Vulkane. Eines der wenigen natürlichen Dinge, vor denen der Mensch von Heute noch Respekt hat. Sollte man meinen. Am Ätna kann man das jedoch irgendwie nicht so ganz glauben. Aber der Reihe nach…

Als ich ihn auf Sizilien das erste Mal aus der Ferne gesehen habe, war ich gleich in seinen Bann gezogen. Der größte Vulkan Europas erhebt sich sanft aus der Ebene, am Fuß von kleinen malerischen Orten und Weinanbaugebieten gesäumt wird er immer höher und höher und… irgendwann geht das schwarzbraune Lavagestein in weißen Schnee über. Leider ist der Gipfel oft in Wolken verhüllt – das macht ihn zwar schwer geheimnisvoll, wenn man dann oben steht aber auch eher unspektakulär. Weithin sichtbar dominiert der 3352m hohe Vulkan die Ostküste Siziliens. Sein Erscheinungsbild ist friedlich und ruhig – aber der Schein trügt. Immerhin ist der Ätna nach wie vor aktiv – und das nicht zu knapp!

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Eigentlich stand es gar nicht unbedingt auf meiner Bucket-List, oben auf dem Ätna zu stehen. Viel lieber wollte ich eine Wanderung in den unteren Regionen machen – dort wo man seine Ruhe hat und unberührte Vulkanlandschaft entdecken kann. Aber dann war die Versuchung doch zu groß. Einmal auf dem Ätna stehen. Wer weiß ob man nochmal nach Sizilien kommt? Und überhaupt: Jeder wird fragen, ob man denn auch auf dem Ätna war. Was sollen die Leute bloß denken?!

Also ging es eines morgens in einer 2-stündigen Autobahnfahrt von der Nordküste Richtung Refugio Sapienza, der Talstation des Ätna. Die befindet sich auf einer Höhe von ca. 1900 Metern an der Südseite. Per Auto erreicht man sie bequem auf einer gut ausgebauten Teerstraße, die sich langsam durch das schwarze Lavagestein ihren Weg nach oben bahnt. Gar nicht so richtig gefährlich und abenteuerlich. Gar nicht so richtig Vulkan also. Mit dem Wetter hatten wir ziemlich Glück – denn bei der Anfahrt konnten wir den Ätna zum ersten Mal in voller Pracht sehen – ganz ohne Wolkenhütchen.

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Oben angekommen wird man von einem kleinen Mekka für sandalentragende Vulkantouristen begrüßt – viele schöne Parkplätze, Imbissbuden und Restaurants und natürlich jede Menge kleiner Shops, die alles mögliche und unmögliche verkaufen, was einem so in den Sinn kommen könnte. Adventure-Touren kann man natürlich auch vor Ort buchen. Und dann hätten wir da natürlich noch die Seilbahnstation, von der aus man im Winter wie Sommer bequem zur Bergstation kommt. Und den Sessellift, der einen ebenfalls ein Stück höher bringt. Auf dem Ätna wird nämlich im Winter Ski gefahren. Gefährlich klingt das auch nicht. Hmm. (Zuckerwatte und Ponyreiten hatte man sich wohl gerade noch verkneifen können..)

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Als wir dort waren, wurde die Seilbahn gerade gewartet. Deshalb wurden wir gleich an der Talstation in umgebaute, Monstertruck-artige Kleinbusse gepackt, die sich (zugegebenermaßen war das schon etwas abenteuerlicher) in engen Kurven über verhältnismäßig schmale, plattgewalzte Spuren den Berg hoch schoben.  An Bord zwar keine Sandalen (es war ja auch schon Mitte November), aber immerhin Ballerinas und ausgelatschte Turnschuhe. Klischee erfüllt. Die Ballerinas und ihre Trägerinnen blieben dann aber zum Glück an der Bergstation der Seilbahn zurück – denn ab hier hieß es: Ohne Bergschuhe keine Haftung. In jeder Hinscht. Wir wurden in einen zweiten Bus gelotst und (zugegebenermaßen nochmal relativ abenteuerlich) auf ca. 2900m zur Torre des Filosofo gefahren. Bei schönem Wetter kann man von hier aus mit Bergführer bis zum Rand des Hauptkraters gehen. Dichter Nebel, Schnee und Windstärke 3248 fallen hier wohl nicht unter die Kategorie schönes Wetter. Die Wolken waren zurückgekehrt. Dennoch zogen wir mit unserem Bergführer los und er führte uns durch besagten dichten Nebel, Schnee und Windstärke 3248 angeblich an ein paar Nebenkratern vorbei, die man nur erahnen konnte. Hier und da wurde ein bisschen was erklärt, während die Gemeinschaft der Abenteuer und Entdecker versuchte, nicht vom Vulkan geweht zu werden. Und nach ca. 30 Min war der Spaß dann auch schon wieder vorbei. Das kam zwar ein bisschen plötzlich, aber: Wir alle konnten nun sagen, dass wir auf dem größten Vulkan Europas gestanden sind. In voller Montur.

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Bleibt die Frage: Was hatten wir jetzt alle davon? Oben haben wir nichts gesehen. Und unten hat alles eher an Kaffeefahrt erinnert. Und zwischendrin hatten wir zwar ein bisschen Abenteuer, weil wir von einem Bus mit riesigen Reifen durchgeschüttelt wurden, der Gefahr lief, vom Vulkan zu fallen. Die Blicke von weiter unten auf die Südflanke des Ätna und die umliegende Umgebung waren schon toll. Aber muss man dazu gleich für unanständig viel Geld auf einen Vulkan fahren? Wohl eher nicht.

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An der Bergstation taten wir das einzig richtige und stiegen nicht in den zweiten Bus zur Talstation um, sondern entschieden uns, die 5km zu laufen. Mal über die Fahrspur der Busse, mal querfeldein über die Lavafelder. Und zum ersten Mal kam bei uns wirkliches Vulkanfeeling auf. Man konnte sich die Umgebung genau anschauen, die Steine anfassen, die Marienkäfer zählen (die verstecken sich nämlich gerne in den warmen Gesteinsspalten) und überhaupt. Das war schön.

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Wieder an der Talstation angekommen, fragte uns ein älteres, amerikanisches Ehepaar, wie das oben so war und was wir gemacht und gesehen haben und dann kam die alles entscheidende Frage: „Is it really worth it?“ Und keiner von uns wusste so wirklich, was er sagen sollte. An diesem speziellen Tag wohl eher nicht. Zu schlecht war das Wetter, zu weicheierig die Bergführertour, zu windig der Wind. Und wäre es jetzt schöner gewesen, wenn wir hochgelaufen wären? Ich hätte danach wohl kein schlechtes Gewissen gehabt, aber gelohnt hätte es sich glaube ich nicht. Zu unwild zeigt sich der Ätna im Aufstieg mit den ganzen Bussen (ich will gar nicht wissen, wie es hier in der Hochsaison im Sommer oder während der Skisaison zugeht) und den Liften und der Seilbahn. Und einem bleibt leider auch nicht viel anderes übrig, als mehr oder weniger auf der Busspur entlang zu laufen. Toll hingegen ist es sicherlich, wenn man ganz oben bei mehr Sicht als 10m wandern kann. Daher würde ich, wenn ich nochmal zum Ätna käme, mir meine Kraft und Puste für oben sparen und nicht beim Aufstieg verschwenden. Zumindest wenn man sich auf dem Standard-Weg dem Gipfel nähern möchte. (Für wahre Entdecker gibt es sicher noch andere Wege rauf!)

Aber wisst ihr was? Ist ja auch egal. Denn: Ich war auf dem Ätna. Das ist der größte Vulkan Europas! Und da sitzen viele kleine Marienkäfer auf den schwarzen Gesteinsbrocken. Weil die nämlich in den warmen Gesteinsspalten überwintern. Und das wär glatt an mir vorübergegangen, hätte ich das alles nicht auf mich genommen. Und daher war’s das ja wohl allemal wert!

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Wart Ihr auch schon mal auf dem Ätna? Hattet ihr mehr Glück? Und seid Ihr eher vom Typ „Hauptsache oben“ oder „Nur wenn ich oben auch ne tolle Aussicht hab“? Ich freu mich auf Eure Kommentare.

14 Comments

  1. Lol, zu „weicheierig“ : ) Übrigens sind wir auf einem der Wege – ich weiß gar nicht ob hin oder zurück – auch ein Stück mit dem Sessellift gefahren. Ich dachte immer der springt vom Seil. Ich fand das gruselig. Da hab ich lieber festen Boden unter den Füßen : ) Wir waren im Juli auf Sizilien. Mörderisch, aber auf dem Ätna toll, denn Schneefelder gibt es dort ja immer. Sonnige Grüße, Jutta

    • Fräulein Draußen Reply

      Ohja. Der Schnee war natürlich eindeutig ein Pluspunkt!!!! Bin ja gespannt, ob das der einzige ist, den ich diesen Winter zu Gesicht bekommen haben werde ;-)
      Viele Grüße!

  2. Du sprichst mir aus der Seele und ich muss das Gleich weiterleiten an alle, die damals mit mir dort waren. Denn ich hatte das Pech, dieses „Abenteuer“ mit Freunden zu teilen, die das alles ganz großartig fanden! Nur ich allein stemmte mich dort oben etwas ratlos gegen den Wind, fühlte wie vom Guide geheißen die warme Erde und roch den Schwefel und dachte, ok alle Erwartungen erfüllt. Ich stehe halt auf einem Vulkan. Nix zu entdecken. Landschaftlich öd. Und schon gings wieder runter. Die anderen verstanden gar nicht, warum mich das alles eher gleichgültig ließ. Danke also für dein „Mitgefühl“:) das spannendste im Frühjahr ist übrigens die Fahrt durch meterhoch gestapelte Wände von Schneeschneisen. Aber Marienkäfer? Keine Spur. LG Ute

    • Fräulein Draußen Reply

      Also wenn Du die Marienkäfer nicht gesehen hast, musst Du nochmal hoch. Sorry :)

  3. Schwierig, die Sache mit dem Lohnen. Manches lohnt sich allein schon deshalb, damit man sich hinterher nicht fragt, warum man denn bitte nicht oben war? Wenn man selbst hinaufgeht, ist das noch eher zu rechtfertigen, als wenn man auch noch einen hohen Preis dafür bezahlt. War es das im Nachhinein dann wert? Oft nicht in finanzieller Hinsicht, aber in emotionaler. Ich denke gerade speziell an die 130 Euro, die ich diesen Sommer für eine 8-stündige Tour auf dem Inlandseis in Grönland bezahlt habe. Die vierstündige Wanderung war toll, aber für das Geld?
    Aber ob ich nochmals auf den Ben Nevis gehe, nachdem die Sicht wohl zu 90% nebelig ist? Für das erste Mal war es ok, aber nochmals die Strapazen der 1300hm auf sich nehmen, um dann wieder nur in der Suppe zu stehen?
    Generell aber: Hauptsache oben, aber bitte möglichst ohne Motor.

    • Fräulein Draußen Reply

      Das war auch der Grund, warum ich damals nicht auf den Ben Nevis gegangen bin :) Dafür „muss“ ich irgendwann nochmal hin und das nachholen! Ich arme ;-)

      Viele Grüße
      Kathrin

  4. Mariiiiienkäfer ^^ allein dafür hat sichs wirklich gelohnt!!! Aber lohnen… verstehe, was du meinst. Lohnt sich ein Berg ohne Aussicht? Sicherlich, aber dann bitte auch mit anständigem Aufstieg, um überhaupt ein Gefühl zu kriegen für den Berg/Vulkan.

    Lieben Gruß,
    Corinna

    • Fräulein Draußen Reply

      Gaaaanz genau, liebe Corinna! So wie damals auf der Großen Schlicke :)

  5. Pingback: Mehr als Meer: Wandern auf Sizilien - itravel Blog

  6. :) Dieser Bericht hätte von mir sein können, nicht dass ich schon oben war,doch ich mag die MassenMustSeeInSandalenTouristenAnsammlungen so rein gar nicht :) und mein Highlight wäre auch ganz klar der Marienkäfer gewesen – die einfachen und kleinen Dinge des Lebens eben :)

    Viele Grüße
    Susie

    • Fräulein Draußen Reply

      Fällt aber auch einfach auf, so ein Marienkäfer inmitten von schwarzem Vulkangestein und Schnee. :-)

  7. Hallo Fläulein Draussen,

    vielen Dank für deinen tollen Bericht!
    Ich werde Ende März mit zwei Freunden nach Sizilien fahren. Die Temperaturen sollten dann ähnlich sein wie bei dir (Mitte November). Denkst du wir können zu dieser Zeit zum Gipfeln wandern? Wir sind körperlich fit und würden uns dann auch um entpsrechende Ausrüstung kümmern. Es geht also eher darum ob man zu dieser Zeit überhaupt hochkommt.
    Und warst du eigentlich ganz oben beim Krater? :)

    Würde mich über Antworten und auch sonstigen Tipps zur Planung der Tour freuen.

    Beste Grüße
    Lukas

    • Fräulein Draußen Reply

      Hi Lukas,

      da kenne ich mich leider nicht gut genug, um einschätzen zu können, ob das a) ohne Bergführer und b) überhaupt ratsam ist und Sinn macht. Da müsstest Du nochmal anderweitig recherchieren. Ich war wegen dem relativ schlechten Wetter leider nicht im Rand des Hauptkraters…

      Viele Grüße und viel Spaß,
      Kathrin

  8. Werner Meier Reply

    Guter Beitrag, Ätna und Marienkäfer gehören für mich fortan zusammen :-)

    Kleiner (nicht mehr allzu geheimer) Tipp für Ätna-Frustrierte: der Pico auf der gleichnamigen Insel der Azoren.

Und was sagst Du dazu?