Noch während ich den letzten Rest des schokoladenüberzogenen Karamellkekses in meinen Mund steckte, wusste ich, dass es wohl keine gute Idee war, die ganze Packung auf einmal zu essen. Immerhin war es erst 8 Uhr morgens und das nächste bisschen Zivilisation war vier Tagesmärsche entfernt. Ja, gut. Ich hatte noch Müsliriegel und Trail Mix und Gummibärchen und eine komische indische Crackermischung, die ich bis heute nicht gegessen habe. Aber die Kekse, die waren halt was besonders. Jeden Tag wollte ich zwei davon vertilgen. Einen nach dem Mittagessen und einen nach dem Abendessen. Aber jetzt hatte ich alle aufgegessen. Und sie hatten noch nicht mal das Mittagessen überlebt.

„Anfänger!“ schrie es in meinem Kopf. Nicht nur wegen der Kekse, sondern auch weil ich das Gefühl hatte, dass ich die letzten 1.400 Kilometer Wandern für Weicheier und keine abenteuerlich-aufregende Fernwanderung absolviert hatte. Es gab halt doch immer irgendwo einen Pub. Einen Wegweiser. Oder zumindest ein kleines, einsames Strichlein auf der Netzanzeige des Mobiltelefons. Aber das sollte ab heute alles anders werden. Zwei Wochen schottische Wildnis lagen vor mir. Zwei Wochen ohne markierte Wanderwege, ohne regelmäßige Unterkünfte und Einkaufsmöglichkeiten, ohne Handyempfang. Wie sollte ich das nur schaffen, so ganz ohne Schokokekse?

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Nachdem ich nochmal extra lang und extra heiß geduscht und mir die Fotos von einer Hochzeit einer Fremden Tochter angesehen hatte, die sich auf dem Handy eines fremden Vaters befanden, der mir diese aus irgendeinem Grund zeigen wollte, verließ ich den kleinen Campingplatz in Gairlochy. Er war mir ans Herz gewachsen. Als letztes Stück Annehmlichkeit vor dem Hostel in Craig, das irgendwo da hinter zahlreichen Bergketten und Moorpfützen lag. Und weil es dort Plastikstühle gegeben hatte, die man sich kostenlos ausleihen konnte, um vor dem Zelt zu sitzen. Für jemanden, der sich normalerweise schon über einen kleinen Stein als Sitzgelegenheit freut, eine nicht zu unterschätzende Annehmlichkeit.

Ein paar Kilometer würde ich dem Great Glen Way noch folgen. Dann wird mich mein Weg nach Norden führen. Weg von den Einkaufsmöglichkeiten und dem Handyempfang und… naja, Du weißt schon. Das tiefblaue Wasser des Loch Lochy (ja, der heißt wirklich so!) schimmerte geheimnisvoll in der Sonne, die kleinen Wellen – aufgescheucht durch ein buntes Hausboot – schwappten ans Kiesufer, welches unter meinen Schuhen knirschte. Ein Fischreiher entfernte sich empört von der Szenerie. Ich durchquerte ein herrschaftliches Anwesen, wanderte eine kleine Dorfstraße entlang, über eine Brücke, an einem Wasserfall vorbei, auf einen Hügel hinauf. Also quasi das, was ich immer tat. Zumindest wenn „immer“ so viel wie „die letzten drei Monate“ bedeutet, was es zu diesem Zeitpunkt für mich tat. Alles war gleich, und alles war anders. Die Vertrautheit, die ich in den letzten Wochen zu den britischen Fernwanderwegen aufgebaut hatte, war verloren. Die Sicherheit, die ich in den letzten Wochen mit jedem meiner Schritte gespürt hatte, war weg.

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Ich durchquerte ein künstlich aufgeforstetes Waldstück, der Weg wurde schmaler, das Tosen des Baches unten am Hang lauter. „Walkers this way“ – juhu, ein Wegweiser! Ich ging durch ein Tor, und dann war er vorbei. Der Weg verlor sich im nichts. So deutlich er auf der Karte auch eingezeichnet war, so undeutlich war er auf dem sumpfigen Grund der schottischen Highlands zu sehen. „So beginnt es also,“ dachte ich mir.

Die Routenfindung war nicht schwer, die Wegfindung dafür umso mehr. Der Untergrund wurde zunehmend weicher, die Moorgräben höher, die dicken Grashalme dichter. „Überqueren Sie nicht den Wildzaun – der Weg, der auf der anderen Seite auf der Karte eingezeichnet ist, ist es nicht wert“. Ich folgte dem Rat meines Guidebooks, denn das Überqueren des Zauns wäre sowieso eher schwer geworden, nachdem die Holztreppe komplett in sich zusammengefallen war. Ich setzte mich auf einen traurigen Rest Brett und stopfte eine Hand voll Trail Mix in den Mund. Der Wind wurde stärker. Der Nebel dichter. Nieselregen setzte ein. Was hätte ich jetzt für einen von diesen Schokokeksen gegeben. Oder für einen von diesen Plastikstühlen.

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Hüpfend und fluchend bahnte ich mir meinen Weg über den unwegsamen Untergrund, bis ich zu einem anderen Teil des Wildzauns kam. Irgendwie hatte ich es geschafft, genau dort rauszukommen, wo ein Tor im Zaun war. Na immerhin. Während meine Füße langsam aber sicher im Schlamm vor dem Tor versanken, versuchte ich mit all dem Fingerspitzengefühl, welches noch in mir war, die Knoten der Seile zu lösen – und anschließend von der anderen Seite des Zauns aus wieder so hinzubekommen, dass sie der Kraft eines Sturms oder verliebten Zehnenders widerstehen könnten.

Das gelang mir noch ganz gut, doch dann ging es bergab. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Durch einen Fluss und dann rein in einen Wald. Ohne Wege. Die Bäume wurden immer dichter. Und die Ansammlungen an Hirschlausfliegen auch. Hirschlauswas…? Eklige kleine Flugviecher mit dicken Beinen, die wie Berserker auf einen zuschießen, sich festkrallen, ihre Flügel abwerfen und in Windeseile einen Platz zum Blutsaugen suchen. Die einzige Möglichkeit, sie wieder loszuwerden, ist sie mit aller Kraft zu zerquetschen. Ich hasse sie. Ich hasse sie!! Seit ich sie vor zwei Jahren im Baltikum zum ersten Mal getroffen habe.

Damals traten sie allerdings nur vereinzelt auf. An diesem Tag aber saßen, ehe ich mich versah, mindestens 20 davon auf meinen Armen, in meinem Gesicht, an meiner Hose… Panisch hüpfend und um sich schlagend bergab durch einen dichten Nadelwald zu laufen und dabei auch noch aufzupassen, dass man die Richtung hält ist ECHT nicht so einfach, sag ich Dir. Umso erleichterter war ich, als ich ENDLICH auf den in meinem Buch beschriebenen Fahrweg traf, der gleichzeitig auch noch frei von Hirschlausfliegen war. Was kann man denn bitte mehr im Leben wollen? (Mal abgesehen von Schokokeksen?)

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Als ich so vor mich hinlief, mit festem Grund unter den Sohlen und Harry Potter im Ohr, begegnete ich plötzlich einem älteren Ehepaar. „Hallo! Weißt Du wo Du bist?“ – „Ja, wisst ihr denn auch, wo ihr seid?“ – „Nein.“ Nachdem ich den beiden ihren aktuellen Standpunkt auf der Karte gezeigt hatte, stellten wir zusammen fest, dass sie den halben Tag lang in die komplett falsche Richtung gelaufen waren und sich nun genau auf der falschen Seite der Bergkette befanden. Zurücklaufen hätte mindestens vier Stunden gedauert, es war aber schon 18 Uhr, und gegen 20 Uhr wurde es dunkel. Na wenigstens hatte nicht nur ich einen Sch****tag! Ich riet ihnen, einem Pfad in der Nähe bis zu einer kleinen Straße zu folgen und von dort aus zu trampen. Und zwei von meinen Müsliriegeln gab ich ihnen auch noch mit auf den Weg, die sie nach einigem Protest dann doch sehr dankbar annahmen.

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Wäre ich mal mit ihnen gegangen. Aber nein, ich hatte ja diesen supertollen, vermeintlichen Weg auf der Karte entdeckt, der mich viel schneller zum heutigen Ziel bringen würde. „Anfänger!!“

Wenn man einen „Weg“ überhaupt nur findet, weil die GPS-Karten-App sagt, dass er genau dort sein müsste, dann sollte man ihn eigentlich besser nicht gehen. Aber zum Umdrehen war es mir jetzt auch zu spät. Also stürzte ich mich wieder ins Getümmel aus Matsch, Matsch und Matsch. Das hier war allerdings kein Vergleich zu vorher gewesen. Der Boden war einfach nur noch weich und das Vorankommen war nicht nur nass, sondern auch einfach unglaublich anstrengend. Aber irgendwie musste ich da jetzt durch.

Mein geflügelter Erzfeind besuchte mich in regelmäßigen Abständen. Alle 5 Minuten blieb ich stehen, um Zecken von meinen Hosenbeinen zu schnippen. Und als ich plötzlich feste, klebrige Spinnenweben an meiner Hand spürte, wusste ich schon, was ich sehen würde, bevor ich an mir herunter sah. Eine monströse Spinne saß an meinem Oberschenkel, die vermutlich in echt gar nicht so monströs war, mir in diesem Moment aber vorkam wir Kankra selbst. Ach… hab ich eigentlich schon erwähnt, dass ich an einer Insektenphobie leide? Es ist zwar dank tapferer Selbsttherapie längst nicht mehr so schlimm, wie es mal war, aber das war echt zu viel des Guten. Ich glaube ohne Harry Potter im Ohr wäre ich schon an diesem Punkt durchgedreht, so aber begnügte ich mich mit ein paar heißen, dicken Tränen auf den Wangen.

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Irgendwann kam ich wieder zu einem Wildzaun und hatte abermals Glück, denn es gab einen kleinen Durchschlupf. Irgendjemand musste also doch schon mal hier lang gegangen sein. Das war sehr beruhigend. Ich gelangte ans Ufer des River Garry, zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich nass, hungrig, müde und mit stechendem Schmerz an der Stelle kurz unter meinem linken Schulterblatt. Es hatte einfach so gut wie keinen Ort gegeben, an der ich mich hätte mal hinsetzen und ausruhen können. Und außerdem wurde es ja auch bald dunkel.

Vor mir lag nichts als mooriger Boden in endloser Ausdehnung, links von mir der Wildzaun, rechts von mir der tosende Fluss. Weit und breit keine Stelle, an der ich auch nur annähernd mein Zelt hätte aufbauen können. Ich stapfte immer weiter, immer weiter. Die Verzweiflung wurde immer größer, die Abstände der Heulkrämpfe immer kleiner. Noch nie habe ich mir so sehr gewünscht, Handyempfang zu haben. Aber den hatte ich schon den ganzen Tag nicht gehabt, und irgendwie war es auch sehr unwahrscheinlich, dass ich genau hier plötzlich welchen haben würde.

Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass meine Schuhe weit entfernt vom Prädikat wasserdicht waren? Aber es wäre eigentlich auch egal gewesen, denn das Wasser und der Schlamm gingen mir mittlerweile sowieso stellenweise bis zu den Knien. Ich war schon ziemlich am Ende meiner Kräfte, als ich in der Ferne eine Art Scheune erblickte und ich wusste, dass das meine letzte Chance war, heute noch irgendwo mein Zelt aufzuschlagen. Nach etwa einer Stunde erreichte ich den Rand des Geländes, nur noch ein kleiner Fluss trennte mich von meinem Glück. Ich durchquerte ihn ohne mit der Wimper zu zucken, denn nasser konnten meine Füße eh nicht werden. Am anderen Ufer warteten ein paar Hochlandrinder auf mich. Unter anderen Umständen und nach meiner einschneidenden Erfahrung mit diesen Tieren (ich berichtete hier) hätte ich die wohl als zusätzliche Hürde empfunden. Jetzt war ich einfach nur froh, andere Lebewesen zu sehen. Sie beobachteten mich verständnisvoll und ein bisschen mitleidig dabei, wie ich mich mitsamt meines Rucksacks über das verschlossene Gatter hievte.

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Ich ließ den Rucksack auf den Kiesplatz vor dem Scheunendings plumpsen und mich selbst direkt daneben. Ich glaube, ich war noch nie in meinem Leben so erschöpft gewesen. Für die 30 Kilometer hatte ich verdammte 12 Stunden gebraucht. Gerade wollte ich die Schuhe ausziehen, da fiel mir ein, dass ich ja mein Wasser gar nicht aufgefüllt hatte. Ich kletterte hinter der Scheune die Böschungs zum Bach herunter, rutschte aus, schlitterte halb in den Bach, blieb liegen … und lachte. Und weinte. Und lachte. Und weinte.

An diesem Abend, als ich in trockenen Sachen und mit doppelter Portion Instant-Käse-Maccaroni im Bauch im Schlafsack lag, traf ich einen Entschluss. Und das nicht (nur), weil der Tag nicht besonders nett zu mir gewesen war, nein. Ich sah plötzlich ganz klar vor Augen, wie viel ich bis hierher erreicht hatte. Dass ich mehr erreicht hatte, als ich je zu hoffen gewagt hatte. Dass ich die allerbeste Zeit gehabt hatte. Und dass es ab jetzt nur noch bergab gehen konnte. Die Route quer durch die Highlands war mir an diesem Punkt der Wanderung einfach zu anstrengend. Und die Alternative wäre mir zu langweilig gewesen. Also wieso noch bis nach John o‘ Groats gehen? John o‘ Groats war eigentlich sowieso noch nie mein Ziel gewesen. Mein Ziel war es gewesen, eine lange Wanderung zu machen. Grenzen zu überwinden. Großbritannien zu genießen. Einfach nur eine Zeit lang nichts anderes zu tun, als einen Fuß vor den anderen zu setzen. Und all das hatte ich nach 3 Monaten und 1.500 Kilometern wirklich mehr als ausgiebig gemacht.

Am nächsten Tag würde ich auf einer Forststraße zu einer Brücke gehen, die mich über den Fluss bringen wird. Hin zu einer kleinen Straße, der ich nach Westen zurück zum Great Glen Way folgen würde. Sobald ich wieder Internet hatte, würde ich die Reservierungen in den spärlich gesäten Unterkünften im Norden Schottlands stornieren. Dem Hostel Bescheid geben, dass es mein Paket mit dem Nachschub an Essen und Karten an andere Gäste verteilen kann. Meinen Rückflug umbuchen. Ich würde die letzten Tage an den Kanälen und Lochs genießen. In meinem kleinen Lieblingshostel am Loch Ness ein Zimmer buchen. Vielleicht sogar mal ein Stück mit dem Bus fahren, wenn die Stelle an meinem Rücken zu sehr schmerzt. Ich würde mir bei meiner Ankunft in Inverness bei der ersten Gelegenheit eine Dose Cider kaufen. Und es würde der beste Abschluss meiner Wanderung werden, den ich mir hätte wünschen können. Denn es war einfach ganz genau der richtige Zeitpunkt gewesen.

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P.S. Ich hab leider nicht so wirklich viele Fotos an diesem Tag gemacht, vor allem nicht von den fiesen Dingen. Die Gründe dafür dürften aber wohl auf der Hand liegen.


Bist Du auf einer Wanderung auch schon mal an Deine Grenzen gestoßen und hast Dich ernsthaft gefragt, womit Du all das nur verdient hast? Erzähl mir davon im Kommentar!

16 Comments

  1. Hallo Kathrin,

    schön geschrieben. Danke! Ich kann das sehr gut verstehen. Und da ich bei Deiner letzten Aufforderung so schmunzeln musste, hier meine Geschichte.

    Ort der Szenerie: Zwischen Bodö und Trondheim.

    Unser Start hätte schon ein böses Omen sein sollen. Der Zug von Bodö nach Trondheim ging immer um 8 und um 20: Uhr. 4 Stunden später wollten wir aussteigen. Dann wollten wir ein paar Tage relativ ziellos wandern.

    Natürlich haben wir um 7 verschlafen.
    Im September den Zug um 20 Uhr zu nehmen und dann 4 Stunden später auszusteigen bedeutet: Es ist DUNKEL. Dafür gibt es kein Wort. Stockfinster. Im Arsch der Hölle. Ich weiß es nicht. Jedenfalls bauten wir in aller Eile unser Zelt auf (Wir waren jung und hatten nur eine schwache Funzel und legten uns schlafen).

    Dann wurden wir von einem Erzzug überfahren.
    Jedenfalls fast. Denn der Zug donnerte 3 m neben uns über seine Trasse, wir hatten auf einer Wiese direkt daneben gezeltet. Dieses Gefühl – ich werden es nie vergessen. 2000t in 3 m Entfernung. Davon wach werden.

    Morgens gings weiter zur Stormdalenshytta, wo wir 2 Tage blieben. Es war fast romantisch.
    Ich schaute mir die norwegischen Reiseführer an: „Du hier steht: über den Pass 6h!“ „h ist doch die internationale Einheit für Stunden. Ja klar!“ „6 Stunden wären gut, denn wir haben nur für 1 Tag noch Lebensmittel.“

    Am nächsten Tag 6 Stunden nach dem Loslaufen, nach dem Überqueren eines Waldes voller Lawinenbirken (Knie hoch, Knie runter, Knie hoch …) wurde es dunkel (über dem Polarkreis.

    „Siehst Du den Pass?“ „Nein.“

    Am nächsten Morgen klemmte der Reisverschluß. Es hatte geschneit und gefroren. Wasser heiß machen, Milchpulver, Blaubeeren. Frühstück.

    Abends um 4 der Pass. Vom Ort nichts zu sehen. Zelten.

    Ein See. In baumloser Landschaft wie ein Teich aus der Ferne. In Realita der Bodensee. Es fühlte sich so an. Es wurde dunkel, wir teilten uns einen Brühwürfel. Ein Rest Salami.

    Der nächste Tag. Mittags Lichter vor uns. Ein Haus. Mein Norwegisch ging damals so. „Der Ort?“ – „Da habt Ihr Pech. Ihr müsst noch mitten durchs Bergwerk! Aber es sind nur ca. 5 Kilometer.

    Im Ort hatten wir dann keine Lust mehr auf Norwegen. Eine Kanutour in Schweden schien verheissungvoller. Wie wir dort dann beinahe abgesoffen sind, das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

    • Fräulein Draußen Reply

      Hey Thomas,

      danke für Deine Geschichte! Die ist ja an glücklichen Zufällen kaum zu überbieten… *hust* 🙂 Brühwürfel und Salami klingt jedenfalls sehr nahrhaft! 😀 Ich bin schon gespannt auf die Geschichte aus Schweden, damit musst du auf jeden Fall auch noch irgendwann rausrücken!!

      Viele Grüße
      Kathrin

  2. Hey,

    ich lese schon länger still hier mit und bin sehr von deiner Art zu schreiben begeistert. Dein letzter Tag erinnert mich persönlich an meine erste Wanderung, die ich alleine durchgezogen habe. Ich bin nach dem Abi einen Teil des südlichen Kungsleden in Schweden gewandert & da ich dachte das ich mich zumindest eine Woche komplett autark versorgen müsste hatte ich mit allem drum und dran 36 Kilo aufm Rücken. Was ich nicht wusste: der erste Teil meiner Tour war wunderbar mit Hütten ausgestattet, die relativ günstig und praktisch gelegen waren.
    Dazu kam, das ich am ersten Tag gegen 14 Uhr gestartet bin – bei knallender Hitze erstmal einen steilen Aufstieg hoch und dann durchs Moor.
    Erste Lektion: Früh starten macht schon Sinn, vor allem wenn man gut 30 Kilometer vor sich hat. Zweite Lektion: Autan hilft nicht gegen schwedische Blutsauger.
    Und dritte Lektion: Sommerwege sind anders beschildert als Winterwege. Das hab ich gemerkt, als ich vor einem reißenden Fluss stand und grade überlegte, wie ich jetzt darüber komme, als ich rechter Hand eine Brücke inklusive geschottertem Weg sah. Nachdem ich mich eine halbe Stunde durchs Moor geschleppt hatte.
    Naja, der erste Tag endete dann gegen 11 Uhr abends an der Hütte, inklusive Schreikrämpfe mitten in der schwedischen Wildnis und ewigem Zweifel: warum tut man sich das Ganze an?
    Ich habe die Tour (geplant waren 2 Wochen) nach einer Woche bei der besten Gelegenheit abgebrochen. Ich hatte mir neben diversen Mückenstichen und Druckstellen an den Füßen und am Rücken das linke Knie verletzt, sodass jeder Schritt mit dem linken Bein höllisch weh tat. Daher habe ich die letzte Etappe gesplittet und bin pro Tag ungefähr 15 Kilometer gelaufen, habe zwischendurch kein einziges Mal in meinem Zelt geschlafen und mich regelmäßig selbst verflucht.
    Aber, um ganz ehrlich zu sein: die Tour bereue ich auf keinen Fall. Es hat mir persönlich verdammt viel über mich gezeigt, mich selbst ruhiger werden lassen und ich habe schlussendlich einiges übers Wandern lernen können. Die Tour steht auch fest auf meiner Bucketlist, aber dann mit wesentlich weniger Gepäck, zu einer anderen Jahreszeit und eventuell mit anderem Startpunkt.
    Hast du Lust, Teilstrecken deiner großen Tour nochmal zu laufen? Und reichen dir die 3 Monate on foot erstmal?

    Viele Grüße

    Martin

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke Martin!! Na zumindest war das mal ein gutes Fitnesstraining. 😀 Auch wenn es am Ende wohl „ein bisschen“ zu viel war. Bei Knieverletzungen hört der Spaß dann wohl endgültig auf. :-/ Nochmal laufen werde ich Teile meiner Tour wohl eher nicht so schnell, dazu gibt es noch viel zu viele andere weiße Flecken auf meiner Landkarte. Aber es gibt auf jeden Fall noch Touren und Gegenden in Großbritannien, die fest auf meiner Wunschliste verankert sind! Der restliche Teil des South West Coast Path zum Beispiel. Oder der Lake District. Und mit Schottland hab ich jetzt natürlich auch noch eine Rechnung offen! 🙂

      Viele Grüße
      Kathrin

  3. @Martin,

    ob Schweden oder Norwegen – wenn man Einheimische trifft, viele wandern in Gummistiefeln.
    Man weiß warum, nachdem man sie gesehen hat oder schon oft vorher.

  4. Ja, nach der Tour ist man immer schlauer. Genauso die langärmligen Hemden/Shirts, die die meisten Leute anhatten, die mir entgegenkamen bzw. die ich dort getroffen habe ^^ Ich bin für das nächste Skandinavienvorhaben diesbezüglich mental zumindest gewappnet 🙂

  5. Danke für diesen wunderbar anschaulichen Text -mehr Fotos brauch ich gar nicht.
    Hab richtig mitgebibbert. Freu mich schon auf neue Abenteuer, hier auf meiner gemütlichen Couch!
    Aber erstmal wünsch ich ganz ganz gute Erholung!

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke Beate! 🙂 Freut mich, dass ich die fehlenden Fotos weider wettmachen konnte.

      Liebe Grüße
      Kathrin

  6. Hallo Kathrin,
    wow – spannende Geschichte, ich hab richtig mitgefiebert. Das ganze Getier hab ich mir auch ohne Fotos lebhaft vorstellen können….spätestens bei der Begegnung mit der Spinne wäre ich wohl durchgedreht!
    Apropos Fotos – Deine letzte Aufnahme mit dem Sonnenuntergang ist mega schön!
    Liebe Grüße
    Biene

  7. „Sie beobachteten mich verständnisvoll und ein bisschen mitleidig dabei, wie ich mich mitsamt meines Rucksacks über das verschlossene Gatter hievte.“

    Großartig geschriebener Bericht. Da ich solche Tage auch schon auf Touren hatte, konnte ich mich beim lesen gut reinversetzen. Bis auf die Tränen natürlich, Männer weinen ja nicht 😉 In Grönland letztes Jahr hätte ich das aber locker so 2-3 mal täglich geschafft, zumindest an den ersten 3-4 Tagen. Der innere Schweinehund will aufgeben, umdrehen, sich hinsetzen und einfach sterben. Wäre da Zivilisation greifbar gewesen, vermutlich wäre ich ausgestiegen. Und das nichtmal unglücklich, denn groß unterschieden hätte sich die Landschaft nicht mehr.
    Es ist halt die Art und Weise, wie man eine Wanderung beendet. Wenn man mit sich völlig im Reinen ist, oder es halt keine andere Wahl gibt, finde ich es völlig in Ordnung, früher als geplant aufzuhören. Man muss sich vor keinem rechtfertigen. Wieviele Leute gibt es, die gar nicht erst los gegangen sind ? Deswegen würde ich sagen, hast Du alles richtig gemacht, Kathrin

  8. Hey Kathrin.

    Super, wie Du diesen Tag beschrieben hast. Danke, dass Du diesen schweren Moment mit uns teilst 🙂

    Irgendwie hatte ich so eine Ahnung, dass Schokokekse in Deinen Entscheidungsprozess verwickelt sein mussten. Ohne Kekse durch die Wildnis ist in der Tat grenzwertig.

    Und dann habe ich mir auf HIRSCHLAUSFLIEGEN auf google angeguckt. Okay. Alles klar!

    Schottland macht es einem aber auch nicht immer leicht.

    Ich habe den WHW wegen Dauerregen – es war im OKtober vor 2 Jahren – abgebochen. Die Wege hatten sich in Bäche verwandelt, und ich lief entweder durch Wasser oder durch Kuhfladen. Bei einer kurzen Pause in einem kleinen, geschützten Waldabschnitt (und während ich die letzten Schoko-Karamel-Kekse (!) in mich hinein mümmelte) stellte ich mir die Frage: WARUM das Ganze? Und fand keine schlüssige Antwort. Damit war meine Tour gestorben.

    Zeitgleich mit mir waren 3 Einheimische auf dem WHW auf einem charity walk – d.h. sie sammelten mit jeder Meile, die sie machten, Geld für einen guten Zweck. Die 3 hielten natürlich durch. Nicht nur, weil sie Schotten waren und das Wetter wahrscheinlich völlig normal fanden. Sie hatten einfach eine überzeugende Antwort auf das WARUM.

    Learning für mich: Du brauchst ein starkes WARUM, wenn Du in Schottland wanderst … Und definitiv eine 2. Packung Kekse.

  9. Hallo Kathrin! Krass, dass du den Tag trotzdem noch mehr oder weniger gut gemeistert hast! Ich verstehe voll, wie das Gefühl gewesen sein muss, als die Schokokekse leer waren. Dieser Rettungsanker für miese Stunden, der plötzlich weg war. Super, dass du eine für dich so gute Entscheidung getroffen hast an dieser Stelle abzubrechen und dich auf die schönen Momente der letzten drei Monate zu konzentrieren!
    Liebe Grüße, Frauke

  10. Nach dem Bericht kann ich den Abbruch wirklich verstehen.
    Ich hätte vermutlich das Gleiche getan.
    Ich habe größten Respekt vor den vielen Kilometern, die du schon in England zurückgelegt hast.
    Liebe Grüße, Antje

  11. Huhu Liebes,

    ich sagte ja schon, dass ich das alles nur zu gut kenne!
    Diese Scheiss-Tage an denen man einfach kein Bock mehr hat, an denen das Dessert schon vor dem Aufstehen verzehrt ist. Und dann noch eine Teffel Schokolade hinterher.

    Ich mach dann allerdings einfach ein oder zwei, …, fünf, sechs Pausentage mehr 😀
    Ans Aufhören denk ich nicht, auch wenn ich gerade meine Winterpause bis Anfang Februar eingeläutet habe. Habe das ist nach knapp 5 Monaten ja auch mal erlaubt – 2 Monate soo bewegungstechnisch zu pausieren, zumindest was die Richtung angeht. Zum Glück gibt es ja auch so genug zu entdecken 😀

    Dennoch finde ich es genauso mutig zu sagen: Bis hier und nicht weiter!
    Viele würden das als Scheitern sehen, aber man sollte eher stolz darauf sein, wie weit man es schon geschafft hat!

  12. Hallo Kathrin,

    was für ein spannender Bericht.
    Ich musste ordentlich schmunzeln und fühlte mich am Ende deiner Erkenntnis, wie viel du schon geschafft hast, selbst ganz beseelt.

    Ich habe kürlich selbst eine Wanderung in Frankreich hinter mich gebracht, die zwar bei weitem keine Tausend Kilometer lang war, aber für mich als Untrainierte deutlich anstrengend ;).

    Da weiß ich auch noch sehr genau, wie ich während des Wanderns manchmal mit Tränen in den Augen den ganzen Weg verflucht habe und mir nur dachte, auf was für eine Verrücktheit ich mich da eingelassen hatte 😀
    Aber am Ende eines jeden Tages war ich einfach nur verdammt stolz auf mich.

    Die Fotos sind im übrigen wunderschön :). Da bekommt man glatt Lust, diesen grausigen unausgeschilderten Pfad selbst zu gehen :D.
    Wo du so viel wanderst: Bist du den WHW in Schottland auch schonmal gelaufen und kannst ihn empfehlen?

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Marie,

      und sorry für meine späte Antwort und danke Dir! 🙂 Den WHW bin ich im Rahmen dieser Wanderung auch gelaufen, ja. So als Einstieg in die schottische Wanderwelt ist er auf jeden Fall ganz schön, aber ich würde wirklich nicht gerade zur Hochsaison laufen. Dann sind dort nämlich echt viele Menschen unterwegs. Ich glaube so April/Anfang Mai oder Ende September/Anfang Oktober sind ganz gute Zeiten.

      Viele Grüße
      Kathrin

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