Alpenüberquerungen gehören heutzutage quasi zum guten Ton eines jeden halbwegs outdooraffinen Daseins. Egal, ob man jetzt von München nach Venedig, von Oberstdorf nach Meran oder von Salzburg nach Triest läuft.  Das könnte daran liegen, dass es wohl wirklich wenig verlockenderes gibt als die Vorstellung, mehrere Tage oder gar Wochen nichts anderes zu tun als zu wandern und nichts anderes zu sehen als Berge.

Alex vom Outdoor-Blog Bergreif hat sich das wohl auch gedacht, den Zeitraum dabei aber gleich mal auf mehrere Monate (genau genommen ganze vier) und die Strecke auf rund 2.000 km ausgeweitet. Wenn schon, denn schon! Zu Fuß von Wien nach Nizza, das heißt einmal komplett von Ost nach West über die Alpen. Durch bekannte Regionen wie die Dolomiten oder die Walliser Alpen, aber auch durch viele weniger bekannte und dadurch auch weniger überlaufene Gebiete.

Am 24. Mai war der Startschuss in Wien – gut ein Drittel des Weges haben Alex und seine Freundin mittlerweile schon geschafft. Höchste Zeit mal zu fragen, wie es denn so läuft:

Hi Alex! Vielen Dank, dass Du mir für ein kleines Interview zur Verfügung stehst. Ihr seid ja jetzt schon 42 Tage unterwegs und habt bereits 700 Kilometer und 32.000 Höhenmeter hinter Euch. Wo seid ihr denn gerade und was ist Euer Fazit zu den ersten Wochen?

Wir befinden uns gerade kurz vor dem Pragser Wildsee in den Dolomiten. In einer kleinen Pension habe wir es uns gemütlich gemacht und ich tippe auf dem Smartphone diese Zeilen. Das nun schon knapp 6 Wochen seit unserem Start in Wien vergangen sind, kann ich kaum glauben. Die Zeit ist einfach wahnsinnig schnell dahin geflossen. Bis jetzt war es eine Ansammlung von einmaligen Momenten, die bei der Fülle von täglichen neuen Eindrücken kaum verarbeitet werden können.

Der Nord- und Südalpenweg sind uns bis jetzt wirklich ans Herz gewachsen. Dem dazwischen liegenden Salzsteigweg stehe ich etwas zwiespältiger gegenüber. Einerseits hat er unsere Füße mit kilometerlangen Asphalt-Abschnitten an viel befahren Bundesstraßen gequält und uns durch seine (teils fehlende) Markierung in die Irre geführt. Andererseits hielt er als Entschädigung oft atemberaubende Fernsichten auf sie umliegende Bergwelt bereit. Besonders gegen Ende hin hat uns die Aussicht auf die Karawanken und Julischen Alpen fast sprachlos gemacht. Und die ersten Tage hier in den Dolomiten waren wirkliche Highlights. Am gestrigen Tag konnte ich mir außerdem einen langen Wunsch erfüllen: Die Drei Zinnen einmal mit den eigenen Augen sehen.

Ein Highlight der Tour: Die berühmten Drei Zinnen in Südtirol

Ihr habt Euch ja echt ganz schön was vorgenommen! (Ich sag nur Höhenmeter…) Wieso habt ihr Euch eigentlich genau für diese Tour entschieden?

Nach der Nord-Süd-Überquerung der Alpen von München nach Venedig 2014 entstand 2016 der Wunsch, etwas mehr von den uns unbekannten Alpenregionen zu sehen. Besonders die Landschaften, die nicht vollständig vom Massentourismus erschlossenen wurden. (Auch wenn die Dolomiten, wo wir uns gerade befinden, nicht wirklich in diese Kategorie hineinpassen wollen…) Zudem wollten wir gerne deutlich länger als die 34 Tage des letzten Mal zu Fuß unterwegs sein. Somit bot sich die Durchquerung der Alpen vom östlichen bis zum südlichsten Zipfel für diesen Wunsch einfach perfekt an.

Wie verlief die Planung? Wie seid ihr vorgegangen, welche Schwierigkeiten gab es, welche Quellen habt ihr genutzt?

Die Planung verlief eigentlich relativ gut. Aber wegen den späten und heftigen Schneefällen kurz nach Ostern, haben wir die Route noch einmal in südlichere Regionen umgelegt. Ein paar Microspikes hatten wir die ersten Wochen trotzdem dabei. Da wir uns bei der Routenfindung hauptsächlich an etablierten Fern- und Weitwanderwegen orientiert haben, war die Ausarbeitung der Strecke nicht so zeitintensiv. Als Quellen haben wir dafür Wanderführer, herkömmliche und digitale Karten sowie Onlineportale genutzt.

>> Mehr Infos zur Planung der Alpenüberquerung von Wien nach Nizza

Auch wenn es auf der Route regelmäßig Hütten gibt: Der DIY-Shelter ist mit dabei!

Stichwort Ausrüstung: Ihr seid ja möglichst leicht unterwegs und habt dafür einige Ausrüstungsgegenstände wie z.B die Rucksäcke sogar selbst genäht (wofür ich nach wie vor voller Bewunderung bin). Hat sie Euch bisher gute Dienste geleistet? Was würdet ihr vielleicht beim nächsten Mal anders machen?

Allein die Tatsache, dass die beiden DIY Rucksäcke die mehr als 5 Wochen unbeschadet und fast ohne Gebrauchsspuren überstanden haben, macht mich super zufrieden. Und auch ein bisschen stolz. Aber da mir gerade beim Wandern dutzende Ideen kommen, ist die Liste an Verbesserungen der nachfolgenden Rucksäcke schon ziemlich lang geworden.

Es ging aber auch schon einiges an Ausrüstung wieder zurück in die Heimat. Das dritte Paar Socken, die Microspikes, das Paar Gamaschen und eine Kamerahalterung waren dann doch nicht so wichtig wie gedacht. Obwohl ich schon peinlichst genau auf jedes Gramm geachtet habe, nimmt man doch nie zu wenig mit.

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Alex und seine Freundin beim Start in Wien mit ihren selbstgenähten Rucksäcken

Mindestens so wichtig wie die richtige Ausrüstung ist das richtige Essen. Wie sehen denn Eure kulinarischen Genüsse an einem typischen Wandertag so aus?

Da ich mit einem äußert schnellen Stoffwechsel gesegnet bin, kann ich am Abend gar nicht genug Kohlenhydrate und Fett bekommen. Am liebsten in Form von Käsespätzle mit knusprigen Zwiebeln, Kaspressknödeln, Kaiserschmarrn oder was die Küche sonst so an kalorienhaltigen Speisen bereit hält. Und trotzdem fällt bei all den kulinarischen Leckereien mein Gewicht. Der Gürtel hat mittlerweile ein zusätzliches Knopfloch bekommen.

Meine Freundin lebt im Gegensatz zu mir auf dieser Wanderung deutlich gesünder. Sie zieht Gemüse und Salat in jeglichen Variationen meiner Auswahl vor. Überraschenderweise war es selbst auf den meisten Hütten noch kein Problem an beides zu kommen. In den Pausen oder beim Zelten herrschen dann aber Nüsse, Couscous, Fertiggerichte und Trockenobst vor. Also alles, was dehydriert ist und ein gutes Kalorien zu Gewichtverhältnis aufweisen kann.

In den Bergen und vor allem auf den Berghütten trifft man ja gerne mal Menschen, die irgendwie ein bisschen“anders sind als alle anderen“. Gab es eine Begegnung in den letzten Wochen, die Euch ganz besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ehrlich gesagt haben wir bis jetzt erstaunlich wenige (Fern-)Wanderer getroffen. Was wohl anunserem frühen Start Mitte Mai gelegen haben wird. Deswegen haben wir die meiste Zeit selbst die größten Lager fast alleine belegt. Was wir anfangs als großen Luxus empfunden haben. Mittlerweile fehlen mir aber etwas die netten oder besonderen Bekanntschaften in geselliger Hüttenrunde am Nachmittag und Abend.

Ausnahmen gibt es aber glücklicherweise trotzdem. Vom Graf-Meran-Haus bis zur Sonnschienhütte sind wir mit zwei älteren Herren unterwegs gewesen, die den kompletten Nordalpenweg (1000 km) bis zum Bodensee in Angriff nehmen. Es war sehr schön zu sehen, dass solche Fernwanderungen auch noch jenseits der 60 möglich sind!

Team #Wiezza!

Apropos Menschen: Es gibt ja viele Fernwanderer, die bevorzugt alleine unterwegs sind, weil sie dann komplett ihr eigenes Ding in ihrem eigenen Tempolimit machen können. Ihr hingegen habt ja schon einige Fernwanderungen zu zweit bestritten. Seid ihr (mittlerweile) ein perfekt eingespieltes Team oder ziehen auch mal Gewitterwolken am Berg auf?

Hauptsächlich ersteres. Kurz nachdem wir uns kennengelernt haben, sind wir schon für 6 Wochen nach Indonesien gereist und haben den Anderen dort auch „auf Tour“ erlebt. Und da es von Anfang an sehr gut gepasst hat, gibt es auch bei einer solch langen Fernwanderung eigentlich keine Gewitterwolken zwischen uns. Die richtigen hängen aber gerade leider direkt vor dem Fenster…

Schlechtes Wetter, schmerzende Füße oder – wie in meinem Fall damals – aufdringliche Kühe: Es gibt viele Dinge, die einem den Fernwanderalltag erschweren können. Was war die größte Schwierigkeit, die ihr bisher meistern musstet?

Mit aufdringlichen oder sehr neugierigen Kühen haben wir hier auch des Öfteren zu tun. Aber das größte Problem war sicherlich meine Bänderdehnung am Knöchel, die ich mir nach den ersten 2 Wochen zugezogen habe. Schuld war Wanderfehler Nummer 1: Nie während dem Gehen in den Himmel oder die Berge gucken!! Da stand für kurze Zeit die Fortsetzung der Wanderung auf der Kippe. Einige Pausentage, viel Eis und nasse Handtücher haben den dicken Knöchel aber wieder besänftigen können. Mittlerweile ist er aber wieder gut abgeheilt und weitere 500 Kilometer marschiert.

So kann’s gehen: Eine kurze Unaufmerksamkeit und schon steht die Fernwanderung auf der Kippe

Wenn alles gut geht (und ich bin mir ziemlich sicher, dass es das tut), seid ihr in ca. 80 Tagen in Nizza. Was glaubst Du, wird Dir durch den Kopf gehen, wenn Du dort das erste Mal das Mittelmeer erblickst?

Das ist eine gute Frage…. An Nizza versuche ich relativ wenig zu denken. Dafür ist es einfach noch viel zu weit entfernt. Ich setze mir eher nähere Etappenziele, auf die ich mich dann konzentriere und freue. Aber wenn ich das Mittelmeer das erste Mal sehe, werde ich wohl das viel beschriebene lachende und weinenden Auge bekommen. Endlich können die Füße ins Salzwasser getaucht werden und müssen nicht mehr Tag für Tag weiterlaufen. Andererseits wird dann auch eine ganz besondere und einmalige Reise zu Ende gehen…

Bis Alex in Nizza ankommt, wird er noch ein paar solcher Aussichten „über sich ergehen lassen“ müssen…

Und was kommt danach? Zurück ins alte Leben oder auf zu neuen Ufern?

So wie es aussieht eher auf zu neuen Ufern. Eventuell werden wir Köln verlassen und uns etwas weiter in Richtung Bergland orientieren. Aber noch haben wir weitere 2,5 Monate vor uns, in denen man allerhand verrückte Ideen aushecken kann! Fest steht jedenfalls noch nichts.

Berühmte letzte Worte: Was wolltest Du den Bergen schon immer mal sagen?

Ich bin besonders wegen meiner Flachland Herkunft sehr froh, das wir uns so gut kennen und lieben gelernt haben!

Sonnenaufgang auf der Capanna Fassa (3152m)

FolgE Alex auf seiner Tour über die Alpen

Wenn Du Lust hast, die beiden auf ihrer Alpenüberquerung von Wien nach Nizza zu begleiten, hinterlass Bergreif unbedingt ein Like auf Facebook und Instagram! Und auch auf dem Blog gibt’s regelmäßig Updates zu lesen.


Hände hoch: Wer hat jetzt auch Lust auf eine Alpenüberquerung bekommen? Oder hast Du sie sogar schon mal auf der ein oder anderen Route überquert? Ich freu mich auf Deinen Kommentar!

2 Comments

  1. Ich plane gerade meine eigene Alpenüberquerung für 2018 – von meinem jetzigen Wohnort Wiener Neustadt zu meinem Heimatort Innsbruck (Jaaaa wie das leben so spielt verschlägt es einen vom Berg- ins Flachland^^). Da ich nur „normale“ Urlaubszeit zur Verfügung habe (mein Chef wurde nur vorgewarnt, aber weiß noch nicht so ganz was ihn blüht ^^). Derzeit ist meine Route 660km/48000Hm lang – mal sehen wie sie sich noch entwickelt. Ich folge zu Beginn den Nordalpenweg bis kurz vor Eisenerz, das ist ziemlich fix, dann wechsle ich auf den Eisenerzer Höhenweg um in den Zentralalpenweg bis nach Gastein zu gehen dann geht es etwas „querfeldein“ über die Berge (da bin ich mir noch nicht sicher über die Routenführung) bis ins Zillertal, dann nochmal kurz den Zentralalpenweg/Innsbrucker Höhenweg folgend und dann zum Patscherkofel und runter heim 😉 Mal sehen wie es sich noch entwickelt – auf alle Fälle sind die Homepages von Alex, Matthias Kodym (der letztes Jahr ja alle 3 großen österr. Weitwanderwege kombiniert begangen hat, auf einen Schuss) und Christof Herrmann von einfachbewusst.com eine große Hilfe und Motivation. Mal sehen wie es sich entwickelt und schlussendlich die Route aussehen wird – auf alle Fälle bin ich auf fleißig beim Equipment anpassen, kaufen, ausprobieren, verwerfen, etc. Ich hab zwar schon einen Blog aber noch ohne jeglichen Inhalt^^ LG Anna

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Anna,

      das klingt ja cool! Dein Chef soll sich da mal nicht so anstellen… 😉 Irgendwann „muss“ (will!!!) ich das Thema Alpenüberquerung auch mal angehen. Und unbedingt auch von Zuhause aus (München) loslaufen – wohin auch immer… Alles Gute Dir für die weiteren Vorbereitungen!

      Kathrin

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