In den ersten Tagen auf dem Küstenabschnitt des Bibbulmun Track musste ich regelmäßig stehen bleiben, über die endlose türkisblaue Weite schauen und meinem Gehirn damit zu verstehen, dass ich jetzt wirklich hier bin. Dass wirklich schon ein Großteil des Trails hinter mir liegt und der für viele schönste Teil der Wanderung begonnen hat.

Dabei fühlte es sich eigentlich gar nicht so richtig so an, als würden diese beiden Abschnitte wirklich zusammengehören. Da waren zwar noch die altbekannten gelben Dreiecke mit dem Schlangensymbol darauf, die mir den Weg wiesen und die liebgewonnenen Shelter gab es natürlich auch, aber alles andere war doch sehr anders. Plötzlich hielt ich nicht mehr Emus, sondern nach Walen Ausschau. Lief nicht mehr über die abgeschälte Rinde der Karri-Bäume, sondern über sandige Pfade. Erklomm keine Berge mehr, sondern Dünen. Sah den blauen Himmel statt grünem Blätterdach. Und zog meine Schuhe aus, um durch Meeresarme zu waten statt vom Regen angeschwollener Bäche.

Wandern mit Aussicht
Vom Trail aus nicht immer zu sehen und doch allgegenwärtig: Das Südpolarmeer
Ein Blumenmeer am Meer
Nach Walen Ausschau halten mit Tee und HobNobs (an diesem Tag leider erfolglos)
Die wilde Küste Südwestaustraliens mit Bibbulmun-Shelter mitten drin

Da war es glatt ein bisschen an wie nach Hause kommen, als der Trail nach den ersten Tagen am Meer nochmal Kurs aufs Inland nahm, um dem Valley Of The Giants in der Nähe von Walpole einen Besuch abzustatten. Auch wenn die Bäume hier im Vergleich zu den Karris und Jarrahs, die ich bisher gewohnt war, nochmal eine ganz schön große Schippe drauflegten. Die bis zu 70 m hohen und bis zu 4,5 m breiten Red Tingles sind die Stars dieser Region und kommen tatsächlich nur hier im Südwesten Australiens auf einem relativ kleinen Gebiet vor. Viele der Bäume sind über 400 Jahre alt und haben in dieser Zeit einiges erlebt, wie z.B. von Feuern ausgehöhlte Stämme zeigen.

Eine tolle Möglichkeit, diese Bäume nochmal aus einer ganz anderen Perspektive zu erleben ist dabei der Valley of the Giants Tree Top Walk, bei dem man auf hängebrückenartigen Gebilden bis zu 40 m über dem Boden durch die Baumwipfel marschieren kann. Das hab ich mir selbst an einem 32-km-Tag nicht entgehen lassen!

Kleines Fräulein, großer Baum
Perspektivwechsel auf dem Tree Top Walk im Valley of the Giants
Bis zu 70 Meter hoch, 4,5 Meter breit und viele von ihnen über 400 Jahre alt – Red Tingles gibt es nur in einem kleinen Teil der Küste westlich von Albany

Das war dann aber auch wirklich der letzte Ausflug in die Welt der Bäume. Für den Rest des Weges gab es quasi nur noch das Meer und mich (und meine lieben zwei Holländer, mit denen ich bereits seit einigen Tagen parallel unterwegs war und allabendlich den größten Spaß hatte). Abends mit dem Rauschen des Meeres einzuschlafen, morgens mit dem Rauschen des Meeres aufzustehen, mal den Blick von weit oben genießen, mal direkt auf dem Strand anlang laufen oder gar mit einem Kajak über den Meeresarm schippern. Und selbst wenn ich ihn nicht sah, weil die Dünenreihen den Blick verdeckten. Der Südliche Ozean war allgegenwärtig und ich im höchsten Glück.

Dabei war es mir dann auch relativ egal, ob der Wind mir den Regen mitten ins Gesicht drückte oder die Sonne ungehindert auf meinen Kopf brannte. Ob meine Beine vom gefühlt hundertsten Aufstieg auf die nächste Düne brannten oder Poseidon sich spontan dazu entschloss, die nächste Welle besonders groß ausfallen zu lassen und mir ebenjene direkt in meine bis dato so wunderbar trocken gebliebenen Schuhe zu schicken.

Ich genoss jede Sekunde. Und als sich Albany und damit das Ende meiner Wanderung langsam aber sicher näherte, verbrachte ich mehr und mehr Zeit mit dem Versuch, möglichst viel von diesem Anblick und viel mehr noch von diesem Gefühl in mir aufzusaugen und festzuhalten.

So schön!
Überaus schön…
… wirklich sehr sehr schön!
Deshalb: Jede Sekunde genießen.
Frischer Kaffee am Strand: unbezahlbar
Nicht nur ich tue mich manchmal schwer auf den sandigen Anstiegen…

Und dann war er auch wirklich irgendwann da, der letzte Tag. Der Tag, an dem ich zum letzten Mal den kleinen gelben Dreiecken folgen würde, die mich noch bis nach Albany bringen und mich anschließend mir selbst überlassen würden. Und so richtig bereit war ich dafür irgendwie noch nicht, auch wenn ich mich natürlich darüber freute, den Track erfolgreich zu beenden.

1.000 km und 2 Monate klingen vielleicht erst mal viel, aber eigentlich sind sie gerade genug, um so richtig in den Fernwandermodus zu kommen. Und dann war da noch dieser unbeschreiblich tolle Morgenhimmel über dem Meer am letzten Tag. Und der Waran, der mir extra entgegenkam, um mich gebührend vom Trail zu verabschieden (so zumindest meine Version der Geschichte). Nein, es fiel mir nicht leicht, dem Bibbulmun Track den Rücken zu kehren. Nur die Tatsache, dass ich zwar vom Trail, nicht aber von Westaustralien verabschieden musste, machte dies etwas erträglicher.

Mein letzter Tag auf dem Bibbulmun Track hätte schöner nicht beginnen können
Ein Waran kommt vorbei, um Lebewohl zu sagen!
Ziel erreicht!

In Albany war eigentlich alles wie immer, wenn ich nach einer Etappe in den nächsten Ort kam. Duschen, Wäsche waschen, Ginger Beer trinken und was man eben sonst noch so tut. Dass es nicht nur ein Pausentag unter vielen war, das konnte mein Gehirn an diesem Tag noch nicht so ganz begreifen. Nur das Bier, dass mir der Hosteleigentümer bei meiner Ankunft spendierte („All end-to-enders get a free drink.“), verlieh der ganzen Angelegenheit etwas Festliches. Ein bisschen schade nur, dass es ein Becks war.

Erstes Fazit zum Bibbulmun Track

Ein Artikel mit einem ausführlichen Fazit und vielen Tipps und Erfahrungswerten folgt noch, daher hier nur in aller Kürze: Insgesamt hat mit der Bibbulmun Track unglaublich gut gefallen, und zwar von Anfang bis Ende. Er ist bestens organisiert und gepflegt, ohne zu „gezähmt“ zu sein. Er ist herausfordernd, ohne zu anstrengend zu sein. Er ist abwechslungsreich, ohne zu sehr vom Wesentlichen abzulenken. Er hat die allertollste Tier- und Pflanzenwelt, von denen by the way kein einziger Vertreter versucht hat, mich umzubringen. (…)

Ohne auch nur annähernd alle Fernwanderwege der Welt zu kennen glaube ich, dass der Bibbulmun Track einer der Besten seiner Art ist. Und dabei keineswegs nur den „Profis“ zugänglich! Die Abstände zwischen den Hütten sind mit durchschnittlich 20 km (maximal 25 km) Abstand so gewählt, dass auch weniger fitte Menschen den Trail gehen können. Das Terrain ist nie zu schwierig. Und die Versorgungsmöglichkeiten zwischendurch nie zu weit voneinander entfernt. Außerdem trifft man, solange es nicht gerade Winter ist, auch in gewisser Regelmäßigkeit auf Menschen – seien es Tageswanderer oder andere End-To-Ender. Auch bezüglich zu viel Einsamkeit braucht man also keine Bedenken.

Und das sind nur ein paar der Gründe, warum ich die Frage „Kannst Du den Bibbulmun Track empfehlen?“ mit einem ziemlich uneingeschränkten „JAAAAAAAAAAAAA!“ beantworten würde. Alles weitere dazu dann  im nächsten Artikel…

Und nu?

Mein Westaustralien-Abenteuer ist noch nicht vorbei! Denn Teil 2 meiner Reise steht schon in den Startlöchern. Während ich diesen Artikel schreibe, sitzt mein Freund, der spontan doch noch die Gelegenheit gefunden hat, mich auf meinem Roadtrip zu begleiten (juhu!!!), bereits in unserem gemieteten 4WD-Campervan und ist auf dem Weg von Perth nach Albany, um mich hier aufzugabeln (was für ein Service!!). 3,5 Wochen Roadtrip-Leben stehen uns bevor. Und ich platze gerade fast vor Vorfreude!

DANKE

… an dieser Stelle mal wieder an Euch für Eure Motivation, Begeisterung und Eure Anteilnahme an allem, was ich so treibe. Ich freue mich riesig über jeden einzelnen Kommentar und jede Nachricht, auch wenn ich vielleicht nicht immer dazu komme, ausführlich zu antworten.  Mit Euch fernwander ich am liebsten!!

KLEINE TRAILSTATISTIK – KILOMETER 731 – 1.006:

Längste Etappe: 34 km
Kürzeste Etappe: 13 km
Körperliche Gebrechen: unzählige fies juckende Mückenstiche
Schönste Erinnerung: der perfekte Früher-Morgen-Himmel am letzten Wandertag
Blödeste Erinnerung: Moskitos, die mich und auch wirklich NUR mich lieben, AAAAARGH
Tiersichtungen (unter anderem): einen mächtig großen Waran; einen Wal in der Bucht (leider nicht so richtig nah); endlich mal eine Tiger Snake, die für ein Foto still gehalten hat; Pelikane; leider kein Mainland Quokka

NEU- UND WIEDERGEWONNENE ERKENNTNISSE

– Wellen sind schneller als man denkt
– Man muss sich nicht von Fertignahrung und Regenwasser ernähren, wenn man auch einfach Avocados und Rotwein tragen kann
– March Flies können auch schon im Oktober nerven (glücklicherweise aber nicht gerade zahlreich)
– Krähen mögen HobNobs und bedienen sich gerne daran ohne zu fragen
– Man kann auf eine Tiger Snake steigen, ohne gebissen zu werden (diese Erkenntnis beziehe ich aus der Erfahrung meiner holländischen Wanderfreunde)
– 1.000 km sind gar nicht so lang

Oh, hallo!

Hast Du noch Fragen zu meiner Wanderung oder willst sonst irgendwas loswerden? Dann rein damit ins Kommentarfeld!

14 Comments

  1. Hi Kathrin,

    obwohl ich den Bibulum Track aus verschiedensten Gründen vermutlich nie wandern werde, hast du ihn doch so eindrücklich und farbenreich beschrieben, dass ich richtig Lust dazu bekommen habe. Mouthwatering eben!
    Viel Spaß beim Roadtrip und ich bin gespannt auf deine nächsten Berichte,
    Katrin

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke liebe Katrin! Ich freu mich, dass mir das gelungen ist. 🙂

      Liebe Grüße,
      Kathrin

  2. Liebe Kathrin,

    ich bin eigentlich nur stille Leserin, muss jetzt aber doch mal ein paar Zeilen schreiben…
    Deine Berichte sind immer wieder toll und wunderbar geschrieben. Ich fiebere immer schon dem nächsten entgegen, weil sie sich so gut lesen, du einfach tolle Erfahrungen machst und man das Gefühl hat, man wäre quasi dabei 🙂

    Mach weiter so!!
    Liebe Grüße,
    Johanna

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Johanna,

      vielen lieben Dank für das Kompliment, da freu ich mich riesig!

      Liebe Grüße,
      Kathrin

  3. Hui, ich will unbedingt auch dort hin! Sofort! und für immer! 😀
    Es hört sich einfach toll an.
    Du bist jetzt 2 Monate, also 8 Wochen auf dem Track gewesen, oder? Kann man den auch schneller laufen? Sonst bekommen wir mit den Schulferien unserer Zwerge ein Problem – oder wir müssen ihn auf zweimal machen. Erstmal müssen wir ja auch warten, bis die Zwerge (1 und 3 Jahre alt) überhaupt Schulferien haben und über 20 km laufen können. 😉

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Mia,

      ich hab 55 Tage gebraucht inklusive einigen Pausentagen. Theoretisch kann man ihn natürlich auch schneller laufen, aber der limitierende Faktor sind halt die Hütten/Campsites, die es im Abstand von durchschnittlich 20 km gibt. Also entweder man läuft ~40 pro Tag oder zeltet irgendwo zwischendrin. Das bedeutet dann aber wiederum Wasser schleppen und einen guten Spot zu finden ist sicher auch nicht überall so einfach. Wenn ihr also nicht supermegasportlich seid und von morgens bis abends durchlaufen wollt, würde ich mir schon 7-8 Wochen Zeit nehmen. Ihr wollt ja dann sicher auch nicht nur durchhetzen, wenn ihr schon mal hier seid…

      Viele Grüße,
      Kathrin

  4. Wertes Fräulein 😉
    hab grad den kompletten Bericht gelesen …. so schön und herrlich geschrieben. es war mir eine Freude.
    Und dann hab ich doch eine Namen wieder erkannt, obwohl das erste und bisher letzte Mal 1997 in Australien war, sehr schön.
    Ich wünsch dir viel Spaß auf deinem raodtrip und viele neue Ideen. Bis bald

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Kati,

      vielen Dank! 🙂 Manche Namen vergisst man eben einfach nicht…

      Liebe Grüße,
      Kathrin

  5. So kann eine Mittagspause sein, schön unterhaltend. Vielen Dank für den bericht und die tollen Bilder. Scheinbar kann auch eine Küstenwanderung sehr abwechslungsreich sein…

    Viel Spass beim Roadtrip..

    Bert

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Bert,

      danke für das Lob, das freut mich! Die Küste war in der Tat alles andere als langweilig. 🙂

      Viele Grüße,
      Kathrin

    • Fräulein Draußen Reply

      Hat sich leider nicht persönlich vorgestellt! 😉

  6. Herzlichen Glückwunsch!!!! Sehr sehr cool. Und dann auch noch Urlaub vom Urlaub. Besser geht’s ja nicht!

    Wenn ich es mal irgendwie schaffe so viel frei zu bekommen, dann will ich das auch machen! Deine Berichte entfachen jedenfalls die Wanderlust! Ich muss mich jetzt vorerst mit einer Woche Schluchtensteig zufrieden geben

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke, danke!! 🙂 Der Schluchtensteig soll ja auch toll sein. Nur die Kängurudichte ist halt nicht ganz so groß dort. 😉

      Viel Spaß!
      Kathrin

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