[Gastartikel] Spätestens nach meiner zweiten Fernwanderung in Brandenburg habe ich mir felsenfest vorgenommen, diesen Teil Deutschlands auch mal mit dem Fahrrad zu erkunden. Gastautorin Susanne hat meinen Plan im letzten Sommer bereits in die Tat umgesetzt und berichtet in diesem Gastartikel von ihren Eindrücken. (Wenn Du auch Lust hast, einen Gastartikel zuschreiben, schick mir einfach eine E-Mail!)

Der deutsche Osten hat es mir einfach angetan: viel Gegend, Natur und wenig große Städte. Auf der Suche nach einer Ecke, die ich noch nicht auf meinen zwei Rädern erkundet habe, bin ich auf den Elster-Radweg gestoßen, der dem Lauf der Weißen Elster von der tschechischen Grenze bei Cheb bis nach Halle an der Saale folgt. In Leipzig ging es anschließend auf dem Radweg Berlin-Leipzig weiter, dem ich bis kurz vor Berlin gefolgt bin. Und zum Abschluss habe ich nördlich von Berlin noch den Uckermärkschischen Radrundweg angehängt. Die Uckermark kannte ich bereits vom Radweg Berlin – Kopenhagen und hatte schon länger vor, dort noch etwas mehr Zeit zu verbringen, einfach weil ich die Kombination aus Seen und Wald so schön fand.

Vergangener Glanz

Startpunkt des Elster-Radweges in Franzensbad

Ich schirme mit meinen Händen das Sonnenlicht ab und schaue durch die matte Scheibe in das Innere des Gebäudes. Der prunkvolle Eingang, über dem „Hotel Slovan“ steht, ist schon etwas angestaubt und fällt auf zwischen den restaurierten Fassaden, die in frischen Farben die einst ruhmvolle Geschichte des Kurbades wieder aufleben lassen. Hier sollen auch Goethe, Beethoven oder Kafka Erholung in den Heilquellen gesucht haben. Franzensbad in Tschechien, nahe der deutschen Grenze, ist der Ausgangspunkt meiner diesjährigen Radreise. Nach der etwas mühsamen Anreise von Wien mit dem Zug über Prag mit dreimaligem Umsteigen bin ich froh, die Abendsonne in der Fußgängerzone des kleinen Orts genießen zu können.

Am nächsten Morgen führen mich die gelben Radwegweiser über holprige Waldwege und einige Höhenmeter. Ein verbranntes Autowrack steht einsam und verlassen an der nächsten Abzweigung. Versteckt zwischen hohen Bäumen finde ich schließlich das gemauerte Becken, das den Ursprung des Flusses markiert, dem ich in der nächsten Woche bis nach Halle an der Saale folgen werde: die Weiße Elster. Einsam ist es hier im tschechischen Elstergebirge. Ab und zu begegnet mir ein Radfahrer, der wie ich den nächsten Hügel hinauf keucht. Ansonsten höre ich nur das Zwitschern der Vögel in den hohen Tannen.

Bahnhof im Nirgendwo

Elster-Radweg – erste Etappe zwischen Franzensbad und Plauen

Ein paar Stunden später beschert mir die steile Straße entlang der Talsperre Pirk zwar eine wundervolle Aussicht über den aufgestauten Fluss, aber ich muss sie leider auch mit dem Autoverkehr teilen. Am anderen Ende des Stausees kann man schon die riesigen Bögen der Autobahnbrücke erkennen, die das Flusstal überspannen. Die größte Steinbogenbrücke Europas wurde erst 50 Jahre nach Baubeginn im Jahre 1993 fertiggestellt.

Am Ende des Sees führt geht es wieder leicht abwärts und schließlich stehe ich im Schatten der mächtigen Betonbögen. Hoch über mir rauscht die Autobahn. Hier unten ist es grün und ruhig und der Radweg begleitet die Bahnlinie. Ein kleines Haus aus Ziegelsteinen neben den Gleisen macht mich neugierig. Ich parke meinen Drahtesel und mache ein paar Fotos, während ich mich frage, wer hier wohl ein- und aussteigt. Klein und verloren wirkt das Bahnhofsgebäude so mitten im Nirgendwo. Kein Mensch weit und breit. Plötzlich tritt jemand aus der kleinen Tür unter dem Vordach und begrüßt mich. Verwundert frage ich, ob denn der Bahnhof noch in Betrieb sei. „Ja, doch.“, antwortet mir der Herr, der wohl auch nicht mehr viele Jahre bis zur Pension hat. Er versieht hier noch tagtäglich seinen Dienst und mag seinen ruhigen Arbeitsplatz im Schatten der Autobahn.

Weiße Elster

Elster-Radweg – zweite Etappe zwischen Plauen und Gera

„Scheiße!“, rutscht es mir raus. Ich bremse ganz vorsichtig auf dem holprigen Waldweg, um keinen Lärm zu machen. Fahrrad abstellen und Kamera raus. Ich gehe langsam ein Stück zurück, den Blick Richtung Fluss, der ein Stück weiter unten durch das Laub schimmert. Und wirklich: der blaue Fleck, den ich im Vorbeifahren durch die Blätter aufgeblitzten sah, ist tatsächlich ein Eisvogel, der direkt am Wasser auf einem Zweig sitzt. Richtig schön in klassischer Pose. Ich mache schnell ein Foto in der Erwartung, dass er gleich wieder weg ist. Aber anscheinend gefällt es ihm auf seinem Aussichtspunkt, denn er macht keine Anstalten, ihn wieder zu verlassen.

Vorsichtig versuche ich, mich durch das dichte Gebüsch entlang der Böschung etwas näher heranzupirschen. „Autsch!“ Die Dornen eines Brombeerstrauches verhaken sich unangenehm in meinen nackten Waden. Aber für ein gutes Foto muss man eben Opfer bringen. Der kleine Kerl lässt sich durch meinen Annäherungsversuch nicht stören, und ich kann sein blaues Gefieder bewundern, das in der Sonne leuchtet. Ich hätte nicht gedacht, hier am Fluss einen Eisvogel zu entdecken, zumal sie sehr scheu sind. Ich erfreue mich an dem Anblick und der Stille rundherum. Schließlich entschließt er sich dann doch, den Standort zu wechseln und verschwindet aus meinem Sichtfeld. Ich kämpfe mich wieder die Böschung hoch, auf den kleinen Weg, der durch dichten Wald am Fluss entlangführt. Streckenweise ein ganz schönes Stück weit oben am Hang mit schönen Ausblicken aufs Wasser.

Provinz

Elster-Radweg – dritte Etappe bis nach Profen

In der Fußgängerzone von Greiz, vor mir steht ein Kännchen Kaffee mit Pflaumenkuchen. Ich lausche gerade einem Gespräch am Nebentisch. Dem Thüringer Dialekt könnte ich stundenlang zuhören. Hier scheint jeder alle zu kennen. Fast jeder, der vorbei geht, wird begrüßt und in ein Gespräch verwickelt („Wie geht’s der Mutter?“, „Wie war der Urlaub?“, „Morgen kommt wohl Regen.“….). Obwohl das Städtchen gar nicht so klein ist, hat es etwas gedauert, bis ich diese Bäckerei gefunden habe. Ein Bild, das sich in vielen Orten entlang des Radweges wiederholt: ein hübscher Ortskern mit Fußgängerzone, mit einigen restaurierten Häusern. Und doch macht das Ganze einen irgendwo trostlosen und verlassenen Eindruck: wenige Menschen, dazwischen immer wieder Häuser mit blinden Scheiben, die offensichtlich schon länger leer stehen.

Am Abend übernachte ich in Profen, einem kleinen Ort mit schönen Fachwerkhäusern und einer Kirche aus dem 15.Jahrhundert, deren imposanter Turm schon von weitem sichtbar ist. Laut Wikipedia hat Profen gut 1.000 Einwohner, aber auch hier sind die kleinen Gassen menschenleer. Auch auf dem kleinen Friedhof neben der Kirche, über den ich noch eine Runde mache bevor mich der Regen wieder zum Gasthof treibt, begegne ich niemanden.

Im Gasthof „Zur Eiche“ herrschte früher wohl auch mehr Trubel, heute bin ich der einzige Gast hier. Mein Zimmer ist groß und sauber, aber mit Tapeten und Möbeln aus einer anderen Zeit. Die jungen Wirtsleute sind freundlich, doch zurückhaltend und servieren mir ein gutes Abendessen, das ich in der kleinen Laube hinter dem Haus genießen darf – begleitet vom Blöken der beiden Schafe auf der Weide nebenan.

Am Morgen schrecke ich mit klopfendem Herzen aus dem Schlaf: kurz von 6 Uhr und eine Sirene heult so laut, als stünde sie direkt neben meinem Bett. Noch schlaftrunken schaue ich aus dem Fenster und entdecke hinter der Schafweide den kleinen Turm der örtlichen Feuerwehr, aus dem der Lärm offensichtlich kommt. Ratlos schaue ich die Straße rauf und runter, aber kein Mensch zu sehen. Doch ein paar Minuten später startet ein Feuerwehrauto direkt neben dem Turm und braust mit Blaulicht an mir vorbei. Kurz darauf verstummt auch die Sirene.

Später beim Frühstück erfahre ich, dass die Bundesstraße bei Profen wegen einem Unfall gesperrt war. Ab und zu ist es doch noch aufregend in der Provinz.

Endlose Weiten

Radweg Leipzig-Berlin – zwischen Bad-Düben und Lutherstadt-Wittenberg

Entschuldigend hebt der Fahrer des Riesenlasters die Hände, als er das dritte Mal an mir vorbeifährt und mich erneut in eine Staubwolke hüllt. Das Land ist knochentrocken von den letzten Monaten ohne Regen, auf den Feldern gibt es nicht viel zu ernten, außer erstarrter Erde und verdorrten Halmen. Hinter Leipzig erstreckt sich die Landschaft topfeben rechts und links vom Radweg. Braune Felder, braune Wiesen und dazwischen immer wieder mal ein Waldstück, in dem aber auch die gelben Blätter dominieren. Man glaubt gar nicht, dass man sich mitten in Deutschland befindet.

Im Naturpark Dübener Heide, einem 750 km² großen Waldgebiet, ist es dann wieder etwas hügeliger und teilweise sind die Wege so sandig, dass ich das Fahrrad schieben muss. Einsame Pfade führen durch das Waldgebiet mit vielen Nadelbäumen, die rechts und links Spalier stehen. Gespenstische Stille, man hört kaum Vögel, und außer einer Radfahrerin begegnet mir niemand. Dafür steht auf einmal ein Reh am Wegrand. Wir schauen uns eine Zeit lang neugierig an, bevor es wieder im Wald Schutz sucht.

Seen und Natur satt

Uckermärkschischer Radrundweg

Es fängt an zu tröpfeln. Auf den Wiesen vor mir hat sich eine Gruppe Kraniche niedergelassen, deren Rufe mich schon eine Zeitlang begleiten. Hübsch sehen sie aus mit ihrem roten Farbklecks auf dem Kopf. Leider sind sie recht scheu und halten immer gebührend Abstand zu mir und meinem Fahrrad.

Irgendwann ist aus dem Tröpfeln doch ein Dauerregen geworden und mittlerweile stecke ich in meiner Regenmontur. Hier, in der Uckermark nördlich von Berlin gibt es wieder grüne Wiesen und der feuchte Wald duftet frisch und lebendig. Als ich um die nächste Kurve biege, überrasche ich eine Gruppe Dammhirsche, die sogleich in Richtung Unterholz flüchten. Dort bleiben sie kurz stehen und betrachten mich unschlüssig, bevor sie dann doch zwischen den hohen Tannen verschwinden.

Der nächste See taucht auf, versteckt sich hinter dem Grün der Büsche und des Waldes. Ich schiebe mein Rad über einen schmalen Pfad bis zum Ufer. Der Regen hat aufgehört, aber die Wolken hängen noch tief über dem Wasser. Kein Wind, das Schilf spiegelt sich in der glatten Oberfläche des Wassers. Man hört kein Auto, kein Flugzeug, nur die kleinen Wellen am Ufern glucksen ab und zu. Ich sitze auf einem Stein am Ufer und genieße das Geschenk der Ruhe und Schönheit, das mir die Natur macht.

Zwei Tage späte starte ich in an der polnischen Grenze im Nationalpark Oder in einen noch jungen und kühlen Morgen. Der Damm entlang der Flussauen erstreckt sich kerzengerade vor mir. Noch liegt dichter Nebel über den Wiesen und die Sonne ist nur als heller Schimmer hinter den Wolken zu erkennen. Geisterhaft streckt ein Baum am Wasser seine kahlen Äste in die Höhe, auf denen sich Kormorane niedergelassen haben, um auf die ersten Sonnenstrahlen zu warten. Auf einem kleinen See bilden die weißen Flecken der Schwäne abstrakte Muster auf dem Wasser, durchbrochen von den dunklen Tupfen der Enten und Blesshühner. Ein großer Greifvogel fliegt kurz vor mir auf, dann entdecke ich in den Wiesen wieder ein Reh. Sein Fell leuchtet in der Morgensonne, die es gerade durch die Wolken geschafft hat. Und ich freue mich auf den perfekten Tag, der vor mir liegt.

Flitzer und Fische

Wanderung um den Stechlinsee

Der letzte Tag meiner zweiwöchigen Radtour: heute darf sich mein Drahtesel ausruhen und ich werde noch ein paar Seen zu Fuß erkunden. Strahlend blauer Himmel heute und der Stechlinsee leuchtet tiefblau. Er soll eines der klarsten Gewässer Deutschlands sein und unter der glatten Oberfläche glitzern die silbernen Rücken der kleinen Fische. Die dunklen Äste abgestorbener Bäume bilden einen schönen Kontrast zur türkisen Farbe des Sees. Wie ertrunkene Riesen ragen die umgefallenen Baumstämme am Ufer aus dem Wasser.

Kleine, ruhige Wege führen teilweise direkt am Wasser entlang. Anfang September sind nicht mehr viele Wanderer unterwegs. Trotzdem ist es gar nicht so einfach, ein ruhiges Plätzchen für ein erfrischendes Bad zu finden. Ein paar schöne Stellen sind schon von Badenden im Adamskostüm besetzt. Als ich dann schließlich doch noch eine einsame Bucht finde, schließe ich die Augen und genieße das Gefühl des kalten Wassers, das mich umhüllt. Durch das klare Wasser kann ich die bunten Steine am Grund sehen, die in sandigen Boden übergehen, der das Wasser türkis schimmern lässt. Auf einem Ast ein paar Meter weiter trocknet ein Kormoran sein Gefieder in der Sonne. Schäfchenwolken schmücken den Himmel und ich schwebe mittendrin mit einem Lächeln im Gesicht.


Über die Gastautorin

Susanne lebt in Wien, ist 54 Jahre alt und arbeitet als Agiler Coach in der IT-Branche. Sie sitzt nicht nur in der Stadt auf ihrem Drahtesel, sondern macht jedes Jahr zumindest eine längere Radtour (1-2 Wochen) in Österreich, Deutschland und den benachbarten Ländern. Zum ersten Mal allein mit dem Fahrrad unterwegs war sie vor gut 20 Jahren, auf dem Highway No. 1 an der Westküste der USA.

Schreiben war neben der Natur und dem Draußensein schon immer Susannes große Leidenschaft und eine geliebte Möglichkeit, ihre Erlebnisse mit anderen zu teilen (hier gehts‘ zu Susannes Blog).


Warst Du auch schon mal im Osten Deutschlands mit dem Rad unterwegs und hast noch weitere Tipps für schöne Radwege? Oder hast Du noch Fragen zu Susannes Tour? Wir freuen uns auf Deinen Kommentar!

3 Comments

  1. Danke für den schönen Artikel, der in mir ein bisschen Heimweh auslöst. Ein paar der angesprochenen Orte kenne ich selbst gut. Es gibt so viele schöne Ecken hier in (Ost-)Deutschland, die man sonst gar nicht bereist.

    Beste Grüsse

    Torsten

  2. Anne-Kathrin Ernst Reply

    Danke für diesen schönen Reisebericht, der so viel Ruhe in sich birgt und die Landschaft so trefflich beschreibt. Empfehlen kann ich Ihnen den Spreeradweg und sowie die Oberlausitz, meine Heimat, zu erkunden. Mit dem Rad aber auch zu Fuss gibt es hier puren Naturgenuss !
    Viele Grüße
    Anne

  3. Hallo Susanne dein Bericht über den Osten Deutschlands liest sich sehr „ruhig und der Natur nahe“ Ich möchte mit meinem Pferd durch den Osten Deutschlands reiten, also Beginn wäre Tschechien und Ziel irgendwann mal Schweden… und bin noch auf der Suche nach einem reitbaren Weg.
    Wäre dieser Weg neben der weißen Elster möglich.

    Liebe Grüße
    Heidi aus St.Pölten

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