[Gastartikel] Der europäische Fernwanderweg E3 verbindet das Schwarze Meer mit dem Atlantik und soll von dort weiter nach Süden bis zum Cabo de São Vicente, dem südwestlichsten Punkt Europas, verlängert werden. Gastautorin Sabine Gärtner ist einen großen Teil der Route bis dorthin gewandert: Über 4.000 Kilometer zu Fuß und mit 7-Kilo-Rucksack, von ihrem Startpunkt Perl an der deutsch-luxemburgischen Grenze durch Luxemburg, Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal.

In diesem Erfahrungsbericht erzählt Sabine, was sie zu dieser Reise bewegt hat und gibt einen Überblick über ihre fünfeinhalbmonatigen Fernwanderung auf dem E3, wobei nicht nur die Natur und das Weitwandern an sich, sondern auch Kultur und Geschichte für sie eine bedeutende Rolle gespielt haben.

Ein Kindheitstraum: Wenn nicht jetzt, wann dann?

Schon in meiner Kindheit faszinierte mich der Gedanke, Landschaften und Wege „aus eigener Kraft“, also zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erkunden. Mit 16 Jahren machte ich mich zum ersten Mal allein auf den Weg in das etwa 200 Kilometer entfernte Straßburg. Mit einem klapprigen Dreigangrad, mein überschaubares Gepäck in einem damals üblichen Fahrradkorb. Es war große Überredungskunst notwendig, und ich bin meinen Eltern noch heute dafür dankbar, dass sie mir diese erste Tour zugetraut und erlaubt haben.

Es folgten viele Fahrrad- und Wandertouren, zum Beispiel durch Island, Schweden, Dänemark, Polen, die Slowakei, Italien und Griechenland sowie zwei große Alpenüberquerungen. Den Traum einer mehrmonatigen oder gar mehrjährigen Tour hatte ich schon damals, Studium und anschließendes Berufsleben hatten jedoch Vorrang. Meinen Bewegungsdrang und mein Bedürfnis, meine Grenzen immer neu auszuloten, stillte ich nun mit Marathonläufen, Berg- und Klettersteigtouren und Wanderungen von arbeitgeberfreundlicher Dauer. Es entwickelte sich so, wie viele es kennen: Der Raum, den das Arbeitsleben einnimmt, wurde immer größer und meine sportlichen Aktivitäten an der frischen Luft wurden immer geringer. Durch Beispiele im Freundeskreis inspiriert, stellte ich mir irgendwann – inzwischen war im ich 54. Lebensjahr – die berühmte Frage: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Die Zeit für „meine“ Fernwanderung war gekommen, und mein Entschluss stand fest.

Die Kombi macht´s: Natur, Kultur und Jakobspilger auf dem E3

Ich hatte lange überlegt, welcher Weg und welches Ziel es sein sollten für meine erste Fernwanderung. Standen früher Natur und einsame Landstriche bei mir ganz hoch im Kurs, nahm inzwischen – nicht zuletzt beruflich bedingt – die Kultur einen erheblichen Stellenwert ein. Als Architektin in der Denkmalpflege wollte ich unterwegs neben Naturparks möglichst viel an steingewordener Geschichte erleben und kulturhistorische Highlights sehen. Und dafür war der E3 durch die fünf Länder, quasi gespickt mit UNESCO Weltkulturerbestätten und anderen Denkmalen höchsten Ranges, einfach perfekt. Dazu sah ich mich neben traumhaften Aussichtspunkten in wilder Natur bereits an Bistro-Tischen im Süden in der Sonne sitzen. Die Tatsache, dass es sich zu einem beachtlichen Teil auch um einen Pilgerweg handelt, machte den Weg für mich als im Dienst der evangelischen Kirche stehend, zusätzlich interessant. Kultur, Natur und Jakobspilger: Das war die geradezu perfekte Kombination für mich.

E3 Erfahrungsbericht: Von Perl zum Cabo de São Vicente

Das fünfeinhalb Monate dauernde Sabbatical für meine Fernwanderung auf dem E3 habe ich fast ein Jahr lang vorbereitet. Ich musste eine Vertretung für mich an meiner Arbeitsstelle organisieren und einarbeiten, mich um Routenplanung und Ausrüstung kümmern… Die Vorbereitung war ausschließlich theoretischer Art und die Zeit trotz allem so knapp, dass ich bei meinem Start alles andere als fit war.

Ich war mir keinesfalls sicher, ob ich das Cabo de São Vicente in einigen Monaten wirklich erreichen würde. Ich war mir noch nicht einmal sicher, ob ich mich damit wohlfühlen würde, mehr als vier Wochen unterwegs zu sein und nicht nach Hause zu kommen. Was ich allerdings auf all meinen früheren Wanderungen, hier vor allen Dingen auf meinen Bergtouren durch die Alpen, gelernt hatte: Höre genau auf deinen Körper und vertraue ihm. An seine eigene Grenze zu gehen und darüber hinaus, aber auch zum Umkehren bereit zu sein, wenn es vernünftig ist – diese Balance zu finden, darin liegt wohl die Kunst. Mit dieser Kenntnis über mich begann ich meinen Weg ohne Angst und mit einer großen Portion Zuversicht.

Luxemburg und Belgien

Auf meinen ersten 238 Kilometern führt mich der E3 durch Luxemburg. Von Perl/Schengen zunächst Richtung Norden bis Clervaux und von dort wieder Richtung Südwesten nach Martelange. Ich übernachtete auf Campingplätzen im Zelt. Ende April hatte nicht mehr mit derart kalten Nächten gerechnet und da ich schließlich in den Süden wollte, hatte ich nur einen dünnen Daunenschlafsack dabei. In diesen ersten Nächten meiner Wanderung sehnte ich frierend den Morgen herbei. Den Moment, in dem ich begann, meinen sieben Kilo schweren Rucksack zu packen und wieder loszugehen, ohne genau zu wissen, wo mein Tag enden würde. Tagsüber genoss ich bei angenehmen Temperaturen die wundervolle Landschaft und den Gedanken daran, nun mehrere Monate einfach nur zu Fuß unterwegs zu sein.

Zunächst durch Weinberge und Wald, bald durch die Luxemburgische Schweiz, das Our-Tal und schließlich durch den Naturpark Obersauer in den Ardennen hatte ich zu dieser Zeit den Wanderweg meistens für mich ganz alleine. In Belgien ist der Fluss Semois das leitende Element. Dazu die typischen Ardennendörfer und weite Wiesen. Ich erlebte den Frühling mit dem Erwachen der Natur. Ich musste für mich selbst einen Rhythmus finden, der schon bald zu einer Art festen Gewohnheit wurde. Ich konnte zwar auf gewisse sportliche Grundlagen zurückgreifen, war aber dennoch völlig untrainiert. Und die Anstrengung steckte mir schon bald buchstäblich in den Knochen und in den Füßen.

Frankreich

Etwa 2000 Kilometer legte ich in Frankreich zurück. Dass man bei einer so langen Strecke ganz unterschiedliche Landschaften und Regionen durchwandert, liegt in der Natur der Sache. Das verbindende Element war dabei die enorme Hilfsbereitschaft, die ich überall erleben durfte. Wie sonst hätte ich das Nichtvorhandensein von Campingplätzen, Unterkünften und Lebensmittelgeschäften in der weiten Agrarlandschaft im Norden verkraften können?!

Ansonsten fallen mir einprägsame Erlebnisse mit Wildschweinen, zerwühlte Waldpfade und sehr viel Wasser von oben zu diesem Wegabschnitt ein. Auch der erste bauhistorische Höhepunkt Schloss Pierrefonds gehörte dazu, bevor ich dann in einem weiten Bogen Paris teilumrundete. Scheinbar endlose Wälder, prunkvolle Schlösser und Übernachtungen in Hotels direkt an Autobahnkreuzen bildeten einen krassen Gegensatz. Persönlich war ich längst auf „meinem“ Weg angekommen, hatte das  Unterwegssein liebgewonnen und konnte mir nichts anderes mehr vorstellen.

Zu den landschaftlichen Höhepunkten gehörte für mich der Morvan und der Naturpark Livradois Forez. Die Durchquerung dieser beiden Naturparks forderte meine ganze Kraft und gab sie mir doch am Ende vielfach zurück. Ich fühlte mich gestärkt durch alles Erlebte und wurde belohnt mit dem Gefühl unendlicher Freiheit und mit wundervollen Aussichten und Erlebnissen. Als ich Le-Puy-en Velay vor mir sah, konnte ich den Süden bereits riechen.

Die nächsten etwa 800 Kilometer bis zu den Pyrenäen war ich nun auf der Via Podiensis unterwegs, denn der E3 verläuft hier zusammen mit diesem Pilgerweg. Intensive Begegnungen mit anderen Pilgern und mit gastfreundlichen, immer hilfsbereiten Menschen begleiteten mich durch den Sommer. Durch einige der schönsten Dörfer Frankreichs und durch riesige Sonnenblumenfelder, bis ich die Pyrenäen bei Saint-Jean-Pied-de-Port erreichte.

Spanien

Zugegeben: Gegenüber dem sich nun anschließenden Camino Frances war ich  etwas skeptisch gewesen. Ich hatte mich bei meiner Langstreckenwanderung eher auf die einsamen oder zumindest nicht vollkommen überlaufenen Abschnitte gefreut, und der beliebte Camino Frances erschien mir eher als Beiwerk, aber nicht als die Hauptsache. Viele Jahre zuvor war ich schon einmal einen Teil dieses Jakobswegs gegangen, als er lange noch nicht so berühmt und so häufig begangen war wie heute. Nun war ich gespannt darauf, wie ich mich mit der Betriebsamkeit und den vielen Kilometern entlang von Straßen zurecht finden würde.

Ich fühlte mich eher als eine Beobachterin denn als zugehörige Pilgerin, da ich inzwischen schon auf mehrere Monate des Wanderns und auf viele Erlebnisse zurückblicken konnte. Ich erlebte den Camino Frances im Schnelldurchlauf und konnte dieser ganz anderen Art, in der internationale Begegnungen eine große Rolle spielen, durchaus viel Positives abgewinnen. Fast empfand ich es als ein großes Fest, an dem ich teilnehmen durfte. In Santiago de Compostela angekommen herrschte Ankunfts- und Abschiedsstimmung, und mich zog es weiter. Weiter auf dem Camino Portugues, jetzt gegen den Strom der vielen fröhlichen Jakobspilger. „Santiago? – No Santiago – Fatima!“ war nun mein Motto.

Portugal

Der Camino Portugues verlief auch in Portugal häufig auf alten Römerstraßen. Diese historischen Wege hatten es mir besonders angetan, da ich mir vorzustellen versuchte, wie das Reisen in lange zurückliegenden Zeiten wohl gewesen war. Man konnte immer wieder eintauchen in eine andere Welt, nur um gleich darauf wieder in der Begegnung mit anderen Pilgern die Gegenwart zu erleben. Als ich bei Vila do Conde den Atlantik sah, trafen mich meine Emotionen ganz unerwartet. Ein ganz besonderer Höhepunkt, mit dem sich das scheinbar unendliche Unterwegssein in einen Urlaub mit absehbarem Ende verwandelte.

Für die Besichtigung der Städte und Weltkulturerbestätten wie Porto, Aveiro, Coimbra, Tomar und Lissabon hatte ich besonders viel Zeit eingeplant. Es sollte ein bewusster „Cool Down“ werden, an dessen Ende die letzten 160 Kilometer auf der Rota Vicentina standen. Doch dieser schöne und vielbeworbene Weg vor atemberaubender Kulisse forderte bei Temperaturen von bis zu 38 Grad und heißem Sand unter den Füßen noch einmal alles von mir. Nach 156 Tagen zu Fuß näherte ich mich der Geschäftigkeit am Cabo de São Vicente und dem Leuchtturm am südwestlichsten Ende des europäischen Festlandes. Und auch dem Ende meiner Reise, die mich vor allem eines ganz besonders gelehrt hatte: Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Das Buch zur Wanderung auf dem E3 Ardennen – Atlantik

Von der Ankunft am Cabo de São Vicente im Oktober 2018 bis zum Erscheinen meines Buches „4500 Kilometer auf dem Fernwanderweg E3“ im Reisebuch Verlag sollten noch fast zweieinhalb Jahre vergehen. Private Ereignisse, die berufliche Neuorientierung und der Umzug zurück in die alte Heimat kamen überraschend dazwischen. In dem Buch schildere ich noch viel mehr Wissenswertes zum Verlauf des Fernwanderweges, zu den Sehenswürdigkeiten am Wegesrand und zu den durchwanderten Regionen. Gleichzeitig kann man teilhaben an meinen persönlichen Erlebnissen und den wertvollen Begegnungen mit anderen Menschen.

“Es sind die kleinen Geschichten des Alltags, die am Ende eine Bedeutung haben und dem langen Weg Farbe geben. Jeder, der die Sehnsucht spürt, kann hinaus vor die Tür gehen und sich auf den Weg machen, zu Fuß oder irgendwie anders. Dazu ermuntert uns die Autorin mit ihrem Reisebericht. Ihr Rezept ist, dass man keines braucht. Eine unterhaltsame und informative Lektüre für alle, die sich einmal auf einen längeren Weg machen wollen, um den Kopf frei zu bekommen…”

Mehr Infos und Tipps zum europäischen Fernwanderweg E3

Reisezeit

Für alle Teilabschnitte eignet sich die Zeit von Frühling bis Herbst am besten. Wenn man meinen kompletten Weg durch alle fünf Länder an einem Stück gehen möchte und somit im Frühling startet, folgt daraus allerdings, dass es im Sommer in Südfrankreich, in Spanien und in Portugal (hier auch im Herbst noch) mitunter sehr heiß sein kann.

Routenplanung

Die einzelnen Wegabschnitte mit ihren jeweiligen regionalen Bezeichnungen und den Verlauf habe ich genauer in  meinem Buch beschrieben. Die GPX-Dateien zu vielen einzelnen Abschnitten kann man auf Internetseiten wie z. B. www.gr-infos.com oder https://waymarkedtrails.org/ finden. Allerdings sollte man damit rechnen, dass die Tracks teilweise fehlerhaft oder nicht aktuell sein können. Der Verlauf der Via Podiensis in Frankreich, des Camino Frances in Spanien oder des Camino Portugues (hier gibt es mehrere Varianten) in Spanien und Portugal ist sehr gut markiert, ebenso die Rota Vicentina in Portugal, für die es eine eigene Internetseite gibt. Im gesamten Wegverlauf von Perl bis zum Cabo de São Vicente gibt es ein paar kleinere Abschnitte, bei denen man auf Improvisation angewiesen ist. Ich hatte mir den gesamten Weg vorher auf BaseCamp zusammengesetzt und gespeichert, mit einer durchgehenden Kilometrierung versehen und alle Infos, die ich finden konnte, dort eingearbeitet. Weitere Auskünfte gebe ich bei Bedarf gerne direkt per E-Mail.

Übernachtung und Ausrüstung

Mein Rucksack hatte ohne Wasser ein Gewicht von etwa sieben Kilo, inklusive Zelt, Schlafmatte und Schlafsack. Mit dem Zelt habe ich ausschließlich auf Campingplätzen übernachtet, zwischendurch aber auch in Herbergen, Pensionen und Hotels. Letztendlich ist jede Art dieser Übernachtungen überall möglich und jede*r sollte hier für sich entscheiden. Auch Möglichkeiten, um sich zu verpflegen, gab es unterwegs in der Regel genug. Nur ein Abschnitt in Nordfrankreich  war in Sachen Logistik etwas schwieriger.

Anforderung und Wegbeschaffenheit

Größtenteils ist der E3 (auf dem von mir erwanderten Abschnitt) einfach zu begehen und führt über Wanderwege durch Wald und Wiese genauso wie über asphaltierte Wege und Straßen. Zwischendurch gibt es aber auch einige Etappen, die nicht ganz so einfach sind, teilweise sogar Trittsicherheit und Schwindelfreiheit erfordern. Diese sind allerdings eher die Ausnahme.

Über die Gastautorin

1964 in Darmstadt geboren, widmete sich Sabine Gärtner nach dem Architekturstudium der Denkmalpflege und dem kirchlichen Bauen. Daneben begab sie sich schon als Jugendliche zunächst mit dem Rad, später zu Fuß auf Reisen. Das Unterwegssein, die persönliche Grenzerfahrung und das Ausprobieren von immer Neuem, wie zum Beispiel Marathon und Ironman, waren dabei der rote Faden. Während zunächst der Schwerpunkt ihrer Projekte auf Ausdauer, Sport und Natur lag, gewann Kunst und Kultur dabei immer mehr an Bedeutung. Die Möglichkeit, diese unterschiedlichen Interessen miteinander verbinden zu können, empfindet sie als besonderes Glück.

1 Comment

  1. Das sieht nach einem wunderbar abwechslungsreichen Weg aus, bei dem man die Vielfalt Europas so richtig in sich aufsaugen kann. Vor allem, wenn man irgendwann noch den östlichen Teil geht.

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