich musste einfach nur den ersten Schritt machen, und dann den nächsten und dann noch einen, und wenn ich nur genug Schritte machte, würde ich auch irgendwann ankommen, das war quasi unumgänglich, solange ich mich zwischendurch nicht komplett verlief oder irgendwo den Abhang runterstürzte.

Ich hatte noch nie in meinem Leben für etwas einen großartigen Plan gehabt, hatte meinem Gefühl immer großes Vertrauen geschenkt, und irgendwie hatte sich das bisher immer ausgezahlt. Wieso sollte ich das jetzt plötzlich anders machen?

„Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Und jedes Buch beginnt mit dem ersten Satz. Wie bei einer Fernwanderung habe ich mich mit diesem Buch auf eine kleine Expedition ins Ungewisse begeben. Am Anfang schien mein Ziel unendlich weit entfernt, so wie damals das andere Ende Großbritanniens am ersten Tag meiner ersten Fernwanderung. Ich wusste nicht, was mich auf dem Weg erwarten und auf was ich stoßen würde. Ich wusste nur, dass es ganz bestimmt Tage geben würde, an denen ich mich fühlte, als würde ich fliegen – und solche, an denen ich noch nicht einmal wissen würde, wie ich den nächsten Hügel erklimmen sollte. Aber ich wusste auch, dass man immer irgendwann ans Ziel kommt, solange man nur einen Fuß vor den anderen setzt und einfach den Moment genießt. Und dass man niemals die Macht von Pausen und gutem Kaffee unterschätzen sollte.

Wie so oft hatte ich auch für diesen Weg keine feste Route, kein festes Ziel. Nur eine alte Karte, auf der sich Alaska gleich neben Großbritannien befand und Patagonien neben Brandenburg. Und einen Kompass, der mir die ungefähre Richtung vorgab. So viel Planung wie nötig und so wenig wie möglich – mit diesem Vorsatz gehe ich meine Reisen und Wanderungen am liebsten an, und mit diesem Vorsatz habe ich mich auch auf das Abenteuer Buch schreiben begeben.“

[Auszug Epilog]

Ich schrieb also einfach drauf los. Erst in einem in einem kleinen Häuschen im winterlichen Südschweden, später mit Blick auf die portugiesische Küste oder die Schweizer Alpen, und zwischendrin in Zügen und Cafés, oder natürlich am heimischen Schreibtisch. Manchmal schrieben sich die Sätze wie von allein, manchmal brachte ich den ganzen Tag kaum eine ganze Seite zustande. Doch ich merkte mehr und mehr, dass meine Geschichte aufging, dass alles irgendwie Sinn machte, eins zum anderen führte. Und damit meine ich nicht nur die Geschichten in meinem Buch, sondern auch die Geschichte meines bisherigen Lebens. Ich erkannte Schlüsselerlebnisse und rote Fäden, ich erkannte, wie mich das viele Draußensein Stück für Stück verändert hatte, wie ich zu dem Menschen geworden war, den ich einige Jahre zuvor nicht für möglich gehalten hatte.

Ich begann, diesem Prozess zu vertrauen, auch wenn sich das Schreiben zwischendurch einfach nur wie ziemlich harte Arbeit anfühlte. Aber dann war da immer auch dieses Gefühl, in mühevoller Kleinstarbeit etwas zu erschaffen, dass ich am Ende in meinen Händen halten, auf das ich mein ganzes Leben lang stolz sein kann.

… und wenn man genug Schritte macht, ist man am Ziel

Anfang Januar hatte ich mit der konkreten Arbeit am Buch begonnen, und Ende Oktober – pünktlich zu meiner Abreise nach Südafrika – hatte ich das fertige Manuskript abgegeben. Während ich mich bei meinen Blogartikeln oft zum genauen Korrekturlesen zwingen muss, auch weil man kann es online ja sowieso jederzeit ändern kann, kann ich überhaupt nicht zählen, wie oft ich die einzelnen Kapitel, einzelnen Sätze, einzelnen Wörter dieses Buches durchgelesen habe. Manchmal hab ich nur Kleinigkeiten geändert, manchmal ganze Absätze über den Haufen geworfen. Aber bei fraeulein-draussen-buch-final-version-2384702374-jetzt-aber-wirklich.doc war es dann soweit: „Ok, ich drück jetzt auf senden.“

Das Cover für das Buch stand zu diesem Zeitpunkt bereits, es folgten Dinge wie Lektorat (meine Befürchtung, ich müsse vielleicht alles nochmal schreiben, hat sich zum Glück nicht bewahrheitet), die Foto-Auswahl für den Bildteil und das Erstellen der Klappentexte. Die Aufregung stieg, der Tag der Veröffentlichung rückte näher, und dann… kam Corona. Nichts ging mehr auf dem Buchmarkt, es gab quasi keine andere Möglichkeit, als den Termin kurzfristig zu verschieben. Das Buch war zum Glück noch nicht gedruckt.

Mein Verlag und ich einigten uns auf Mitte Juni – ohne zu wissen, was Mitte Juni sein würde. Glücklicherweise hat sich die Situation wieder etwas normalisiert, Buchläden haben geöffnet und es gibt wieder ein bisschen Platz für andere Themen als Corona (wenn auch nicht so richtig viel).

Heute kam ein Paket bei mir an. Darin: Ein Buches. Mein Buch. Das muss ich mir selbst gerade immer wieder sagen, denn so richtig glauben kann ich es nicht – obwohl mein Gesicht und mein Name ziemlich groß auf dem Cover prangen.

Und ich freu mich sehr, dass ich die Geschichten darin nun mit euch teilen kann:

Das Buch ist ab 15.6. dort erhältlich, wo es Bücher gibt – bei Amazon (Werbelink), oder noch besser im kleinen Buchladen um die Ecke.

5 Comments

  1. Wow, so ein Buch!!! Danke, dass Du in Schweden zum Schreiben warst, das Ergebnis ist klasse! In 3 Tagen war ich durch, um nun alles noch mal langsamer zu lesen und zu genießen. Es ist spannend, Dich zu begleiten und vieles wie toller Erdkundeunterricht. Mach weiter so!

  2. Klasse Buch, ich bin zwar noch nicht durch da ich gestern erst angefangen habe, aber es fesselte mich sofort.
    Die ersten Sätze erinnerten mich an meine aktuelle Situation, ich konnte mich sofort genau in deine Lage versetzen und gerade deshalb ist es umso schöner zu sehen wie du mit der Situation umgegangen bist und wie du daran gewachsen bist.

    Klasse Buch aber nicht zu vergessen eine klasse und unglaublich starke Frau. Mach Weiter So!

  3. Ich bin gerade auf Wandertour in Montenegro und Kroatien unterwegs und habe jeden Abend voller Freude Dein Buch gelesen.

    Ich wünsche Dir und allen, die sich für unsere schöne Welt und Natur begeistern, weiterhin tolle Abenteuer.

  4. Liebe Kathrin,

    Dein Buch liegt hier – und wir demnächst gelesen.

    Dieser Bericht über die Entstehungsgeschichte Deines Erstlings macht schon mal sehr neugierig. Deine Freude und Aufregung kann ich gut nachempfinden, wo ich ja selbst schreibe und Bücher veröffentliche.

    Viel Erfolg, alles Gute und liebe Grüße

    Christof

  5. Herzlichen Glückwunsch und danke, liebe Kathrin, für dein schönes Buch, das ich kürzlich mit großer Freude und oftmals auch Rührung bei einem Wanderurlaub in den Alpen verschlang. Ich konnte mich teils so stark mit deinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen identifizieren, dass ich fast den Eindruck hatte, meine eigene Geschichte zu lesen – bloß besser artikuliert, als ich es jemals könnte, und mit variierenden Details, klar. Wenn mich also in Zukunft mal wieder Jemand fragt, warum ich immer wieder diese „verrückten“ Abenteuer unternehme, brauche ich ihm/ihr nur noch dein Buch in die Hand zu drücken. ;)

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