[Gastartikel] Zu Fuß durch Thüringen und Sachsen, Tschechien, Polen, die Slowakei und Ungarn – Gastautorin Rebecca war auf dem EB, dem internationalen Bergwanderweg der Freundschaft unterwegs. eine 2.700 Kilometer Fernwanderung, von Eisenach nach Budapest. Durch abgelegene Landstriche und vorbei an stummen Zeugen osteuropäischer Geschichte.


Ich veröffentliche regelmäßig Gastartikel wie diesen, um auch anderen Frauen, die abenteuerlich Reisen und das Draußensein lieben, die Möglichkeit zu geben, von ihren Abenteuern und Erfahrungen zu erzählen. Wenn Du auch Lust hast, hier von deinem Abenteuer zu berichten, schick mir einfach eine E-Mail


Das Abenteuer wartet (quasi) vor der Haustür

Ich habe zwanzig Kilo Übergewicht, schnaufe bei jeder Treppenstufe, breche bei der kleinsten Anstrengung in Schweiß aus, werde beim Radfahren von Rentnern überholt, habe Angst vor Spinnen, Hunden, Höhe und Gewitter und bin außerdem nachtblind. Und trotzdem starte ich am Karfreitag 2019, bepackt mit Rucksack, Zelt, Kocher und dem Ziel beinahe 2700 Kilometer weit zu laufen.

Ich will den EB bezwingen, den einzigen grenzüberschreitenden Fernwanderweg, den es im Sozialismus gab. Der Wegesrand wird gesäumt von verlassenen Bunkern, Mahnmalen großer Schlachten, Burgruinen, Schlössern, preußischen Wehranlagen, Holzkirchen mit Zwiebeltürmchen, jüdischen Friedhöfen und Synagogen, verlassenen Köhlerhütten und Bergbauschächten. Teils zieht sich der EB durch populäre, touristisch erschlossene Regionen, meist aber verläuft er durch abgelegene Landstriche mit ursprünglichen Wäldern, wilden Bächen, stillen Mooren und steilen Kammwegen. Mutterseelenallein werde ich durch unberührte Natur wandern und dort zelten, wo es noch Bären und Wölfe gibt.

Drushba heißt Freundschaft

Als ich mit kurzen Haaren und einem ungewohnt luftigen Gefühl im rasierten Nacken an der Wartburg starte, bin ich quasi obdachlos. Ich habe innerhalb eines Jahres alle Konstanten verloren, die mein Leben prägten. Geplant davon war nur der Verkauf meines Cafés Zierlich Manierlich, der Auszug meiner Kinder und der radikale Haarschnitt. Extra für die Wanderung trennte ich mich von meinen langen Haaren. Nicht geplant war die Trennung von meinem langjährigen Lebenspartner, der mich eigentlich begleiten wollte. Stattdessen flog auf, dass er ein Doppelleben geführt hatte. Und das Schlimmste: im Zuge der Trennung verlor ich auch die Wohnung, in der meine Kinder und ich die längste Zeit unseres Lebens verbracht hatten. Alles, was ich noch besaß, hatte ich bei einem Nachbarn untergestellt.

Ich war als Schülerin Mutter geworden und hatte mich immer darauf gefreut, mit nur vierzig Jahren das Kapitel Kindererziehung absolviert zu haben und in einen neuen Lebensabschnitt starten zu können. Die Wanderung auf dem EB sollte den feierlichen Übergang in die neue Freiheit symbolisieren. Aber nun war mir der Boden unter den Füßen weg gerissen worden. Umso wichtiger erschien es mir, an meinen Wanderplänen festzuhalten. Sie waren das Einzige, was ich noch hatte.

Angelegt im Sinne der Völkerverständigung trägt der EB den Beinamen `Weg der Freundschaft´. „Der Name ist Programm!“, dachte ich mir und lud meine Freunde ein, mich auf dem Weg zu besuchen. Ich gründete den Klub Drushba und eröffnete eine gleichnamige Whatsapp-Gruppe, über die wir uns organisierten. Es meldeten sich fünfzehn Freund*innen an, mich ein Stück des Weges zu begleiten. Manche für einen Tag, andere für bis zu einer Woche und eine sogar mit Kind. Und als ich drei Monate später in Zakopane meinen vierzigsten Geburtstag feierte, war ich so glücklich, stolz und befreit, wie ich es mir beim Planen der Wanderung vorgestellt hatte. Ich hatte mir den Boden unter den Füßen wieder erlaufen.

Aller Anfang ist schwer

„Hast du keine Angst, so allein als Frau?“ Das war definitiv die am häufigsten gestellte Frage vor, während und nach der Wanderung. Natürlich hatte ich Angst. Aber ich machte es halt trotzdem. Am meisten fürchtete ich mich davor, allein im Zelt zu schlafen. Aber schon in der ersten Nacht merkte ich, wie mucksmäuschenstill es ist, so tief im Wald. Da war nichts bis auf das Rauschen des Windes in den Wipfeln und das Zwitschern der Vögel im Morgengrauen. Nach drei Tagen hatte ich zwar langsam das Bedürfnis nach einer Dusche, fand es aber zugleich beeindruckend, wie einfach es ist, ohne die gewohnten Alltäglichkeiten auszukommen.

Durch das Schneetreiben der Kirsch- und Apfelblüten buckliger alter Obstbaumalleen lief ich von Dorf zu Dorf, wo sich Fachwerk- oder Schieferhäuser um alte Weiher und kleine Kirchen mit Friedhöfen drängten. Es wurde täglich kälter. Die Täler waren nebelverhangen, Rehe sprangen über frostige Wiesen, Krähen krächzten von den starren Kronen. Irgendwann kroch ich morgens aus meinem Zelt in zentimeterhohen Schnee. Und das mitten im Mai. Weil nicht nur ich, sondern auch meine Ausrüstung abends komplett durchnässt waren, schlief ich die nächsten Tage in Pensionen. Dabei fühlte ich mich allerdings wie ein Versager, wie ein Weichei, denn richtige Survival-Outdoor-Cracks hätten natürlich auch im klatschnassen Schlafsack und bei minus dreißig Grad weiter gezeltet. Dachte ich zumindest. Und dann gab es da noch die anderen EB-Wanderer, die ich `Ultraleichttyp´ und `rasende Rentnerin´ taufte. Täglich erreichten mich Nachrichten ihrer heroischen Leistungen. Zusammengebracht hatte uns Bert Winkler, Chronist des EBs.

Immer wieder kam ich in Situationen, wo in meinem Kopf die Streber-Rebecca gegen die Lebefrau-Rebecca kämpfte. Ich kann gleich sagen, je länger ich wanderte, desto lauter wurde die Stimme der rheinischen Frohnatur. Diesem Anteil verdanke ich ein paar grundsätzliche Entscheidungen: Ich befreite mich vom Leistungsdruck. Sollten doch andere vierzig Kilometer am Tag und steile Bergpassagen im Eiltempo schaffen, ich würde meine Wanderung absolvieren wie Beppo, der Straßenkehrer: Schritt für Schritt. Mir war nicht wichtig, wie ich die Berge hochkam, sondern dass ich sie hochkam. Und dann – das war allerdings erst im letzten Drittel der Wanderung – beschloss ich: make friends, not kilometers. Ab da trampte ich oder nahm den Bus, wenn mal wieder etliche Kilometer über gefährliche oder langweilige Straßen führten. Dafür hielt ich öfter ein Plauderstündchen, wenn ich nette Leute traf und nahm mir mehr Zeit für die Sehenswürdigkeiten.

Der Ultraleichttyp warf übrigens nach nur wenigen Tagen das Handtuch und die rasende Rentnerin musste mehrmals pausieren, weil sie stürzte. Ich hab sie nie persönlich getroffen, aber wir waren die ganze Zeit telefonisch in Kontakt und ich hab sie mit der Zeit ziemlich ins Herz geschlossen. Und dann war da noch der EB-Wanderer, der mir in Sachsen meine verlorene Regenjacke hinterher trug. Von da an liefen wir bis Budapest immer mal wieder ein paar Tage zusammen. Und weil Bert für jede Frage aus der Ferne parat stand, tauften wir ihn `den Commander´. Was mit einer verlorenen Regenjacke begann, führte dazu, dass wir uns in den EB-Chroniken Platz Nummer 85 der Menschen teilen, die den Weg seit 1983 bewältigt haben. Uns einbegriffen sind bisher lediglich 14 Leute den Weg in einem Rutsch gelaufen. Der Regenjackenmann ist übrigens über die Wanderung hinaus zum festen Bestandteil meines Lebens geworden.

Ahoi!

„Wenn ich es bis Tschechien schaffe, schaffe ich auch den Rest!“, war meine Devise beim Start. Nach 5 Wochen und 720 Kilometern überquerte ich die Grenze und stieg zum Prebischtor hinauf. Und spätestens hier war Zeit für zwei Geständnisse im Klub Drushba: Erstens war ich den drei großen K vollkommen erlegen: ohne Kola, Knacker und Kaktus-Eis überstand ich keinen einzigen Wandertag mehr. Und zweitens hasste ich Berge inbrünstig. Bei jedem steilen Aufstieg bekam ich umgehend eine Art Tourette-Syndrom. Sobald es aufwärts ging, schimpfte ich wie ein Rohrspatz darauf, dass der EB zwanghaft über jeden Maulwurfshügel zwischen Eisenach und Budapest führte! Zum Glück bekam ich regelmäßig Besuch und in Gesellschaft schimpfte es sich noch viel schöner. Ich beschloss, Berge nur noch zu mögen, wenn ich sie aus der Ferne betrachten konnte oder auf ihrem Gipfel saß. Dumm nur, dass der EB ein Bergwanderweg ist und es insgesamt 90.000 Höhenmeter zu bewältigen galt…

Am schlimmsten fluchte ich beim Aufstieg in die Malá Fatra. Es ging beinahe senkrecht hinauf, Füßchen vor Füßchen, Schrittchen für Schrittchen kämpfte ich mich vorwärts. Mehrmals rutschte ich dabei rückwärts wieder bergab. Da wusste ich zum Glück noch nicht, dass zum hundsgemeinen serpentinenfreien slowakischen Steilaufstieg auch Abschnitte gehören, die man in Deutschland niemals als Wanderweg deklarieren würde, sondern als Kletterroute. In der polnischen Tatra hatte ich weniger Anlass zu fluchen; dort erklomm ich zwar meine ersten 2000er, aber die Aufstiege waren weniger beschwerlich. Dafür hatte ich zu meinem vierzigsten Geburtstag Mitte Juli auf den Kuppen der Tatra Schnee.

Wo sich Wolf und Hase gute Nacht wünschen

In Tschechien beeindruckten mich die wilden Schluchten der Bachtäler, die Dörfer mit den Umgebindehäusern und die Hochmoore. In Polen ging es durch einsame Dörfer, vorbei an Himbeer- und Rapsfeldern. Echte Störche saßen in den Wildblumenwiesen und falsche in den Vorgärten. Und während ich mich an meine drei großen K hielt,  fotografierte ich die drei großen polnischen K: Kirchen, Kapellen und Kruzifixe. In den polnischen, tschechischen und slowakischen Bergen locken urige Hütten zur Einkehr. Grobe Schinkenwürste hängen von der Decke und Bärenfelle an der Wand. Das Essen wird in angeschlagenen Emaille-Eimerchen serviert.

Die Hütten sind in den Naturschutzgebieten eine Art Basislager: unzählige Zelte scharen sich um die Katen, aus deren Kaminen Rauch aufsteigt. An den Quellen kühlen Wanderer ihre brennenden Füße und waschen ihr Geschirr, auf dem Dachboden reiht sich Isomatte an Isomatte. Zwischen den Zelten liegt so mancher im bis über die Nasenspitze gezogenen Schlafsack unter freiem Himmel. An den Tischen drängt man sich um dampfende Schüsseln mit Bigos, Borschtsch, Gulasch und Halušky und stemmt große Humpen Bier, während die Kellnerinnen die fertigen Bestellungen über die Köpfe der lautstark schwatzenden Menge hinweg ausrufen. Alleweil torkelt jemand aus der bulligen Wärme in die aufziehende Nacht und verschwindet in der Zeltstadt oder auf dem Dachboden, manch einer auf allen Vieren. In solch einem Arrangement fou fand ich immer noch ein Plätzchen für mein Zelt.

Auf den Bergkämmen scharten sich Alt und Jung mit Eimerchen in den niedrigen Blaubeerbüschen. Pferde zogen Baumstämme aus dem Forst, verwitterte Holzkirchen und steinerne Brunnen bildeten das Zentrum von Dörfern, in denen die Zeit stehen geblieben schien. Manchmal regnete es tagelang. Dicker Nebel saß dann schwer zwischen den Bäumen, die Wege waren schlammig, es war mehr Rutschen als Laufen. Einmal schälten sich auf einer Bergkuppe die gespenstischen Umrisse von spitzkegligen, mit Ornamenten gekrönten Holztürmen aus dem Nebel. Es war ein alter Soldatenfriedhof. In den Beskiden lief ich durch hüfthohes Gras, Brennnesseln, Schafgarbe, Johanniskraut und mannshohe Disteln. Es duftete nach wilder Minze, auf dem Pfad waren Pfotenabdrücke von Wölfen. In den Wiesen sah ich immer wieder Ruinen, verwilderte Obstbäume, steinerne Bildstöcke und schmiedeeiserne Kreuze. Auch eine Kapelle und ein zerfallender Friedhof zeugten von der längst vergangenen Bewirtschaftung der vergessenen Täler und der byzantisch-orthodoxen Frömmigkeit der einstigen Bewohner.

Im slowakischen Herlany stand ich vor einem meterhoch sprudelnden Geysir und von Polen bis Ungarn konnte ich meine müden Glieder in die wohltuende Wärme jahrhundertealter Thermalbäder tauchen.

Vor der ungarischen Grenze tauchten Sonnenblumenfelder auf: Gelbe, mannshohe Blüten erstrecken sich bis zum Horizont. Pinien säumen die Straßen, in den Gärten der niedrigen, langgezogenen Laubenganghäuser stehen Wein, Mais und Ikonen. In Ungarn ist der Verlauf des EBs identisch mit dem des Kéktúra. Der `blaue Weg´ führt durch Wälder, Berge und Dörfer, an den Ortsrändern Romasiedlungen, wo das Leben lautstark auf der Straße stattfindet. Kinder schleppen schwere Eimer Wasser von den blauen Pumphähnen in die heruntergekommenen Höfe der baufälligen Häuser, wo gewaschen, gekocht und diskutiert wird. Wilde Hunde streifen durch die Gassen, von den Fassaden blättert der Putz, intakte Fenster gibt es kaum, dafür aber überdimensionale Satellitenschüsseln.

Mit meiner Schulfreundin Tamara blickte ich abends auf die vom Vollmond erleuchtete Kulisse der Hohen Tatra, deren schneebedeckte Spitzen sich vor der violett glänzenden Nacht abzeichneten. Der Himmel war funkelnd durchsetzt von Sternen, die zum Greifen nahe schienen. Im Hochmoor des Isergebirges zeltete ich an einem rostroten Teich. Unter meinen Füßen tummelten sich Forellen, über meinen Kopf schwirrte ein Schwarzstorch und Rehe hoppelten ins niedrige Dickicht. Solche Momente vergisst man nie wieder. Genauso wie die, wo man abends im Licht eines Lagerfeuers sitzt und die Wölfe heulen hört oder im Morgengrauen von den Glöckchen vorbeiziehender Schafherden geweckt wird.

Zum Glück habe ich immer Glück!

„Wie bist du in die Tatra gekommen? Über Zakopane?“, fragen mich Tomek und Izabela, die in der selben Schronisko in den Beskiden nächtigen wie ich. „Nein, da bin ich wieder raus gekommen. Ich bin direkt vom slowakischen Oravice rauf auf den Gratweg.“ „Aber es ist illegal so über die Grenze zu gehen!“, ruft Tomek. „Illegal, wieso illegal? Es gibt doch keine Grenzkontrollen mehr!“ „Ja, aber man muss Eintritt zahlen. Das ist ein Nationalpark! Wenn sie dich erwischt hätten, wäre es ganz schön teuer geworden.“ So erfahre ich im Nachhinein, dass ich trotz Schengener Abkommen quasi illegalen Grenzübertritt begangen habe. Ich erzähle, dass ich mich nicht mehr traue zu zelten, seit ich kürzlich auf Bärenspuren gestoßen bin. „Ach vor dem Bär musst du keine Angst haben.“, beruhigt er mich. „Ja, aber ich will einfach nicht der eine Idiot in hundert Jahren sein, der dafür bekannt wird, dass ihn ein Bär im Zelt besucht!“, rechtfertige ich meine Zeltangst. „Die Wahrscheinlichkeit, dass du beim Wandern ausrutschst und dir beide Arme und beide Beine und die Nase brichst, ist aber viel höher, als dass ein Bär in dein Zelt kommt.“, antwortet er und lacht.

Während der Wanderung gibt es mehrere Situationen, in denen ich mehr Glück als Verstand habe. Einmal, relativ zu Beginn, bekomme ich nachts Besuch von Wildschweinen. Die Tiere sind so laut, dass ich erst denke, es gibt ihn doch, den Höllenhund Zerberus, bevor ich begreife, dass es eine Rotte mit Frischlingen ist. Ich sterbe fast vor Angst, aber als ich mich bewege, um nach meiner Stirnlampe zu greifen, sind sie auch schon verschwunden. In Thüringen fällt mir einer meiner Trekkingstöcke in das Röhrensystem einer Talsperre. Zwei Spaziergänger notieren sich meine Telefonnummer und schaffen es doch tatsächlich, die Talsperrenleitung zu überzeugen, meinen Stock zu evakuieren, den sie mir dann hinterher schicken. In der Slowakei überrascht mich mitten auf einem Gebirgskamm ein Gewitter und zwar ausgerechnet an einer Stelle, an der es weder Abstiegs- noch Unterstellmöglichkeiten gibt. Die Bäume um mich herum sind hoch und stehen so weit auseinander, dass ich mich nicht traue, mich am Boden zusammenzukauern. Als ich die Sekunden zwischen Blitz und Donner zählen will, scheppert und blitzt es genau über mir. Ich bin also mittendrin. Meine Stöcke schleife ich am Boden hinter mir her, das Handy habe ich längst ausgeschaltet. Geduckt haste ich weiter. Ich heule wie ein Kind und bin kurz davor, mich zu übergeben. „Nie wieder!“, schwöre ich mir, „Nie wieder gehe ich alleine wandern!“ Ich verfluche den EB und seine beschissenen Gratwege, während ich mir die Seele aus dem Leib schreie.

In Ungarn sind ausgerechnet in den abgelegenen Höhenzügen im August die Quellen ausgetrocknet oder voller Aas. Und als ich einmal abends völlig verzweifelt an der nächsten ausgetrockneten Quelle stehe, und mich frage, wie ich es ohne Wasser bis zum nächsten Mittag schaffen soll, höre ich ein Auto auf dem nahen Forstweg. Ich renne, stoppe den Fahrer, und tatsächlich hat er Wasser für mich. In Tornabarakony, dem kleinsten Dorf Ungarns, bin ich mit dem Regenjackenmann unterwegs, als es anfängt zu gewittern. Ausgerechnet er, der sonst darauf besteht, wirklich jeden Meter des Weges zu laufen, drängt, in den gerade haltenden Linienbus zu steigen. Ich lache ihn sogar noch aus, aber nur bis plötzlich tischtennisgroße Hagelkörner auf das Dach des Busses prasseln. Am nächsten Tag sehen wir, dass das Unwetter nicht nur die Ernte, sondern ganze Dächer und Autos zerstört hat. Nicht auszudenken, was uns zugestoßen wäre, wären wir weiter gelaufen. Zweimal passiert es mir, dass ich einfach absolut keinen geeigneten Zeltplatz finde und spät abends in Dörfern strande, die so klein sind, dass es keine Pension gibt. Ich habe dann einfach an irgendeiner Tür geklingelt und gesagt: „I need help.“ Und beide Male wurde mir total nett geholfen und ein Schlafplatz irgendwo im Dorf organisiert, Abendessen und ein netter Plausch inklusive. Ich denke, das war die wichtigste Lektion auf der gesamten Wanderung: Sich nicht zu scheuen, um Hilfe zu bitten.

Infos zum Fernwanderweg von Eisenach nach Budapest

Beste Reisezeit: Ideal ist die Zeit zwischen März und Oktober. Wer mit großer Hitze nicht gut klar kommt, startet besser in Budapest.

Routenplanung und Orientierung: Umfassende Tipps und Stempelheft bekommt man über die Webseiten von Bert Winkler oder Mirko Nagel. Der Original-EB umgeht wegen der damaligen Grenzkontrollen das Riesengebirge, den Glatzer Schneeberg und die Hohe Tatra. Auf fernwege.de gibt es ausführliche Beschreibungen beider Varianten und die Wanderführer von Martin Simon, die den EB in sieben Abschnitte teilen. Ich hatte mir den Streckenverlauf zusätzlich als Offline-Karte in die App OSMand+ geladen.

Schwierigkeit: Der EB führt durch Mittelgebirge, nur wenige Abschnitte sind anspruchsvoll bis schwierig. Da es sich um einen Bergwanderweg handelt, sollte man aber zumindest schwindelfrei sein und eine gute Kondition haben. Allerdings bin ich wohl das beste Beispiel dafür, dass es auch untrainiert und unerfahren geht.

Ausrüstung und Verpflegung: Mein Rucksack hatte ein Basisgewicht von ca. 10 Kilo. Nur selten braucht man Proviant für mehr als zwei Tage, da man fast täglich durch Dörfer oder an bewirtschafteten Hütten vorbei kommt. Wasser sollte man allerdings immer ausreichend dabei haben. Die Daunenjacke habe ich bis zum Schluss gebraucht, da es abends in den Bergen kühl wurde. Meine Luxusgegenstände waren Tunika, Bikini, Flipflops. So musste ich an Ruhetagen nicht in meine Regensachen steigen.

Unterkünfte und Wildzelten: Wildzelten ist eigentlich nur in Ungarn erlaubt. Aber meist ist man so weit weg von der Zivilisation, dass es kein Problem gibt. Man kann den EB auch ohne Zelt laufen, die Etappen in den Wanderführern sind so ausgelegt, dass man jeden Abend in einer Unterkunft landet.

Über die Gastautorin

Rebecca Maria Salentin wurde 1979 in der Eifel geboren und lebt seit 2003 in Leipzig, wo sie 2009 das Sommercafé ZierlichManierlich (www.zierlichmanierlich.de) in einem alten Zirkuswagen eröffnete. 2018 verkaufte sie das Café, um 2019 den EB wandern zu können. Bisher sind von ihr zwei Romane erschienen, außerdem verschiedene Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, darunter diverse Wanderreportagen im outdoor-Magazin. Im Neuen Schauspiel Leipzig moderiert sie die monatliche Literaturshow `Die schlecht gemalte Deutschlandfahne. Sie hat zwei erwachsene Söhne.

Mehr über Rebecca kannst du auf ihrer Homepage, auf Facebook und Instagram erfahren.


Falls du noch Fragen zur Wanderung auf dem EB hast oder sogar selbst schon mal dort unterwegs warst, hinterlass uns gern einen Kommentar!

 

 

 

Write A Comment