Ich hatte gerade erst „Auf den Spuren Dschingis Khans: Drei Jahre zu Pferd von Asien nach Europa“ von Tim Cope fertig gelesen und hing immer noch meinen Tagträumen nach, in denen ich selbst auf dem Pferderücken durch die weiten Steppen Asiens galoppierte, da trudelte die E-Mail von Vanessa ein. Ob ich nicht Lust hätte auf einen Gastartikel über ihr gerade erst vergangenes Abenteuer: Mit einem eigenwilligen Hengst, einem kitzeligen Yak und einem unruhigen baktrischen Kamel durch den Pamir. Äh… ja! Das hatte ich!! Und hier kommt er auch schon. Ein wunderbarer Artikel über eine einzigartige Reise durch eine der für mich faszinierendsten Gegenden dieser Erde.


Dieser Artikel ist Teil meiner Reihe „Outdoorfrauen-Spezial“, in der ich auch anderen Frauen, die abenteuerlich Reisen und das Draußensein lieben, die Möglichkeit geben möchte, ihre Geschichte zu erzählen. Mehr Infos dazu und wie Du selbst mitmachen kannst findest Du hier.


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Wer wie ich in einer Großstadt lebt, sehnt sich sicher manchmal nach dem ganz einfachen Leben, fernab vom Trubel der Stadt. Aufstehen, rausgehen. Von einer Weite, die berauscht, umarmt werden. Im Galopp über die Ebene fliegen sowie Schafen, Kühen, Ziegen und Pferden beim Grasen zusehen. Das Pamirgebirge in Zentralasien ist so ein Ort.

Wo Tadschikistan aufhört und Afghanistan beginnt

Badachschan ist das raue Grenzgebiet zwischen Tadschikistan und Afghanistan. Der rauschende Panji trennt beide Länder in Form eines wunderschönen Tals mit massiven Felswänden von über 2.000 Metern Höhe. Ein schmaler Uferpfad verbindet die weit über die umliegenden Bergkuppen verstreuten Bauernhöfe, von denen die meisten wie senkrechte Kästen aus Lehm aussehen. Wir sind unterwegs von Duschanbe auf der schmalen Rumpelpiste durch den Wachankorridor, dem Pamir Highway. Er ist 1.252 Kilometer lang und zählt zu den höchstgelegenen Straßen der Welt, die sich über mehrere spektakuläre Pässe hinüber bis Osch in Kirgistan zieht.

Das Geheimnisvolle und Faszinierende an dieser Gegend entschädigen Qurboni und mich für die unbequeme Fahrt. Qurboni kennt hier jeden Zentimeter der Strecke. In der Mittagssonne am Ufer beobachten wir immer wieder vereinzelt Frauen in hellblauen Burkas. Männer mit traditioneller Kopfbedeckung sind auf dem Motorrad und Kinder mit strohbeladenen Maultieren unterwegs. Plötzlich lässt mich ein unvermittelter, das Tal durchdringender Schall aufschrecken: Afghanische Bauarbeiter sprengen einen Weg durch den Stein – handmade. Für die Afghanen ist die M41 einen Steinwurf weit entfernt und trotzdem unerreichbar.

Auf der Fahrt in Richtung Nordosten wird der Panji und mit ihm das Tal zwischen Pamir und Hindukusch breiter. In der Ferne erscheinen die schneebedeckten Gipfel der 7.000 Meter hohen Berge im Wachankorridor, dem nördlichsten und isoliertesten Gebiet Afghanistans. Ruinen alter Seidenstraßen-Forts wie die größte erhaltene Verteidigungsanlage Yamchun oder Khakha-a überraschen in dieser abgelegenen Gegend mit spektakulären Ausblicken. Unweit der Festung Yamchun liegt auf 4.500 Metern die heiße Quelle Bibi Fotima, deren Wasser besondere Heilkräfte haben soll. Abwechselnd baden hier Männer oder Frauen mit Kindern. Besser kann man sich von dem vielen Schönen und dem Aufregenden dieser Reise kaum erholen. So wurde auch mein geduldiges Warten vor Ort belohnt. Denn an dem Tag, als wir Bibi Fotima besuchen wollten, genoss natürlich zuerst der Gouverneur von Badachschan ein ausgiebiges Privatbad in der berühmten heißen Quelle.

Hinter dem Dorf Langar im Wachankorridor gehört die Straße uns. Irgendwann entdecken wir auf der afghanischen Seite eine rastende Karawane mit Pferden und Kamelen sowie etlichen Gütern. Sie sind kirgisische Whaki, die ethnische Minderheit, die hier im Wachankorridor lebt. Sie grüßen uns, wir grüßen zurück. Ich habe so viel über sie gelesen und freue mich über diese Begegnung. Es trennen uns keine fünf Meter und doch bleibt die Grenze in unseren Köpfen und in unserem Verhalten bestehen. Jeder bleibt auf seiner Seite.

Wir fahren also weiter und verlassen den Korridor. Die Berge erinnern mich nun an gefaltete Teppiche und die Luft hier oben am Kargush-Pass (4.334 m) wird immer dünner. Nach unendlichen Stunden endet unsere holprige Fahrt auf dem Verbindungsstück zwischen dem Wachan-Tal und dem Pamir Highway. Wir erreichen Bachor. Es ist ein quirliges Dorf. Die Existenz von Straßen und Wegen richtet sich hier nach den Launen der Natur. Für Qurboni und mich ist das tendenziell kein Problem. Wir haben ein sehr robustes Fahrzeug. Viele kleine Minibusse, made in China, stoßen hier allerdings an ihre Grenzen. So kommt es, dass wir auf den letzten Metern gestrandete Omis mit nach Bachor nehmen. Ihr kleines chinesisches Auto hat es nur bis in die Mitte des reißenden Baches geschafft, der die Dörfer hier trennt. Hier erfahre ich auch, dass wir die ursprünglich geplante Strecke von Karakul nach Jizev über Badara und Gudara nicht nehmen können, weil die Verbindungsbrücke eingestürzt ist.

Bachor ist ein Dorf auf 3.600 Metern Höhe in der nördlichen Alichur-Gebirgskette des Pamir. Hier leben ca. zehn Familien von Ackerbau und Viehzucht.  Und hier gibt es Pferde – seltene Geschöpfe im Pamirgebirge. Aufgrund der Höhe und der extrem kargen Vegetation ist die Pferdehaltung äußerst schwierig. Was es hier hingegen immer gibt, das ist Strom, und zwar dank der Gletscher im Nationalpark Pamir. Im restlichen Land, insbesondere in Richtung Murghab, ist Strom ein seltenes und luxuriöses Gut. In Bachor übernachte ich das erste Mal in einem traditionellen Pamir-Haus, bei Qurbonis Verwandten. Es besteht aus einem Hauptzimmer, welches durch fünf Balken gestützt wird, die namentlich für die Hauptpropheten des Islams stehen. Licht fällt durch ein mittiges Dachfenster – Tschorchona genannt – in den großen Raum. Die aus vier Quadraten bestehende Holzkonstruktion der Tschorchona spiegelt die Elemente Erde, Wasser, Luft und Feuer wieder, Elemente des zoroastrischen Glaubens. Es gibt Pamir-Tee, bestehend aus Milch, Butter und schwarzem Tee, in welchen wir unser Brot eintauchen. Ein warmes Bett wird für mich auf dem erhöhten Fußboden aus unzähligen deckenähnlichen Matratzen hergerichtet. Die Familie selbst schläft in einem einfachen Zimmer im kleinen Nebenhaus bei den Tieren.

Pferdetrekking in Tajikistan: Mit dem verliebten Hengst Kutai zum Yashilkulsee

Nun, zur Halbzeit meiner Reise, beginnt endlich auch deren Höhepunkt. Das Pferdetrekking von Bachor zum Yashilkulsee, dem smaragdgrünen See von Tadschikistan. Die nächsten vier Tage geht es ca. 70 Kilometer über Stock und Stein bis auf eine Höhe von knapp 4.000 Meter. Zivilisation gibt es hier keine. Handyempfang erst recht nicht. Alek ist mein Guide und Begleiter für die nächsten Tage. Wir werden weitestgehend auf uns selbst gestellt sein. Nur einige wenige Kühe, Esel und Ziegen werden unseren Weg kreuzen.

Tag 1: Von Bachor bis Sawzasich (15 km)

Los geht’s. Kutai begrüßt mich mit einem energischen Wiehern. Dachte ich zumindest. Denn eigentlich gilt das Wiehern  nicht mir, sondern der Stute des Nachbarn. Sie wird unser Packpferd sein. Nachdem wir die Sachen für die nächsten vier Tage gepackt und die Pferde beladen haben, geht es los. Für Tag eins steht ein kurzer Akklimatisierungsritt von 15 Kilometern entlang des Flusses Ghund an, um die Pferde und das Gelände kennen zu lernen. Und das ist leichter gesagt als getan.

Herausforderung Nummer eins: Wie schaffe ich es, in den Sattel von Kutai zu kommen? Als ich aufsitzen will, steigt Kutai. Ok, kann mal jemand die Stute aus Kutais Blickfeld nehmen? Etwas Zeit geht ins Tal, doch ich finde den richtigen Zeitpunkt und sitze endlich auf Kutai. Die nächste Herausforderung folgt zugleich: Wie überquere ich mit Kutai eine Hängebrücke? Jetzt muss die Stute unbedingt wieder in sein Blickfeld gerückt werden. Während ich erstmals an meinen reiterlichen Fähigkeiten zweifele, überquert die Stute cool und gelassen die Brücke. Kutai und ich folgen ihr, als wäre nichts gewesen.

Gegen Mittag erreichen wir unser wunderschönes Lager in Sawzasich. Die einzigen, die hier bereits auf uns warten, sind die ersten Kuhherden dieses Jahres. Alek und ich unternehmen am Nachmittag einen kleinen Ausflug in der Gegend, bevor er ein köstliches Abendessen aus Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln zaubert. Danach sammeln wir Holz für ein wärmendes Lagerfeuer, schauen in die Sterne und schlafen ein. Für die nächsten vier Nächte ist das unser allabendliches Ritual.

Tag 2: Von Sawzasich bis zum Yashilkul-Damm/-Tal am Fluss Langar (20 km)

Mit dem Sonnenaufgang wecken uns die wiehernden Pferde. Sie haben Durst und müssen zur Wasserstelle gebracht werden. Nach einem gemütlichen Frühstück mit Pamir-Tee geht es weiter. Ich sattele Kutai und glaube, wir haben uns nun aneinander gewöhnt. Doch durch den Dornenwald will das Pferd ganz schnell hindurch. Wen es dabei auf seinem Rücken hat ist ihm offenbar egal. Ich versuche, mich irgendwie auf Kutai zu halten. Augen zu und durch! So reiten wir durch den Dornenwald hinauf bis zum nächsten Hochtal. Oben angekommen muss ich mich akklimatisieren und Kraft für den morgigen Tag sammeln, denn die Luft ist sehr dünn.

Der Abend malt riesige Gebirgsschatten auf die kleine Grasfläche am Fluss, dazwischen Kuh- und Pferdeschatten. Der Himmel lässt die Bergkuppen ein letztes Mal erstrahlen. Und spielt eine Sinfonie in vier Akten: Im Osten sind die Wolken schwer vom Regen, im Süden tanzen sie in Licht getupft. Im Norden ziehen sie wie eine Schafherde über das Himmelsmeer, der Westen probt bereits das Abendrot, leicht und schwebend.

Tag 3: Das Tal am Langar entlang bis Marjanoy (25 km)

Heute wird es einen langen Ritt geben. Es ist ein Auf und Ab über ein Meer von Steinen. Die Gedanken verziehen sich, mein Kopf wird freier. Ich werde geerdet, denn hier gibt es nichts, wodurch ich mich zerstreuen kann. Ich konzentriere mich ganz auf Kutai, Alek, die Stute und die Umgebung. Das Einzige, was mich tatsächlich ablenkt, ist der Griff zum Fotoapparat. Gerade zeigt sich zum ersten Mal der Yashilkulsee, doch dann kommt der Sturm. Man sieht ihn schon von Weiten harmlos aufziehen. Als wir den Langar-Pass auf 4.630 Metern erreichen, peitscht er zwischen Himmel und Sattel über uns hinweg, mit wehenden Mähnen und verwehtem Haar versuchen wir alle, standhaft zu bleiben. Es donnert wundervoll. Schwere Gewitterwolken kommen zusammen, auf dem Dach der Welt scheint das Ende nah. Es regnet, es schneit, es hagelt; und so schnell der Sturm gekommen ist, so schnell zieht er vorüber. Zurück bleibt ein strahlendblauer Himmel.

Mühsam nähern wir uns dem Ufer des Yashilkul. Wir reiten entlang kleiner Strände an steilen Berghängen. Die Einzigen, die wir hier treffen, sind die Reste verendeter Yaks. Kutai gefällt der Sand so sehr, dass er ihn für ein spontanes Bad nutzt, natürlich ohne mich zu fragen. Es bleibt bei einem kurzen Schrecken, er begräbt mich nicht.Der Yashilkulsee, der grüne See, befindet sich zwanzig Kilometer abseits des Pamir Highway. Der Anblick ist unglaublich. Um uns herum keine Menschenseele – nur ockerfarbene Berge, Sand, Steine, ein blauer Himmel und der See. Schnell bemerken wir die unheimliche Stille, die hier herrscht. Die einzigen Geräusche, die wir hören, verursachen wir selbst. Eine ungewohnte, aber spannende Atmosphäre. Wir richten auf 3.700 Metern unsere Zelte her, kühler und kräftiger Wind besucht uns, wie in den letzten Tagen, immer ab Mittag.

Tag 4: Von Marjanoy bis Sumantash (15 km)

Eine Herde Schafe und ihr Schäfer ziehen über die Hügel. Die Sonne geht auf und beginnt sofort, uns zu wärmen. Wir waschen uns kurz am eisigen See, trinken Pamir-Tee und essen die letzten Brote. Nachdem wir die Pferde gesattelt haben, geht es weiter entlang des Yashilkulsees. Es ist windstill und wolkenlos. Gegen Mittag treffen wir auf alte chinesische Ruinen aus der Zeit der Kushan-Dynastie (3.–4. Jh. v. Chr.). Unweit der Ruinen liegt die heiße Quelle von Suman Tash. Nachdem wir ein letztes Mal unser Lager aufgeschlagen haben, genieße ich ein Bad in der heißen Quelle. Es ist ein unbeschreiblicher Luxus im Nichts, auf knapp 4.000 Metern Höhe. Kirgisische Hirten ziehen mit ihren Kühen und Eseln an mir vorbei, während ich das Bad genieße.

An unserem letzten Abend auf dem Dach der Welt schauen Alek und ich stundenlang in den Himmel. Wir trinken sein Blau, wandern mit den Wolken und Kühen am Suman Tash entlang. Wir werden nicht müde davon, alle paar Minuten wandelt er sich. Er zeigt sich in seinen majestätischsten Sonnenuntergangsfarben und in seinem wundervollsten Sternenkleid. Bevor es zu kalt wird, nutzen wir ein Grab als Feuerstelle (die Kirgisen und Kushanen mögen uns das verzeihen), um uns zu erwärmen.

Wir bleiben nicht lange unentdeckt und erhalten eine Einladung vom Schäfer, uns bei ihm in der Hütte aufzuwärmen. Wir trinken Wodka und singen, und wachen dennoch am nächsten Tag in unseren Zelten wieder auf, als uns Qurboni lautstark mit seinem Jeep weckt.

Mit dem kitzeligen Yak Tormar auf der Suche nach Marco-Polo-Schafen in Alichur

Vom Pferd aufs Yak. In Bulunkul, dem kältesten Ort im Pamirgebirge, und am gleichnamigen See treffe ich Qurboni wieder. Ich verabschiede mich von Kutai, Alek und der Stute. Ich wünsche ihnen einen guten Heimweg, während ich mich in den komfortablen Sitz unseres Land Rovers fallen lasse. Nach einer kurzen Fahrt durch eine bizarre Mondlandschaft vorbei am Sasykul (Salzsee), erreichen wir den kleinen Ort Alichur auf 3.600 Metern, in dem mehrheitlich Kirgisen leben. Hier treffen wir auf den „Yakman“ und Ranger Erisbay. Mit ihm fahren wir noch ein Stück zu seiner Herde inmitten des Hochplateaus.

Der Wind pfeift. Während Erisbay zwei Yaks aus der Herde holt, wärmen wird uns im Hirtenhaus auf. Die Yaks sind in der Gegend um Alichur seit über 4.000 Jahren ein Sinnbild für die Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung der kirgisischen Nomaden. Sie sind ihre treuen Begleiter. Das gesamte Leben der Nomaden kreist hier um das Wohlergehen ihrer Herde. Das Tier trägt für sie Lasten von über 100 Kilogramm über steilste Gebirgspfade und nahezu jedes seiner Teile ist verwertbar: die Milch, die Haare, das Fleisch, der Kot.

Während wir uns mit Tee und Yak-Joghurt stärken, hat Erisbay für mich den sechsjährigen Yak Tormar gesattelt. Er heißt so aufgrund eines weißen Abzeichens auf seiner Stirn. Tormar ist eine unsinkbare, grunzende und genügsame Geländekuh mit Pferdeschwanz. Mir gefällt er. Der Yak ist ein Tier, das aus der Kälte kommt, denn selbst der Sommer im Pamirgebirge ist einigen Vertretern dieser Rasse zu warm, was sie dazu veranlasst, regelmäßig ein abkühlendes Bad zu nehmen, zum Beispiel im eiskalten Fluss Murghab. Im Pamirplateau züchten die kirgisischen Nomaden Haus-Yaks wie Tormar. Sein für Rinder einmaliges Haar schützt ihn an jeder Körperstelle. Normalerweise ist es mehrschichtig und die Bauchmähne zum Schutz bodenlang. Jetzt trägt Tormar allerdings eine sommerliche Kurzhaarfrisur. Er ist ein trittsicherer, unübertrefflich stabiler, weicher und warmer Yak, aber vor allem ist er kitzelig. Über sein sehr kleines Maul und seine äußerst feinfühlige und bewegliche Oberlippe lässt er sich durch mich ein wenig steuern, aber nur, wenn ich ihn regelmäßig links und rechts kitzle.

Einen Yak zu reiten erfordert dauerhaft energische Schenkel und einen Ganzkörpereinsatz. Ein Pferd vorwärts zu bewegen ist demgegenüber ein Kinderspiel. Ich habe das Ganze ungefähr eine Stunde ausgehalten. Wenn ich ihn kitzle, geht es im Trab vorwärts über die wenigen grünen Wiesen und durch viele kleine Bäche. Erisbay läuft wachsam neben mir her und hält durch sein Fernglas immer wieder Ausschau nach den seltenen Marco-Polo-Schafen, den sogenannten Pamir-Argalis. Auf diese Weise geht es zwei Tage abwechselnd auf Tormar oder neben ihm durch die nördliche Alichur-Kette. Leider haben wir an beiden Tagen kein Glück, was die Riesenwildschafe betrifft. Dafür lerne ich, wie der Wollfilz für die Jurten hergestellt wird.

Muztagata voraus! – Eine Kamelwanderung mit dem ungeduldigen Kamelhengst Ariol auf dem Weg zur chinesisch-tadschikischen Grenze

Auf dem Weg nach Karakul, dem nördlichsten Punkt auf meiner Reise durch Tadschikistan, machen wir einen kurzen Stopp in Murghab, um von dort aus den wirklich „allerletzten Ort“ von Tadschikistan zu besuchen – Rankul. Murghab ist eine kleine Bergstadt mit rund 5.000 Einwohnern auf dem Murghab-Plateau in ca. 4.000 Metern Höhe im östlichen Tadschikistan. Wie in Alichur sind die Einwohner mehrheitlich ethnische Kirgisen, obwohl sie sesshaft in Häusern leben. Es ist der Ort, an dem der Pamir Highway und die Hauptstraße, die Tadschikistan mit China über den Qulma-Pass verbindet, aufeinander treffen, also ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Ein Ort, an dem wir zum ersten Mal seit einer Woche wieder so etwas wie Zivilisation erleben. Es gibt ein Krankenhaus, eine Militärbasis, den Basar, eine Bank, Cafés und Gästehäuser. Das Highlight allerdings sind die öffentlichen Banjas (Badehäuser) jeweils am Anfang beziehungsweise am Ende der Stadt, natürlich nur getrennt von Männern oder Frauen zu benutzen. Qurboni hat eine Überraschung für mich: „Heute ist Banja-Tag für Frauen.“

Die Gegend rund um Murghab muss man sich wie eine sehr hoch gelegene Wüste vorstellen, mit extrem wenig Niederschlag und unerträglichen Temperaturen, im Sommer wie im Winter, und mit ungemütlichen Winden. An einem Tag in Murghab kann man alle Jahreszeiten erleben, berichtet mir Aldina, meine Gastgeberin. Sie spricht ein wenig Deutsch und begleitet mich zum Banja. Ich bin ihr erster Gast in diesem Jahr. Murghab ist ein wichtiger Ort für Reisende, obwohl ich keinen einzigen anderen Reisenden hier treffe. Murghab ist außerdem der beste Ort, um zu den abgelegenen Orten in den Bergen der Grenzregionen zu Kirgistan und China zu gelangen, und es ist eine wichtige Station für Reisende nach und von Kirgistan. So rasten wir hier eine Nacht.

Während Qurboni unser Gefährt versorgt, zeigt mir Aldina Murghab. Zugegeben, es ist kein schöner Ort und er ist sehr überschaubar. Die Leute sitzen den ganzen Tag auf der Straße und leisten sich gegenseitig Gesellschaft. Denn Murghab hat ein Problem: Es gibt kaum Arbeit. Eine soziale, kulturelle und wirtschaftliche Infrastruktur, wie wir sie von unseren Städten kennen, fehlt hier gänzlich. So trifft man sich auf der Straße und verbringt dort den Tag. Es gibt keine Hektik. Seltsam, aber auch beeindruckend. Aldina und ich erreichen in den frühen Abendstunden die Banja für Frauen. Es raucht schon von Weitem aus dem Schornstein. Im Badehaus ist es herrlich warm. Purer Luxus. Wir haben uns für zwei Schwitzbäder entschieden. Anders, als ich es in Kirgistan erlebt habe, wird man hier nicht abwechselnd mit warmem und kaltem Wasser abgespritzt und mit Reisigzweigen durchblutet. Nein, hier bekomme ich einen Eimer mit extrem kaltem und einen mit heißem Wasser in die Hand gedrückt. In der Banja riecht es ein wenig nach Kuhdung, mit dem dieses Kleinod befeuert wird. So nehmen wir mit unseren Eimern Platz und beginnen ausgiebig zu schwitzen und uns zu waschen. Eine wahre Wohltat für mein Gemüt und meine Glieder, und ein wunderbares Mittel für einen erholsamen und tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen gibt es ein ausgiebiges Frühstück mit Blick auf den Muztagata (7.509 m) in China – unsere Richtung für heute. Qurboni und ich machen uns auf den Weg zu den Seen Shorkul und Rankul und zu den gleichnamigen Dörfern. See und Dorf befinden sich jeweils 20 Kilometer beziehungsweise 50 Kilometer östlich des Pamir Highways und jeweils ca. 50 Kilometer und 80 Kilometer nordöstlich von Murghab. Rankul besteht aus einer Ansammlung von Häuschen und einer Militärbasis. Die Schule, die Gesundheitsstation und das Gemeindezentrum sind durch einen großen Platz miteinander verbunden und bilden sozusagen das Zentrum von Rankul. Hier wartet bereits Nursultan, mein Guide, mit den Kamelen.

Als wir ankommen, stellt mir Nursultan mein Kamel vor, den zehnjährigen Ariol. Er ist mäßig bemessen und gerade dabei, die letzten Überbleibsel seines braunen Wintermantels zu verlieren. Schnell sind fast der ganze Ort und einige Militärs um uns versammelt, um zu sehen, was hier passiert. Ich bin wahrscheinlich eine willkommene Abwechslung für die Bewohner. Deren Blicke reichen von Neugier, Freude und Skepsis bis hin zu Fassungslosigkeit, weshalb eine Ausländerin hier unbedingt ein Kamel reiten möchte. Mit einem heftigen Schwung geht es nach oben auf zwei Meter Kamelrückenhöhe. Was für ein grandioser Ausblick von Ariols Rücken auf den Muztagata, den „Vater der Eisberge“! Nursultan schwingt sich ebenfalls auf sein Kamel und es kann losgehen.

Ariol ist das erste baktrische Kamel, das ich reite. Sein breiter Rücken zwischen den beiden Höckern fühlt sich komfortabel an, bedeutet aber auch, dass meine Beine einen ungewohnten Winkel einnehmen müssen. Im Schritt fühlt sich die Kamelwanderung wie eine Schaukelstuhl-Partie an, doch auf einmal schaltet Ariol den Autopiloten ein und wechselt vom Schritt in den Galopp, stur geradeaus in Richtung Muztagata. Sein Kumpel natürlich auch. Ich versuche, mich mit meinem Körper zwischen den beiden Höckern irgendwie dem Tempo anzupassen, und klammere mich, so gut es geht, an den beiden Holzstäben im Sattel fest. Nursultan versucht, mir irgendetwas zu sagen beziehungsweise zu zeigen – höchstwahrscheinlich, wie die Bremse funktioniert. Als ich mich an den Schwung gewöhne und wieder die Blickrichtung zum Muztagata aufnehmen will, ist dieser schon in einem Meer aus Wolken verschwunden. Glücklicherweise hat sich Ariol wieder beruhigt.

Staubige Wirbelwolken tanzen in der Ferne an uns vorbei. Die Gegend um Rankul ist eine der kargsten und bizarrsten Landschaften, die ich bisher gesehen habe. Bis auf das Gurgeln und Schniefen von Ariol herrscht Totenstille. Die einzige Flora sind gelegentlich braune Sträucher und eine leichte Grünschattierung in der Nähe von Wasserläufen. Nackte Berghänge in verschiedensten Braun- und Rottönen steigen bis zu den Gipfeln auf, die gelegentlich mit Schnee bedeckt sind. Nach drei Stunden machen wir ein Picknick. Es gibt Non (Brot) mit reichhaltiger Yak-Butter und meine Beine können etwas entspannen. Auf dem Heimweg, den Muztagata im Rücken, reißen die Wolken wieder auf und der Blick auf den verschlafenen Ort Rankul öffnet sich Stück für Stück.

Von Rankul aus machen wir uns auf zur letzten Etappe nach Karakul, bevor es wieder in Richtung Süden zurück nach Chorugh geht. Wir fahren hinauf zum Ak-Baital-Pass auf 4.655 Meter. Der Pass ist der höchste Punkt in Tadschikistans menschenleerem Osten. Rechts verläuft eine neue Grenze, ein endloser Zaun, der Tadschikistan vom Westen Chinas trennt. Das Örtchen Karakul am gleichnamigen Schwarzen See liegt an diesem Grenzzaun. Der Karakul-See ist ein riesiger salziger See, 130 Kilometer nördlich von Murghab. Hier findet jedes Jahr Ende Juli die „Roof oft the World Regatta“ statt – Segeln auf dem Dach der Welt, mit einer fantastischen Aussicht auf die Gipfel und Gletscher des Tienschan, allen voran der Pik Lenin (7.134 m).

Fazit zur Reise

Die Reise hoch zu Ross, Yak und Kamel durch das Pamir-Hochplateau im Osten Tadschikistan gleicht einer Sinfonie aus Bergen und Ebenen, die sich wie ein gewaltiges Meer wiegen, mit Schneefeldern als schäumende Wellenkämme. Tanzend und in unterschiedlichen Tempi, von adagio bis fortissimo, wechselt dieses Meer die Farbe und erzeugt in mir ein hysterisch berauschendes Glücksgefühl – das unvergesslichste Souvenir, dass ich von dieser Reise mitbringen werde.

Wenn ich ein Fazit ziehe, würde ich sagen: Der Hintern ist etwas wund geritten, die Schenkel schmerzen leicht nach fünf Tagen über Stock und Stein. Der Rücken ist nach den kalten Nächten auf dem Boden ebenfalls leicht lädiert. Zimperlich darf man nicht sein. Dafür war es wild, abenteuerlich und wunderschön. Der Himmel und die Farben des Reliefs sind das Allerschönste. Der berauschende Zustand, hoch zu Ross im Pamir-Hochplateau oder auf dem Dach der Welt zu reiten, entschädigt für jegliche körperliche Schmerzen. Bam-i-dunya – Zwischen Himmel und Sattel!

Reisetipps zum Pferdetrekking in Tadschikistan und Routenübersicht

Falls Du auch Lust bekommen hast, den Pamir zu Pferd, Kamel und/oder Yak zu entdecken, kommen hier die wichtigsten Tipps für Deine Reisevorbereitung.

Die Reiseroute durch den Pamir

Meine knapp vierwöchige Reise beginnt in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans. Mit meinem Fahrer und Guide Qurboni geht es zunächst bis Chorugh den weltbekannten Pamir Highway entlang, einem Teilstück der Fernstraße M41. Von dort aus führt uns der Fluss Panji weiter in den Süden nach Ischkaschim. Dann fahren wir weiter nach Langar durch den legendären Wachankorridor bis hinauf zum Kargush-Pass.

Oben auf dem Pass verabschieden wir uns vom Hindukusch und es geht weiter hinauf ins Zentrum des Pamirgebirges nach Bachor, wo ich den Jeep gegen das Pferd tausche und zum Yashilkulsee reite. Etwas weiter östlich auf dem Pamirplateau wechsle ich in Alichur vom Pferd aufs Yak. Kurz vor der chinesisch-tadschikischen Grenze sattle ich in einer für mich unglaublich schönen Mondlandschaft vom Yak aufs Kamel um. Danach geht es weiter per Jeep über den Ak-Baital-Pass zum abflusslosen See Karakul, bevor wir die M41 zurück bis nach Rushan fahren, um das Ende der Reise im Bartang-Tal zu verbringen. Hier geht es zu Fuß hinauf nach Jizev, dem angeblich schönsten Ort Tadschikistans. Insgesamt habe ich knapp 3.000 Kilometer zurückgelegt, davon ungefähr 110 mit Pferd, Yak und Kamel.

Kosten

Homestays: Übernachtung 10 USD, Frühstück 5 USD, Lunch und Dinner je 6 USD –buchbar über www.pecta.tj. Da die Verpflegung meistens im Tour-Preis inbegriffen ist und diese sehr oft einer Vollverpflegung entspricht, fallen hierfür deshalb kaum zusätzliche Kosten an.

Einkaufen: Kauf am besten in den größeren Orten, die auf der Route liegen ein, z. B. in Chorugh. Das gilt hauptsächlich für Trinkwasser. Da auf den Touren meistens ein Fahrer und ein Packpferd dabei sind, stellt der Transport kein Problem dar.

Guide mit Pferd und Packpferd: 50 USD pro Tag, ab/bis Bachor – buchbar über www.pamirhorseadventure.com 

Guide mit Yak: pro Tag 50 USD in Alichur; Wer sich auf die Suche nach den Marco-Polo-Schafen begeben möchte und dabei noch die Alichur-Bergkette erkunden will, sollte mit der NGO Burgut Kontakt aufnehmen. Sie schützen die Schafe und hoffen, dass sich die Population wieder erholt. (Kontakt: info@tajwildlife.com)

Guide mit Kamel: pro Tag 50 USD in Rankul

Kosten Fahrzeugmiete: 0,65 USD pro Kilometer

Nützliche Tipps

Anreise: z. B. Hin- und Rückflug ab Berlin-Tegel bis Duschanbe mit Turkish Airlines via Istanbul, bei zeitiger Buchung, ca. 600 EUR

Schnelles Internet in Chorugh: 5 Somoni (knapp 50 Cent) im Pecta Office – sehr schnell. Im Pecta Office gibt es Informationen und Karten, auch Fahrer und Guides können dort gebucht und Camping/Trekkingausrüstung (europäische Hersteller) ausgeliehen werden. Hier könnt ihr sogar für wenige Dollar eure Wäsche waschen.

Höhenakklimatisierung vor dem Trekkingt: unbedingt empfehlenswert; z. B. eine Woche vorher durch langsame Steigerungen im Wachankorridor

Ausrüstung für Reiterinnen und Reiter:
– Hirschtalg (verhindert Wundreiben)
– robuste Hose/Reithose
– robuste Schuhe/Reitschuhe
– Chaps/Stiefelschäfte für die Wadeno
– Reitkappe und Reithandschuhe

Varianten: Ab Juli besteht die Möglichkeit, Pferdetrekking ab/bis Bachor zu den Seen Yashilkul, Bulunkul, Zaroshkul, Chapdara und Uchkul zu unternehmen.

Highlights unterwegs: Wachan (Festung Kaka-ha und Festung Yamchun), Petroglyphen oberhalb des Dorfes Langar, Kargush-Pass, Langar-Pass


Über die Gastautorin

Vanessa ist beruflich als Organisationsberaterin unterwegs, mit Basis in Leipzig. Sie ist passionierte Reiterin, liebt Techno und ist reisesüchtig. Ihr Ziel ist es, die Welt auf dem Pferderücken zu erkunden. Wobei sie das mit dem Pferd nicht immer so genau nimmt, wie dieser Artikel beweist.

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Vanessas Ausrüstungstipps

Die Haglöfs Women’s Touring Active Jacket: Weil die fast allen Wetterbedingungen auf Hochlandreisen mit macht und dadurch leicht, angenehm und verlässlich ist. Ich habe den Vorgänger. Die Jacke half mir im Altiplano, in China und zuletzt auf meinen Reisen in Zentralasien. Waschen schränkt die Qualität nicht ein.

Der Osprey Women’s Sirrus 24 Daypack: Weil er extrem leicht und robust ist und alles für einen Tag rein passt. UND er sogar im Galopp auf dem Pferd hält.

Das MSR Packtowl Ultralight Mikrofaserhandtuch: Weil es leicht ist, extrem schnell trocknet und ein sehr kleines Packmaß hat. Außerdem lässt es sich mit einfacher Seife oft waschen, ohne an Qualität zu verlieren.


Hast Du auch Lust, Gastautorin auf meinem Blog zu werden? Alle weiteren Infos dazu findest Du in diesem Artikel. Ich freu mich auf Deine Nachricht!


Werbehinweis: Vielen Dank an die Bergfreunde, die meine Gastartikelreihe mit Gutscheinen für die Autorinnen unterstützen. Alle verlinkten Produkte und noch viele weitere fürs Wandern, Klettern, Bergsteigen, Mountainbiken (…) findest Du dort im Onlineshop.

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Warst Du auch schon mal per Pferd (oder gar Kamel oder Yak) in der Welt unterwegs? Oder hast Du noch Fragen an Vanessa? Hinterlass uns gern einen Kommentar!

4 Comments

  1. Also da sieht es ja wirklich richtig gut aus. Und mal nicht zu wandern, ist auch mal was anderes. Schöner Bericht…

    • Fräulein Draußen Reply

      Es muss ja auch wirklich nicht immer das Wandern sein (…nur meistens eben. 😉 ).

  2. Wenn man wirklich Marco-Polo-Schafe und andere Wildtiere sehen will, sollte man sich an den gemeindebasierten Verein „Burgut“ („Steinadler“) in Alichur wenden, der große Teile des Alichur-Pamirs als Wildschutzgebiet vor Wilderern schützt. Dieser Verein hat ausgezeichnete Guides und bietet sowohl Reityaks, Autos als auch Übernachtung an. Diese Gruppe sollte auch vom Tourismus direkt profitieren, damit sie ihre Naturschutzarbeit fortsetzen können. Kontakt über: info@tajwildlife.com

    • Fräulein Draußen Reply

      Hallo Stefan,

      danke für den Hinweis, im Artikel wird die Organisation unten bei den Reisetipps auch schon genannt. Ich geh aber mal den Kontakt gleich noch hinzufügen.

      Viele Grüße,
      Kathrin

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