Wie mittlerweile selbst dem Überschriftenleser und Bildergucker bekannt sein sollte, habe ich so etwas wie den Referendariatsstatus im Outdoor-Bereich erlangt. Es wurde also langsam Zeit, dass ich auch die traurigen Seelen in meinem Umfeld, die ihre Sonntage mit Chips, Cola und Videospielen auf der Couch verbringen, in die heilsame Schönheit des Draußenseins einführe. Nachdem wir alle Fragen, die es im Vorhinein so zu klären galt (“Kann ich auch in Jeans wandern?” – “Geht’s noch?!”, “Muss ich mir vorher noch eine Regenjacke kaufen?” – “Eh.. JA! Aber bitte mit Gore-Tex.”, “Kannst Du meine Sachen tragen? Ich hab keinen Rucksack.” – “Klar. Ich bin stark wie Hulk und meine Schultern sind aus Kruppstahl.”) ging es eines schönen Sonntags (schön, abgesehen von der Gewitterwarnung) auch schon los.

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Natürlich machte ich mir vorher genauste Gedanken über die Tour. Nicht zu schwer, nicht zu leicht. Nicht zu langweilig, nicht zu nervenaufreibend. Nicht zu anstrengend, nicht zu läppisch. Nicht zu weit weg. Mit Einkehr. Und am besten noch mit Funfaktor. Meine Wahl fiel auf die Route Garmisch-Hausberg – Rießersee – Kochelbergalm – Partnachalm – Partnachklamm: Einfache Wege, aber keine Forststraßen. Schöne Ausblicke, eine nette Einkehr – und am Ende die Partnachklamm als abschließendes Klimbim und Tütü.

Vorfreude und Motivation bei meinem Draußen-Lehrling waren groß. Dann kamen die ersten 50 Höhenmeter.

Der Weg schlängelte sich vom Parkplatz Garmisch-Hausberg aus erst etwas durch den Wald und dann um den malerischen Rießersee herum bis zur alten Olympia-Bobbahn. Um meine lernfreudige Begleitung zu beeindrucken, kletterte ich mutig die Böschung empor, um ein paar Bilder von ebenjener Bahn und der sagenumwobenen Bayernkurve (die übrigens 4 Menschenleben forderte) zu erhaschen. Kam erst ganz gut an, aber dann stellten wir fest, dass man ein paar Meter den Weg weiter perfekte Sicht auf die Bobbahn hatte. Ganz ohne Klettern. Die Sinnlosigkeit meiner Aktion lag offen vor uns und verhöhnte mich schmerzhaft. Ganz ähnlich muss das Gefühl sein, wenn man jahrelang trainiert und tausende von Euros ausgibt, nur um den Everest zu besteigen, und dann steht man oben und sieht auf der anderen Seite die neu erbaute Seilbahn voll besetzt mit unsportlichen Menschen in Birkenstock-Sandalen.

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Über schöne kleine Waldwege und ein kurzes Stück Straße führte der Weg in mäßiger Steigung weiter bergauf bis zur idyllischen Partnachalm mit tollstem Wettersteinpanorama. Letzteres versteckte sich leider hinter Wolken. Aber auch das musste mein Outdoorschüler lernen. Lernen, mit Enttäuschungen umzugehen. Das Gute zu sehen. Limonade aus Zitronen machen. Und dann das pinke Einhorn schnappen und in die Wattebauschschlacht nach Nimmerland reiten. Wir sind ja nicht bei Wünsch-dir-was, sondern bei So-isses. Das fiel mit kühlem Radler und deftiger Brotzeit dann auch nur noch zweidrittel so schwer.

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Von der Partnachalm stiegen wir stetig bergab und spätestens jetzt bestrafte meinen Bergpraktikanten die Tatsache, dass er sich für Nike Air Max und gegen ein ordentliches paar Bergschuhe entschieden hatte. Nachdem ich unter vollem Körpereinsatz die 1-Mann-Lawine verhindert hatte, waren wir am Klammeingang angelangt. Nach einer kurzen Einführung in die Klammwanderungskunde (Lektion 1: Smartphone nicht in den Fluss werfen, Lektion 2: Kopf ist weicher als Fels, Lektion 3: wir haben bei Engpässen immer Vorfahrt vor den entgegenkommenden Menschenmassen, Lektion 4: Ällabätsch, Du hättest gar keine Regenjacke kaufen müssen, denn Regenjacken sind was für Weicheier, Lektion 5: Es gibt keine Toilette in der Klamm) stürzten wir uns mutig ins Abenteuer.

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Gerade Lektion 3 erwies sich im Folgenden als sehr sinnvoll, denn die Menschenmassen waren beachtlich und hätten wir nicht die Vorfahrtsregeln gekannt, wären wir wohl heute noch auf diesem schmalen Weg, der sich durch zahlreiche Felsdurchgänge am Rande des Flusses, der sich durch die beeindruckenden, oben im schönsten Grün bewachsenen Steilhänge schlängelt und dabei brüllt, als ginge es um sein Leben. (Die Frage, ob Flüsse Lebewesen sind, lasse ich an dieser Stelle außen vor, ziehe aber in diesem Moment in Betracht, auf meinem Blog eine eigene Kategorie zu den großen philosophischen Fragen der Outdoor-Menschheit zu erstellen.)

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Irgendwann spuckte uns die Klamm wohlbehalten wieder aus und wir traten, vorbei an der Garmischer Skisprungschanze und Schafen (beides höchst spektakulär!), den Rückweg zum Parkplatz an.

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Da es keine Tränen gab, das Erste-Hilfe-Set unangetastet blieb und zwischendurch sogar das ein oder andere “Ah” und “Oh” fiel (ich gehe jetzt mal davon aus, dass dies nicht vor Schmerz, sondern vor Entzückung geschah), verbuche ich mein kleines Alpenseminar als vollen Erfolg. Wann wir denn mal wieder sowas machen, wurde ich gefragt. Mission erfüllt. Das macht Siebeneurofuffzich und 10 Kilo Zuckerwatte für mein pinkes Einhorn. Und die Provision vom DAV hab ich sicher auch bald in der Tasche.

Die Route erwies sich als tolle Anfänger-Tour mit einigen Highlights und erfüllte alle Kriterien, die ich oben genannt habe. Und die Partnachklamm ist selbst mit Menschenmassen ein tolles Erlebnis. Die Tour ist auch für Wanderungen mit größeren Kindern und/oder Hunden bestens geeignet. Letztere sind angeleint auch in der Klamm erlaubt.

Die komplette Beschreibung der Tour findet Ihr auf hoehenrausch.de

Habt Ihr noch weitere Tipps für Touren, die gut für Berg-Anfänger geeignet sind? Dann freue ich mich auf Eure Kommentare! Der/die nächste Wanderpraktikant/in kommt bestimmt.

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7 Comments

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke! Meine Bestechungsversuche liefen leider ins Leere 😉

  1. Haha, das kenne ich nur zu gut. Meine erste Wanderung war auch noch in Air Max. Schöner Depp war ich und genau so sah ich auch hinterher aus. Seid ihr nochmal losgezogen?
    Viele Grüße
    T.

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Thorben, dann hoffe ich doch, dass Du mittlerweile besser ausgerüstet bist und noch viele Wanderungen folgten 🙂 Bisher noch nicht, aber es gingen bereits Anfragen ein 😉

      Viele Grüße
      Kathrin

  2. Die Partnachklamm steht auch noch auf der Liste. Meine Frage: Gehts auch ohne Wanderschuhe?
    Bin inzwischen schon länger auf verzweifelter Suche nach Wanderschuhen, aber hab etwas (haha) schwierige Füße und habe bisher noch kein Paar gefunden, das passt 🙁 Wandere momentan in meinen Laufschuhen… ;/

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Antje,

      die Klamm geht definitiv in Laufschuhen – und der Rest der von mir beschriebenen Tour sollte auch kein Problem sein. Gerade wenn man Wandern nicht gewohnt ist, muss man dann aber natürlich doppelt aufpassen, um Umknicken, Ausrutschen und ähnliche unangenehme Zwischenfälle zu vermeiden. Naja, und bei Schnee solltest Du das natürlich auch nicht gerade in Laufschuhen machen. 🙂

      Viel Spaß und viel Glück bei der Wanderschuhsuche! Lass Dich am besten in einem Fachgeschäft beraten. Die können sich Deine Füße angucken und wissen, wie die einzelnen Schuhe ausfallen usw. Da findet sich dann sicher auch für Dich das richtige Paar.

      lg Kathrin

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