[enthält Werbung] Alles grau in grau, die Wolken hängen gefühlt tiefer denn je… in diesen späten November-Tagen ist es manchmal schwer vorstellbar, dass es auch noch eine Welt über den Wolken gibt. Aber nach den letzten beiden Tagen kann ich euch sagen: Es gibt sie tatsächlich!

Wenn man an die Schweiz denkt, denkt man wohl vor allem an eines: Hohe Gipfel, schroffe Berghänge, mächtige Gletscher. Dramatisch, beeindruckend, atemberaubend. Im Jura-Gebirge sucht man diese Landschaft allerdings vergeblich, die Alpen sind lediglich in der Ferne erkennbar (was bei guter Sicht allerdings ebenfalls ziemlich beeindruckend ist). Dass das Jura „trotzdem“ eine wunderschöne und mitunter ziemlich einzigartige Welt ist, konnte ich bereits letztes Jahr während meiner Wanderung auf dem Jura Höhenweg feststellen.

Eigentlich wollte ich immer mal für eine Schneeschuhtour dorthin zurückkehren, aber nachdem der Winter dieses Jahr nach einem frühen Aufbegehren doch noch mal klein beigegeben hat, hab ich mir statt den Schneeschuhen einfach das Rad geschnappt.


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9 Grad und Sonne versprach der Wetterbericht für den Chasseral, den höchsten Punkt im Berner Jura. Unten in Biel war davon allerdings nicht besonders viel zu sehen oder zu spüren. Es war kalt, feucht, und so richtig hell wurde es selbst lange nach Sonnenaufgang nicht. Ich musste möglichst schnell nach oben, keine Frage! Und nach oben ging es dann auch. Nicht unbedingt schnell, aber steil. Manchmal auch steiler, als mir lieb war. “Hike A Bike” sollte zum Motto des Tages werden.

Nach den ersten paar hundert Höhenmetern wurde der dichte, graue Nebel langsam heller, die Luft wärmer, irgendwann sah ich erste Streifen blauen Himmels, und bald darauf schien mir die Sonne mitten ins Gesicht. Die Höhenzüge des Jura ragten wie eine Inselkette aus dem Wolkenmeer, die Alpen taten das selbe auf der anderen Seite der riesigen, weißen Bucht. Ich verfrachtete mich und mein Rad immer weiter nach oben, mal schiebend, manchmal fahrend, bis ich den langgezogenen Bergrücken rund um den 1.382 Meter hohen Mont Sujet erreicht hatte.

In den Sommermonaten grasen jede Menge Kühe oben im Jura. Ein großer Teil der Fläche ist Weideland und die Glocken der Kühe sind ein ständiger Begleiter. Ende November aber war von den Tieren weit und breit nichts zu sehen. Viele von ihnen waren in die Täler gezogen, andere in die Ställe, oder zumindest nah an diese heran. Auch die Vögel und der Wind hatten nicht viel zu sagen. Kurzum: Es war unglaublich still, alles schien gedämpft, und beim Blick auf die Wolkenmatte fühlte ich mich ein bisschen so, als würde ich mit eingeschalteten Noise-Cancelling-Kopfhörern im Flugzeug sitzen. Nur dass die Luft sehr viel besser war und statt Tomatensaft und matschigem Essen Isostar und Müsliriegel serviert wurden.

Außer mir waren nur wenige andere Wanderer und Mountainbiker entlang meiner Route unterwegs. Apropos Route: Den Swiss Jura Explorer hatte ich erst am Vorabend entdeckt und spontan als Routeninspiration auf mein Navi geladen. Allerdings sollte sich die Befürchtung, dass mein schlankes Canyon Grail vielleicht nicht die allerbeste Wahl für diese Route war, schnell bestätigen. Auf dieser ersten Etappe war der Untergrund oft vom geschmolzenen Schnee aufgeweicht oder mit Steinen übersäht, die die Kategorie “Gravel” definitiv überschritten. Das in Kombination mit teils steilen Anstiegen verholf mir zu einigen ausgiebigeren Wandereinlagen. Dafür wiederum war mein leichtgewichtiges Rad allerdings wiederum ziemlich perfekt, und irgendwie habe ich diese Herausforderung auch ziemlich genossen.

Mein Tipp

Bei Komoot kannst du GPX-Tracks hochladen und anschließend beliebig an deine Wünsche anpassen. Anschließend kannst du die Route speichern, mit anderen teilen und zur Offline-Nutzung auf deinem Smartphone abspeichern. Beim Radfahren nutze ich Komoot meist in Verbindung mit meinem Wahoo Elemnt Roam* Fahrradcomputer, der sich ganz einfach und unkompliziert mit Komoot synchronisieren lässt. So sind auch spontane Routenänderungen unterwegs möglich.

Nach einer kurzen Bergab-Passage folgte ein weiterer längerer Anstieg hoch zum Jura-Hauptkamm. Der Chasseral mit seiner markanten Antennenkonstruktion war von hier nicht mehr weit entfernt, allerdings hatte ich dem auf meiner Wanderung im Vorjahr bereits einen Besuch abgestattet. Deswegen ging es für mich direkt auf der Nordseite des Kamms wieder bergab, bis in den rund 650 Meter tiefer gelegenen Ort Sonceboz-Sombeval. Auf dem Weg dorthin wurde mir so kalt, dass ich kurz, aber dennoch ziemlich ernsthaft darüber nachdachte, einfach in den Zug zu steigen und meine als Overnighter geplante Tour in einen Tagestrip umzuwandeln. Immerhin war es so gut wie Winter, die Sonne zeigte bereits erste Anzeichen ihres Untergangs, Hunger hatte ich irgendwie auch…  und da konnte mir das doch wirklich niemand verübeln (auch nicht ich selbst).

Glücklicherweise siegte meine Abenteuerlust aber doch über den lauten Ruf meiner warmen, gemütlichen Couch. Also stockte ich im Supermarkt meine Vorräte auf und machte mich bereit für den letzten Anstieg des Tages. “Ob es denn nicht kalt wäre”, fragte mich ein älterer Mann vor dem Supermarkt, eher bewundernd als besorgt. “Ein Bisschen”, antwortete ich, “aber ein bisschen ist schon okay.”

Und mir sollte nicht lange kalt bleiben, denn es lagen noch rund 500 Höhenmeter zwischen mir und der Gegend, die ich mir zum Übernachten auserkoren hatte. Gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang kam ich dort an, mit gerade mal 40 Kilometern, aber immerhin rund 1.700 Höhenmetern auf dem Tacho. Irgendwie zu langsam für eine Radfahrt, zu schnell für eine Wanderung, aber wen interessiert das schon, solange man am Ende des Tages zufrieden ist.

Der nächste Morgen begann mit der unguten Erkenntnis, dass ich mir keinen Kaffee kochen konnte. Ich hatte mich irgendwie beim Wasser verkalkuliert und musste etwas sparsam umgehen. Dinge wie Bäche sind in den höheren Lagen des Jura sowieso sehr rar gesät, im Winterhalbjahr kommt hinzu, dass alle Viehtränken abgeschaltet sind, Bauernhöfe oft nicht oder nur wenig in Betrieb, und auf die Öffnungszeiten von Cafés und Restaurants kann man sich zu Zeiten von Corona auch nicht verlassen.

Also gab es zum Frühstück ein paar Schlucke Wasser, einen Müsliriegel und die Hoffnung, den Kaffee bald nachholen zu können. Das Wolkenmeer schien gänzlich unangetastet, die Sonne strahlte mindestens so schön wie am Vortag. Und bald schon hatte ich an einem schattigen Hang ein paar akzeptable Schneereste gefunden, die ich in meine Flaschen abfüllte. Zwei Flaschen Schnee ergaben wenig später genau eine Tasse Kaffee, und die genoss ich nun umso mehr. Zumal ich mir am Tag zuvor endlich mal einen wiederverwendbaren Kaffeefilter* zugelegt hatte, und der wollte unbedingt eingeweiht werden.

Mit dem heißen Kaffee im System radelte es sich gleich noch ein bisschen schöner über meine Insel im Wolkenmeer. Und heute konnte man das, was ich tat, tatsächlich sogar einigermaßen guten Gewissens als Radfahren bezeichnen. Die Ansteige hielten sich in Grenzen, die Wege waren wie für mein Rad gemacht. Kilometerlang konnte ich so vor mich hinfahren, in schönstem Sonnenschein und mit dem allerbesten Blick auf die Wolken und den Alpenhauptkamm. “Das ist es, wofür Fahrräder gemacht sind”, konnte ich nur denken. “Besser geht’s einfach nicht.”

Irgendwann kam der Moment, in dem ich mich mit dem Gedanken anfreunden musste, wieder einzutauchen in die weiße, fluffige Masse, die von unten aus betrachtet bestimmt gar nicht mehr so weiß und fluffig aussehen würde. Kurz bevor dieser Punkt gekommen war, fand ich aber glücklicherweise noch ein geöffnetes Restaurant, in dem ich mich mit Cola und Rösti auf den vermutlich schwierigsten Moment dieser Tour emotional und körperlich vorbereiten konnte. Und das war auch gut so, denn tatsächlich war dieser Moment sogar noch ein bisschen schlimmer als erwartet.

Ein letzter Blick auf die goldene, helle Scheibe, und wenige Meter später war sie verschwunden. Die Temperatur sank schlagartig um gefühlte zehn Grad, die feuchte Kälte kroch in meinen Körper, als hätte der Nachtkönig höchstpersönlich meine Hand geschüttelt. Alles was mehr als zehn Meter von mir entfernt war, versank komplett im Nebel. Und als nach wenigen Minuten auch das letzte Stückchen gemütliche Wärme aus meinem Körper gewichen war, war es ziemlich scher vorstellbar, dass es auch eine andere Welt gab, da oben über den Wolken. Auch wenn ich es ja eigentlich besser wusste.

Meine Route

Ich habe mich für einen Großteil meiner Planung an der Route Swiss Jura Explorer orientiert, die von Project Pedal Further “erfunden” wurde und auf einer 249 Kilometer langen Runde durchs Schweizer Jura führt (Start- und Endpunkt ist Biel). Hauptsächlich auf unasphaltierten Wegen und mit fordernden 6.000 Höhenmetern Anstiegen. Ich werde auf jeden Fall nochmal mit meinen 2.1-Zoll-Reifen zurückkehren!

Tag 1: Biel – Sonceboz-Sombeval, 40 km, 1.700 hm Anstieg (relativ viele steile Ansteige und unwegsamere Passagen)

Tag 2: Sonceboz-Sombeval – Grenchen, 30 km, 500 hm Anstieg (deutlich einfacher zu fahren als der Vortag; wer mag kann der ausgeschilderten Mountainbike-Route noch weiter folgen und erst nach Solothurn abfahren, dieser Abschnitt ist allerdings teilweise wieder etwas unwegsamer)

 

 

 

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