»Ein Wolf, keine Schafe, kein Deich, kein Leben« stand auf einem riesigen Banner, das ich letztes Jahr auf einer Radtour entlang der Weser in Niedersachsen sah. Die faktenbasierte Evidenz dieser These dürfte recht dünn ausfallen – und damit sind wir auch schon bei einem der größten Probleme der Diskussion rund um die Wiederkehr der Wölfe: Es gibt wenig Fakten, aber viel Meinung – und das muss sich dringend ändern.

Um mehr tatsächliche Fakten zu schaffen und Informationen über die Wolfspopulationen in Deutschland zu sammeln, hat die Organisation Biosphere Expeditions 2017 ein Monitoring-Projekt in Niedersachsen gestartet. Biosphere Expeditions arbeitet gemeinnützig und betreibt weltweit Forschungsprojekte rund um Arten- und Naturschutz, die zwar von erfahrenen Wissenschaftler*innen erarbeitet und geleitet werden, aber maßgeblich auf das Konzept der Bürgerwissenschaften (Citizen Science) setzen. Vor einigen Jahren war ich mit der Organisation bereits in Kirgistan und habe nach Schneeleoparden (oder viel mehr ihren Spuren und Beutetieren) Ausschau gehalten. Umso spannender fand ich es nun, an einem ganz ähnlichen Projekt in meinem Heimatland teilzunehmen.

Für eine Woche bin ich einige Monate nach meiner Winterwanderung auf dem Heidschnuckenweg wieder in die Lüneburger Heide gereist. Um gemeinsam mit einer bunt gemischten Gruppe Freiwilliger mehr über jenes Tier zu erfahren, das wie kein anderes für die Rückkehr der Wildnis in unsere Kulturlandschaften steht (auch wenn Wölfe mit Wildnis gar nicht so viel am Hut haben, aber dazu später mehr).

In diesem Artikel stelle ich die Arbeitsweise von Biosphere Expeditions vor und berichte von meinen Erfahrungen mit der Wolfsexpedition in Niedersachsen.


Werbehinweis: Biosphere Expeditions hat mich im Rahmen der Recherche für mein zweites Buch zu dieser Reise eingeladen. Meinungen und Erfahrungen, die ich in diesem Artikel wiedergebe, sind ausschließlich meine eigenen. 

Bildnachweis Titelbild: ©Theo Grüntjens


Freiwilligenarbeit für den Artenschutz mit Biosphere Expeditions

Biosphere Expeditions ist eine gemeinnützige Organisation, die sich ganz dem Natur- und Artenschutz verschrieben hat und weltweit unterschiedliche Forschungsprojekte betreibt. Diese Projekte werden zwar von ausgebildeten und erfahrenen Wissenschaftlern erarbeitet und geleitet, setzen aber maßgeblich auf das Konzept der Bürgerwissenschaften: also auf Freiwillige, die an den Projekten mitarbeiten und damit zu ihrem Erfolg beitragen.

Aktuell (Stand 2023) werden neun Expeditionen angeboten:

  • Dubai (Oryxantilopen, Wildkatzen, Sandfüchse u.a.)
  • Azoren (Wale und Delphine)
  • Deutschland (Wölfe)
  • Malawi (Großkatzen, Elefanten, Affen u.a.)
  • Malediven (Korallenriffe, Walhaie u.a.)
  • Oman (Korallenriffe)
  • Südafrika (Leoparden, Biodiversität)
  • Thailand (Elefanten)
  • Kirgistan (Schneeleoparden)

Wichtig zu wissen: Biosphere Expeditions ist kein klassischer Reiseveranstalter oder gar Safarianbieter. Safety, Science, Satisfaction (Sicherheit, Forschung, Zufriedenheit) sind die Prioritäten bei allen Projekten, und zwar in genau dieser Reihenfolge. Das bedeutet, dass alle Teilnehmer in erster Linie nicht zu ihrem eigenen Vergnügen, sondern für die wissenschaftliche Arbeit vor Ort sind. Und dessen sollte man sich auf jeden Fall bewusst sein, wenn man bei einem der Projekte mitmachen möchte. Gleichzeitig wird aber durchaus sehr viel Wert darauf gelegt, dass sich alle wohlfühlen und wertvolle Erlebnisse mit nach Hause nehmen, was meiner Erfahrung nach bestens gelingt.

Eine Übersicht über alle aktuellen Expeditionen sowie die jeweiligen Kosten, Reisedaten, verfügbaren Plätze usw. findest Du hier. Ein paar mehr Infos gibt es auch noch weiter unten im Artikel.

Expedition Niedersachsen: Wolfsmonitoring in der Lüneburger Heide

Im Jahr 2000 wurden in Deutschland rund 150 Jahre nach ihrer Ausrottung zum ersten Mal wieder Wolfswelpen in Freiheit geboren wurden. Seitdem erobern sich die Tiere Stück für Stück ihren alten Lebensraum zurück. Zum Ende des Monitoring-Jahres 2021/2022 wurden offiziell 161 Rudel in Deutschland gemeldet (die im Durchschnitt aus acht Einzeltieren bestehen). Hinzu kommen 44 Paare und 21 territoriale Einzeltiere. Letztere finden sich quasi in allen Ecken Deutschlands, etablierte Rudel vor allem im Nordosten des Landes. In Niedersachsen leben etwa 34 Rudel, zehn Paare und fünf territoriale Einzeltiere, und somit ist Niedersachsen eines der Bundesländer mit der aktuell höchsten Dichte an Wölfen…

… dieses Wissen zu haben ist allerdings gar nicht so selbstverständlich! Denn es ist ja nicht gerade so, als würden Wölfe bei Umzug oder Geburt zur örtlichen Gemeinde gehen, um sich anzumelden. Viel mehr sind Wölfe überaus scheu, und sie bevorzugen Lebensräume, in denen sie (halbwegs) ihre Ruhe haben und ungestört leben können.

Flächendeckendes Wolfsmonitoring ist also eine aufwendige Angelegenheit. Und genau dort setzt die Arbeit von Biosphere Expeditions an: Es geht darum, ein aussagekräftiges Bild der Population und ihrer Entwicklung zu erhalten, um Zusammenhänge zu verstehen und zukünftige Entwicklungen besser einschätzen zu können. Und um Maßnahmen rund um Natur- und Artenschutz, Wolfsmanagement und Herdenschutz an der Realität ausrichten zu können und nicht an Emotionen oder politisch orientierter Ideologien. Denn viel zu oft werden Wolfszahlen sonst passend zur individuellen Agenda entweder viel zu hoch oder viel zu niedrig geschätzt. Und wenn die lokale Tageszeitung mal wieder in großer Aufmachung ein blutiges Bild gerissener Schafe abdruckt, dann sieht man direkt die komplette deutsche Weidetier-Population vor dem Aus.

Biosphere Expeditions arbeitet dafür in enger Kooperation mit dem Wolfsbüro Niedersachsen, der zentralen Koordinations- und Anlaufstelle in Sachen Wolf. Beim Wolfsbüro laufen Informationen über Bewegungsmuster, Lebensweise und Genetik freilebender Wölfe in Deutschland aus vielen Richtungen zusammen, werden dort zwar von Expert*innen bewertet und analysiert, aber nicht selten auch von Laien gesammelt.

Und einer dieser Laien war im letzten Sommer auch ich: Als ich mich für eine Woche gemeinsam mit einer Gruppe Freiwilliger aus der ganzen Welt in die Lüneburger Heide begeben habe, um mehr über diese Tiere herauszufinden. Tiere, die aktuell in aller Munde sind, und über die die meisten doch nur sehr wenig wissen…

Jungwolf im Heideblütenmeer (Foto: Theo Grüntjens)

Die Expedition beginnt oder: Wie sieht ein Wolf eigentlich aus?

Einen Wolf sieht man nicht alle Tage, schon gar nicht aus der Nähe. Nachdem sich alle Teilnehmer*innen am Treffpunkt in Bremen eingefunden haben, lautet unser erster Stopp daher: Wolfcenter Dörverden, ein kleiner Wildpark mit verschiedenen Wolfsarten, der sich stark der Umweltbildung und Vermittlung zwischen Wolf und Mensch verschrieben hat. Auch wenn ich persönlich die Haltung jeglicher Wildtiere grundsätzlich sehr kritisch sehe, können Wölfe in Deutschland solche Vermittler gut gebrauchen. Gerade in Zeiten, in denen sehr hetzerisch und oft wenig fundiert über die Tiere geschrieben wird, können solche Einrichtungen sicherlich einen großen Unterschied machen und irrationale Ängste nehmen.

Wir bekommen eine Führung durchs Gehege, viele Infos zu den Tieren und ihrer Lebensweise und ja – es ist zweifelsohne faszinierend, diese Tiere so aus der Nähe sehen zu können.  Anschließend können wir uns alle beim gemeinsamen Mittagessen noch besser kennenlernen.

Unsere kleine Gruppe ist so bunt durchgemischt, wie sie nur sein kann. Tom aus England hatte zum Beispiel schon an vielen Projekten von Biosphere Expeditions teilgenommen und ist bereits zum zweiten Mal in Deutschland dabei. Barbara aus Stuttgart arbeitet in einer öffentlichen Verwaltung und wollte einfach mal was ganz anderes in ihrem Urlaub machen. Thorsten wohnt ganz in der Nähe und hat viele Fragen, weil er selbst Pferde hält und sich Gedanken um deren Schutz macht. Caitlin aus Australien wusste bis vor Kurzem nicht, dass es überhaupt Wölfe in Deutschland gibt. Und ich will nicht nur für mein neues Buch über das Projekt schreiben, sondern auch einen Realitätsabgleich für meine wilde Hoffnung, dass Mensch und Wildnis koexistieren können.

Geleitet wird die Expedition von Peter Schütte und An Bollen. An ist Biologin und hat über 15 Jahre Erfahrung im Bereich Artenschutz und Biodiversitätsforschung, in diesem Fall aber als Expeditionsleiterin dabei und übernimmt somit vor allem auch organisatorische Aufgaben. Peter Schütte ist die wissenschaftliche Leitung des Projekts und war auch maßgeblich an dessen Entstehung beteiligt. Dabei ist Peter eigentlich primär gar kein Wolfsschützer, sondern viel mehr Schafsschützer! Mit seinem Projekt Herdenschutz Niedersachsen bietet er Beratung, Wissenstransfer und Unterstützung für Weidetierhaltende in Wolfsgebieten an.

Das Basislager im Nirgendwo

Nach einer ersten Einweisung in das, was uns in der kommenden Woche erwartet, machen wir uns vom Wolfcenter auf den Weg ins “Nirgendwo”. Dort befindet sich Gut Sunder nämlich, zumindest gefühlt. Das ehemalige Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert liegt ziemlich idyllisch inmitten der Natur der südlichen Heide, umgeben von Wald und dem Naturschutzgebiet Meißendorfer Teiche. Es dient dem NABU als Umweltbildungszentrum, beherbergt aber auch ein öffentliches Café sowie einen Hotelbetrieb und ist wirklich das perfekte Basislager für unsere Wolfsexpedition.

Zumal es auf dem Gutsgelände vielleicht keine Wölfe, aber jede Menge wilde Natur und viele Tiere gibt. Bei kurzen Spaziergängen haben wir Eisvögel und eine Ringelnatter entdeckt, allerlei Kröten und Frösche aufgescheucht und ja, die Menge an Moskitos ist im Sommer auch nicht zu verachten. Ich bin oft auch extra früh aufgestanden und habe noch eine kleine Laufrunde in der Umgebung gedreht, weil es dort einfach viel zu schön war.

Neben den Zimmern mit eigenem Bad gab es Gemeinschaftsräume für die täglichen Besprechungen und die notwendige Arbeit am Rechner, und auch die (durchgehend vegetarische und ziemlich leckere!) Verpflegung wird von Gut Sunder übernommen.

Einweisung und Ausbildung

Unser erster Expeditionstag besteht aus jeder Menge Training. Neben allgemeinem Wissen rund um Wölfe und das niedersächsische Wolfsmonitoring wird alles vermittelt und geübt, was wir in den kommenden Tagen brauchen würden. Woran kann man Wolfslosung erkennen? Wie vermisst man diese richtig? Wann lohnt es sich, den Fund in einen Plastikbeutel zu packen? Wie benutzt man die GPS-Geräte richtig? Welche Informationen muss man notieren, damit die Funde auch wissenschaftlich verwertet werden können? Diese und viele weitere Tagesordnungspunkte stehen auf dem Programm. Die erste ausgedehnte große Runde durch die Wälder Niedersachsens drehen wir dann auch alle gemeinsam (und entdecken dabei rein zufällig eine überhaupt nicht absichtlich ausgelegte ;-)  Wolfslosung). 

Nur ein Teilnehmer unserer Gruppe hat schon etwas Erfahrung mit dem Wolfsmonitoring, einige haben zumindest schon mal an anderen Projekten von Biosphere Expeditions teilgenommen, die meisten haben aber noch gar keine Vorerfahrung, und selbst der Umgang mit dem GPS-Gerät ist für den Großteil Neuland. Aber alle sind engagiert und konzentriert bei der Sache, immerhin sind wir ja freiwillig und aus gutem Grund dort. Ein gewisses Faible für Wölfe und die Rückkehr der “Wildnis” in die Zivilisation muss man aber wohl haben, wenn man Geld dafür bezahlt, um den eigenen Urlaub mit dem Sammeln von Wolfslosung in einem niedersächsischen Forst zu verbringen.

Unsere Köpfe rauchen, doch am Ende des Tages wissen wir alles, was wir wissen müssen, um sachdienliche Bürgerwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen zu sein.

Der typische Tagesablauf

Nach absolvierter Intensivschulung ziehen wir fortan jeden Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück von unserem Basislager aus los, manchmal direkt in der näheren Umgebung, meist verbunden mit etwas Autofahrerei. Immerhin sind die typischen Reviere von Wolfsrudeln mindestens 150 Quadratkilometer groß, oft noch deutlich größer. Das gesamte Forschungsgebiet ist in Planquadrate unterteilt, die möglichst strategisch und auf Basis von bisher bekannten Daten ausgewählt und aufgeteilt werden. Diese Kartenabschnitte durchstreifen wir stundenlang, meist in Zweierteams, und versuchen, möglichst viele Wege innerhalb der gewählten Gebiete abzulaufen. Dabei halten wir uns vor allem an Forst- und Wirtschaftswege, denn die werden von Wölfen gern genutzt. Wieso Energie verschwenden und durchs Unterholz stolpern, wenn man es auch einfach haben kann?

Wölfe können bei ihren Streifzügen mehr als 70 Kilometer pro Tag zurücklegen, wenn sie ihr Revier abschreiten oder auf der Suche nach einem neuen sind. Ganz so viele wurden es bei uns nicht, zumal wir eine extrem heiße Woche mit Temperaturen jenseits der 30 Grad erwischt hatten. 10 bis 20 Kilometer pro Tag schaffen wir in der Regel aber trotzdem – den Blick vor allem auf den Boden gerichtet, die Umgebung aber nie ganz aus den Augen lassend. Denn auch wenn es höchst unwahrscheinlich ist: Insgeheim hegen wir alle die leise und eher unbegründete Hoffnung, vielleicht doch einen Wolf zu Gesicht zu bekommen.

In der ersten von insgesamt drei Gruppen, die in diesem Sommer an dem Projekt arbeiten, haben tatsächlich zwei Teilnehmerinnen dieses Glück gehabt. Und wir bekommen immerhin ein leicht zittriges Handyvideo zu sehen: Ein vermutlich noch recht junger Wolf trottet in circa hundert Metern Entfernung auf dem Waldweg auf die beiden zu. Sobald er sie bemerkt, bleibt er wie angewurzelt stehen, zögert einige Augenblicke und dreht dann um, um zügig in die Richtung zu laufen, aus der er gekommen ist. Nicht ohne den ein oder anderen Blick zurück, wie um zu überprüfen, dass niemand ihm folgt…

Ansonsten gilt unsere Aufmerksamkeit vor allem dem, was Wölfe hinterlassen: Kot, gegebenenfalls auch Trittsiegel, wobei letztere nur schwer und unter ganz bestimmten Bedingungen wirklich eindeutig vom Hund unterschieden werden können. Haben wir (vermeintliche) Wolfslosung gefunden, beginnt unsere eigentliche Arbeit:  Im GPS-Gerät muss ein Punkt für den Fundort gesetzt werden. Dann wird die Wolfslosung vermessen, meist ist sie zwischen zwei bis drei Zentimeter dick und fünfzehn bis zwanzig Zentimeter lang. Die Maße tagen wir auf einem standardisierten Formular ein, zusammen mit allerlei weiteren Infos wie den Koordinaten, der Uhrzeit und näheren Angaben zu Fundort und Beschaffenheit. Wolfslosung enthält häufig Haare und Knochenstücke, teilweise auch Zähne und Hufteile von Beutetieren. Nachdem alles auch noch sorgfältig fotografisch dokumentiert wurde, findet die haarige Mischung in einer beschrifteten Plastiktüte Platz. Wenn sie vermeintlich jünger als zwei Tage ist, landet ein Teil auch in einem mit hochprozentigem Alkohol gefüllten Plastikgefäß.

Und wem bei alldem einmal der Geruch von Wolfslosung in die Nase steigt, der wird ihn so schnell nicht wieder vergessen. Die Proben dienen der Nahrungsanalyse im Labor, und wenn sie frisch genug sind auch der DNS-Analyse. Und Beutel für Beutel, Formular für Formular kann man so ein Bild von der aktuell in Niedersachsen lebenden Wolfspopulation zeichnen.

Jeden Abend treffen wir uns vor dem gemeinsamen Abendessen zur Nachbesprechung. Jedes Team berichtet dabei von den Funden und anderen nennenswerten Vorkommnissen des Tages. Anschließend wird der nächste Tag besprochen und die Teams werden aufgeteilt.

Mit vierbeiniger Unterstützung

Oft wird der Kot von den Tieren zur Reviermarkierung mitten auf Wegen und Wegkreuzungen platziert, was ihn recht leicht auffindbar macht. Und trotzdem sind wir alle froh, als Mitte der Woche vierbeinige Unterstützung zu uns kommt. Nicht nur, weil Molly eine herzzerreißend süße Labrador-Dame ist, sondern auch, weil sie mit ihren stolzen 15 Jahren immer noch als ausgebildeter Artenspürhund “arbeitet”. Ihre Spezialität: Wölfe und Goldschakale. Eigentlich ist sie vor allem in der sächsischen Oberlausitz im Einsatz. Dort, wo im Jahr 2000 rund hundertfünfzig Jahre nach ihrer Ausrottung zum ersten Mal wieder Wolfswelpen in Freiheit geboren wurden.

Meist trottet sie bei unseren Streifzügen einfach gemütlich vor sich hin, mal vorneweg, mal hinterher, schnupperte größtenteils desinteressiert an Grasbüscheln oder Baumstämmen. So wie es jeder normale ältere Hund eben tun würde. Und dann, vom einen Moment auf den anderen, ist Molly kein normaler Hund mehr. Ihre Bewegungen werden energischer, ihre Nase arbeitet zielstrebig. Und als sie findet, was sie sucht, setzt sie sich, blickt eindringlich in Richtung ihrer (menschlichen) Kollegin Lea und wartet geduldig, aber vehement auf ihr Belohnungsleckerli.

Ein Ausflug ins Wendland

Für einige aus unserer Gruppe heißt es am vierten Tag schon wieder Koffer packen – zumindest für eine Nacht. Wir machen uns auf ins circa zwei Fahrstunden und eine Elbquerung entfernte Wendland. Hier mitten in der Göhrde befindet sich das Biohotel Kenners Landlust, das von Kenny und seiner Frau Barbara betrieben wird. Kenny ist aber nicht nur Hotelbetreiber, sondern bereits seit 2009 auch ehrenamtlicher Wolfsberater der Region und übernimmt als solcher Aufgaben im Bereich Monitoring, Beratung und Öffentlichkeitsarbeit. Er kennt “seine” Wölfe und die Gegend so gut wie wohl niemand sonst, und es war fast schon eine Ehre, dass wir ihn ein wenig dabei unterstützen dürfen.

Die eine (Zelt-)Nacht bei Kenny hat sich ein bisschen angefühlt wie der Sommerurlaub im Sommerurlaub: Die Gegend ist einfach so abgelegen, so wunderbar friedlich, und als wir zu viert abends auf einer Wildtier-Beobachtungsplattform in der Sonne sitzen und uns über jedes Reh am Waldrand freuen, schien die Welt perfekt. Zudem ist es sehr spannend und inspirierend, ein wenig mehr über die Wölfe der Region und Kennys Begeisterung für die Tiere zu erfahren. Ich werde nie vergessen, wie er in jede Tüte mit unseren mitgebrachten Proben kurz seine Nase hält und dann mit wissendem Blick nickt, um uns zu bestätigen, dass es sich dabei tatsächlich um Wolfshinterlassenschaften handelt.

Tipp: Kenners Landlust hat verschiedene Angebote rund um den Wolf, von der eintägigen Wolfstour bis zur kompletten Wolfswoche

Ergebnisse des Monitorings

Biosphere Expeditions erstellt zu jeder Expedition einen ausführlichen Bericht. All diese Expedition Reports sind öffentlich einsehbar, stellen die Details des jeweiligen Projekts sowie die Ergebnisse vor und ordnen sie in den größeren Kontext ein. Auch die Einnahmen und Ausgaben jeder Expedition werden darin transparent dargelegt.

In diesem Jahr (2022) gab es drei Wolfsmonitoring-Expeditionen à sieben Tage. Dabei legten alle Teilnehmenden insgesamt rund 837 Kilometer zu Fuß zurück und entdecken insgesamt 186 (vermeintliche) Wolfslosungen. 107 der Funde konnten für die Nahrungsanalyse verwendet wurden, 15 davon waren noch frisch genug für eine DNS-Analyse, wodurch insgesamt drei männliche und fünf weibliche Wölfe eindeutig identifiziert und zugeordnet werden konnten.

Was ich sehr spannend finde: Ein qualitativer und quantitativer Vergleich mit der offiziellen Sammlung von Proben, vor allem durch Forstmitarbeitende und Jäger*innen, zeigt, dass die Ergebnisse des bürgerwissenschaftlich basierten Monitorings durchaus vergleichbar sind, obwohl es sich “nur” um Laien handelt, die vorab eben ein 1,5-tägiges Training durchlaufen haben. Ein weiterer Beweis dafür, dass bürgerwissenschaftliche Arbeit, sofern richtig umgesetzt und angeleitet, einen echten Beitrag zur Wissenschaft leisten kann.

Mein persönliches Fazit

Trotz des klaren Fokus auf Monitoring und Sammeln von wissenschaftlich verwertbaren Ergebnissen setzt Biosphere Expeditions viel daran, dass sich die Teilnehmenden wohl fühlen, eine gute Zeit haben und schöne Erlebnisse mit nach Hause nehmen. Dieser Spagat ist in meinen Augen wie auch schon damals in Kirgistan wirklich bestens gelungen. Man hat zu keiner Zeit das Gefühl, einfach nur “billige Arbeitskraft” zu sein, sondern fühlt sich stets als vollwertiges Mitglied des Teams.

Die Organisation und Kommunikation vor, während und nach der Expedition läuft reibungslos und man kann sich bei Problemen und Fragen jederzeit vertrauensvoll an das Team von Biosphere Expeditions wenden.

Das Basislager für die Niedersachsen-Expedition ist meiner Meinung nach perfekt gewählt und trägt maßgeblich dazu bei, dass sich all das nicht nach Arbeit, sondern vor allem nach Urlaub anfühlt. Toll fand ich auch, dass es neben der eigentlichen Arbeit einige weitere Programmpunkte gab: Sei es der Besuch im Wolfcenter, der Vortrag des (ehemaligen) Försters, Naturfotografen und Wolfsexperten Theo Grüntjens (über den man mehr in meinem Buch lesen kann) oder der Ausflug ins Wendland.

Natürlich ist es in gewisser Weise spannender, durch den Tien Shan in Kirgistan zu streifen als durch die Wälder Niedersachsens. Zumal die beschrittenen Wege dort im Zweifelsfall weniger nach ihrer Attraktivität fürs Wandern, sondern vor allem nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten ausgewählt werden. Gleichzeitig fand ich es eine sehr spannende Erfahrung, meine Heimat auf diese Weise besser kennenzulernen und unter ganz neuen Gesichtspunkten zu erkunden. Und schön ist es in der Lüneburger Heide allemal, selbst irgendwo im Wald…

Letztendlich habe ich die Lüneburger Heide mit dem Gefühl verlassen, wirklich etwas beigetragen und viel gelernt zu haben. Ich war froh über und dankbar für all die neuen Eindrücke und für die Zeit mit so vielen tollen und inspirierenden Menschen. Und ich glaube, das ging allen Teilnehmenden so.

Danke an dieser Stelle an An Bollen und Peter Schütte, die die Zeit vor Ort für uns alle zu etwas ganz Besonderem gemacht haben. Und natürlich an Biosphere Expeditions für die Einladung zu dieser Reise und dafür, dass es dieses und all die anderen Projekte überhaupt gibt.

Was ich gelernt habe

Natürlich weiß ich nach der Woche in Niedersachsen ziemlich genau, wie man Wolfslosung erkennt (und vermisst und eintütet und…) und werde wohl nie wieder einen Waldweg in Wolfsgebiet gehen können, ohne zumindest mit einem halben Auge den Boden abzusuchen.

Aber auch darüber hinaus habe ich wahnsinnig viel über die Tiere, ihre Rückkehr nach Deutschland bzw. Westeuropa und das Zusammenleben von Wolf und Mensch in Deutschland gelernt, was mir so vorab nicht oder zumindest nicht so klar und fundiert bewusst war. Zum Beispiel:

  • Wölfe brauchen keine Wildnis. Wölfe brauchen lediglich ausreichend Nahrung, ruhige Gebiete zur Welpenaufzucht – und die Akzeptanz der Menschen, mit denen sie ihren natürlichen Lebensraum gegebenenfalls teilen.
  • Die Chance, auf einen Wolf zu treffen, ist wirklich extrem gering. Wir haben viele hundert Kilometer zu Fuß in aktiven Wolfsrevieren zurückgelegt, leise und in sehr kleinen Gruppen, haben ständig die Umgebung mit unseren Augen und teilweise sogar dem Fernglas abgesucht, und trotzdem kam es in drei Wochen nur zu einer einzigen, flüchtigen Sichtung.
  • Wer für den Wolf ist, ist nicht automatisch gegen Weidetiere und deren Halter. Und wer Weidetiere hält, ist nicht automatisch gegen den Wolf. Es gibt durchaus viele Menschen da draußen, sowohl direkt als auch indirekt betroffene, die gewillt und in der Lage sind, die Thematik in all ihren Zwischentönen zu betrachten. Das sind oft nur nicht diejenigen, die lautstark in den Kommentarspalten von Facebook diskutieren.
  • Wolfspopulationen wachsen nicht kontinuierlich und exponentiell, denn Wolfsrudel brauchen große, geeignete Gebiete mit entsprechendem Nahrungsangebot, die nur in begrenztem Maß verfügbar sind. Im Osten Deutschlands, wo Wölfe am längsten wieder heimisch sind, zeigt sich diese natürliche Begrenzung bereits. Zudem sterben auch relativ viele Wölfe ganz ohne Jagd und natürliche Feinde / Konkurrenten, und zwar bei Autounfällen.
  • Durch Nahrungsanalysen lässt sich gut beweisen, dass der überwiegende Großteil der Nahrung von Wölfen in Deutschland nach wie vor aus ihren natürlichen Beutetieren, also Wildtieren wie Rotwild und Schalenwild, besteht. Weidetiere bilden nur einen sehr geringen Anteil.
  • Der Schutz von Weidetieren gegen Wölfe ist dennoch notwendig und auch möglich, gleichzeitig aber mitunter teuer und aufwendig. Es braucht nicht nur staatliche Förderung und Kompensationsmittel, sondern auch Angebote der Beratung und aktiven Unterstützung, gerade auch für kleinere Tierhaltende.
  • Der Wolf ist gekommen, um zu bleiben. Wölfe haben seit der Jahrtausendwende nicht nur gezeigt, dass sie wieder hier leben wollen, sondern dass sie auch hier leben können. Daher ist es umso wichtiger, möglichst viel über die Populationen und ihr Verhalten zu wissen, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Die von Teilen der Politik gewünschte erleichterte Entnahme einzelner Wölfe, die aktuell noch streng geschützt sind, ist dabei in vielerlei Hinsicht problematisch. Unter anderem, da dadurch die empfindlichen sozialen Strukturen innerhalb eines Rudels gestört werden, was auch dazu führen kann, dass die Wölfe verstärkt von ihrem natürlichen Verhalten abweichen (und dann zum Beispiel vermehrt Jagd auf Weidetiere machen).
  • Wölfe sind keine unberechenbaren Naturgewalten. Sie sind weder Feind noch Freund des Menschen, weder Haustier noch Bestie, und vielleicht tun wir uns mit ihnen deswegen so schwer: weil sie nicht in unsere
    üblichen Kategorien passen. Letztendlich sind Wölfe vor allem eines: extrem kluge und anpassungsfähige Tiere. Nun liegt es an uns, zu zeigen, dass wir das auch sind.

Weitere Infos zur Wolfsexpedition von Biosphere Expeditions

Falls du nun selbst Lust bekommen hast, dich auf die Spuren der niedersächsischen Wölfe zu begeben, kommen hier noch ein paar praktische Infos zur Wolfsexpedition mit Biosphere Expeditions.

Wann und Wo finden die Wolfsexpeditionen statt?

Die Expeditionen finden jedes Jahr im Juni / Juli statt, und zwar in der Lüneburger Heide (im weiteren Sinne). Treffpunkt ist Bremen.

Wichtig: In 2024 macht das Projekt eine Pause, man kann sich aber aktuell bereits für 2025 anmelden.

Welche Voraussetzungen braucht man?

Obwohl die Expedition in Deutschland stattfindet, handelt es sich um ein internationales Projekt. Die komplette Kommunikation vor und während der Expedition findet daher auf Englisch statt. Natürlich musst du kein perfektes Englisch sprechen, aber solltest dich schon einigermaßen verständigen können.

Ansonsten solltest du natürlich einigermaßen gut zu Fuß unterwegs sein, da das Monitoring überwiegend auf diese Weise stattfindet. Das Gelände in der Lüneburger Heide ist zwar alles andere als anspruchsvoll, zumal man sich wie beschrieben weitestgehend auf Forst- und Wirtschaftswegen bewegt, aber bis zu 20 Kilometer pro Tag solltest du idealerweise mehrere Tage am Stück wandern können.

Ansonsten gibt es keine weiteren Voraussetzungen, die man erfüllen muss. Was man definitiv nicht braucht, sind irgendwelche Vorkenntnisse oder gar eine wissenschaftliche Ausbildung.

Was kostet die Teilnahme?

Der aktuelle Preis für die Wolfsexpedition liegt bei 2.390 EUR. Darin enthalten ist alles außer der An- und Abreise nach / von Bremen. Rund zwei Drittel der Teilnahmegebühren fließen direkt zurück in das Projekt und decken alle Kosten, die dafür anfallen. Der Rest fließt in die generelle Arbeit von Biosphere Expeditions. Wie schon kurz erwähnt handelt es sich bei Biosphere Expeditions um eine eingetragene Non-Profit-Organisation (in Deutschland zum Beispiel ein gemeinnütziger e.V.), die zudem kein Geld in Werbung und andere Dinge steckt, die nicht direkt mit den Artenschutzprojekten zu tun haben.

Günstig oder gar für jeden erschwinglich ist dieser Preis sicherlich nicht, aber man kann sich in diesem Fall sicher sein, dass das Geld dort ankommt, wo es einen echten Unterschied macht. Zumal in jedem Expeditionsbericht auch eine Auflistung der Einnahmen und Ausgaben veröffentlicht wird.

Lesetipps rund ums Thema Wolf

Elli Radinger und Günther Bloch sind wahre Wolfsexperten und haben ein gemeinsames Buch über die Ko-Existenz von Wolf und Mensch in die Kulturlandschaft Deutschland geschrieben. Wissenschaftlich fundiert und auf Basis unzähliger persönlicher Wolfsbeobachtungen und -begegnungen teilen sie in “Der Wolf kehrt zurück” nicht nur allgemeine Infos, sondern auch viele konkrete Tipps, zum Beispiel rund um das richtige Verhalten in Wolfsgebiet. (Von beiden gibt es übrigens noch weitere lesenswerte Bücher rund ums Thema Wolf.)

Fiktional, aber nicht weniger relevant nähert sich der Roman “Wo die Wölfe sind” von Charlotte McConaghy dem Thema Rückkehr der Wölfe. Es geht um Angst und Vertrauen, um Menschlichkeit und das Wilde in jedem von uns. Ich habe schon den Vorgänger Zugvögel regelrecht verschlungen, und bei diesem Buch war es nicht anders.

In meinem Buch “Fräulein Draußens Gespür für Wildnis” beschreibe ich meine Erfahrungen in Niedersachsen und die Sache mit den Wölfen allgemein noch ausführlicher. Denn auch, wenn Wölfe mit Wildnis eigentlich gar nicht so viel am Hut haben, stehen sie doch sinnbildlich für den (vermeintlichen) Gegensatz von Wildnis und Kulturlandschaft.


Hast du noch Fragen zu dieser Reise? Oder hast du vielleicht selbst schon mal an dieser (oder einer anderen) Reise von Biosphere Expeditions teilgenommen? Ich freu mich auf deinen Kommentar.

1 Comment

  1. Sehr schön und informativ geschrieben.
    Ich habe die Wolfs-Expeditiom 2018 gemacht und fand sie ebenfalls sehr interessant und spannend (und suche bei Wanderungen immer noch Waldwege nach Wolfsspuren ab )

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