Ein bisschen Sorgen um mein Auto mache ich mir schon, als ich zum letzten Mal einen Blick zurück zum Parkplatz am Startpunkt des Sendero al Fitz Roy werfe. Nicht etwa, weil die Kriminalitätsrate hier in Patagonien sonderlich hoch wäre, nein. Viel eher weil das Tal des Rio de las Vueltas, in dem El Chalten liegt, ziemlich viel mit einem Windkanal gemeinsam hat – und irgendjemand hat die Turbinen voll aufgedreht. Der SUV, der mich auf meinem 2-wöchigen Roadtrip durch den äußersten Süden Chiles und Argentiniens begleitet, ist zwar nicht gerade ein Leichtgewicht, aber dem patagonischen Wind ist so ziemlich alles zuzutrauen, so viel ist sicher!

Ich lege mein weiteres Roadtrip-Glück in die Hände der Schwerkraft und starte meine Trekkingtour zu den Basislagern von zwei der berühmtesten Berge Patagoniens, ja vermutlich sogar der ganzen Welt. Fitz Roy und Cerro Torre, Granit gewordener Traum unzähliger Bergsteiger und Kletterer, stehen quasi im Vorgarten der (selbsternannten) Trekking-Hauptstadt Südamerikas. Und während die zackigen Gipfel dieser den Hartgesottenen und Könnern dieser Welt vorenthalten sind, kann man sich ihnen als Otto-Normal-Wanderer doch zumindest  ziemlich gut annähern. Und das ist auch schon ganz schön toll.


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trekking el chalten herbst

Wintereinbruch am Fitz Roy

Mein erstes Tagesziel ist das Campamento Poincenot, einer von vier kostenlosen Campgrounds hier im nördlichen Teil des Los Glaciares Nationalpark. Rund drei Stunden dauert die Wanderung vom Startpunkt am nördlichen Ende El Chaltens bis zu diesem rustikalen Camp – drei Stunden, in denen ich durch und vorbei an leuchtend bunten Südbuchenwäldern wandere, das schneebedeckte Bergmassiv vor mir, das weitläufige Flusstal hinter mir. Schneeflocken und Sonnenstrahlen machen es sich in meinem Gesicht gemütlich, abwechselnd im 5-Minuten-Takt. Der Rest von mir ist gut eingepackt, denn jetzt Ende April ist es schon ganz schön kalt. Immerhin der berühmt-berüchtigte patagonische Wind ist nach den ersten Anstiegen etwas weniger gebündelt und stark. Man muss froh sein über alles was man bekommt, hier beim Trekking am Ende der Welt.

Am Campground angekommen baue ich erstmal mein Zelt auf und mache mir dabei deutlich mehr Gedanken um potenziell herabstürzende Äste als die wildlebenden Pumas, auf die auf Schildern hingewiesen wird. Neben mir zeltet eine Gruppe Amerikaner – allesamt Fotografen, die seit sage und schreibe fünf Nächten hier auf dem Camp sind. Ihre Kameras haben es dabei natürlich vor allem auf einen abgesehen: Fitz Roy, dessen ikonische Zackenformation gut sichtbar über El Chalten und auch dem Camp Poincenot thront. Wenn… ja, wenn er denn nicht gerade von Wolken bedeckt ist! Das ist nämlich ein Outfit, dass sich die Berge in diesem Teil Patagoniens nur zu gerne überstreifen. Am diesem Morgen war die Sicht glasklar, sagen die Fotografen. Doch jetzt am Nachmittag sieht es schon deutlich düsterer aus. Aber wir sind ja in Patagonien, also kann sich auch das alle 5 Minuten ändern.

Ich lasse meine Ausrüstung in meinem Zelt und lege mit einem leichten Tagesrucksack die letzten ~45 Minuten bis zur Laguna de los Tres zurück. Die Gletscherlagune ist der berühmteste Aussichtspunkt auf den Fitz Roy, aber wer diese Aussicht haben will, muss sie sich erarbeiten. Ganz schön steil geht’s ab dem Camp bergauf, auf schmalen, steinigen Pfaden, die durch die unzähligen Besucher, die sich hier alljährlich hochschieben, nicht gerade besser werden. Noch dazu legt der Wind hier oben wieder deutlich zu und ich muss aufpassen, nicht vom Berghang geweht zu werden (so wie mein Auto, dass vermutlich schon fröhlich durch Argentinien fliegt). Am See angekommen hat sich Fitz Roy zwar noch nicht ganz von seinem Wolkenkleid befreit, ist aber schon deutlich weniger schüchtern als zuvor. Und die Sicht auf ihn reicht vollkommen aus, um von seiner eindrucksvollen Gestalt in den Bann gezogen zu werden.

Es ist schon relativ spät am Abend und die Tageswanderer sind längst wieder auf dem Weg ins Tal. Genau genommen sitze ich nach einer halben Stunde tatsächlich ganz und gar allein am Rand der Lagune und schaue Fitz Roy tief in die steinigen Augen. Ein Erlebnis, das hier an einem der beliebtesten Wanderziele Patagoniens nur denen vorbehalten bleibt, die die Nacht im Zelt verbringen

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Wanderschuhtipp für Patagonien: 

Wer in Patagonien wandern will, muss für alle Wetterlagen und raues Terrain gewappnet sein. Meine Lady Light LL von Lowa waren dafür ideal. 

Die Damen-Trekkingstiefel aus Vollleder sind robust und in Sachen Sohle und Stabilität auch für Touren mit schwererem Gepäck geeignet. Und dabei sind sie trotzdem noch verhältnismäßig leicht und vor allem ziemlich bequem. Was will man mehr?!

 

Cerro Torre „on the rocks“

Der nächste Morgen begrüßt mich mit klirrender Kälte und einer Schicht aus Schnee und Eis auf meinem Zelt. Das hält mich aber nicht davon ab, bei einer Tasse heißem Ingwertee zu beschließen, an meine geplante 2-Tages-Tour noch einen Tag dran zu hängen und eine weitere Nacht im Hinterland von El Chalten zu verbringen. Zu großartig war es gestern, diese Szenerie am Fitz Roy für mich allein zu haben. Das will ich bei seinem berühmten Berg-Nachbarn, Cerro Torre, nochmal haben!

Ein kurzer Check des Proviant-Beutels ergibt, dass ich bei diesem Vorhaben nicht verhungern werde. Glücklicherweise bin ich einer von diesen Menschen, die immer zu viel zum Essen einpacken. Ein Großteil der vielleicht 15 Menschen, die sich für diese Nacht auf dem Camp Poincenot einquartiert haben, schläft noch, als ich mein Zelt vom restlichen Schnee befreie und in den Rucksack packe. Ich bin die erste, die an diesem Morgen frische Spuren in die Schneedecke stapft. Der Himmel ist von dichtem Grau bedeckt, kurz nach meinem Aufbruch beginnt es wieder zu schneien. Für gute Sicht sorgt dieses Wetter zwar nicht gerade, dafür aber für jede Menge Gefühl von echtem Abenteuer.

Noch am Vormittag komme ich an meinem zweiten Übernachtungsplatz, dem Campamento de Agostini an. Das im Vergleich mit Poincenot deutlich überschaubarere Camp liegt in unmittelbarer Nähe zur Laguna Torre, dem Äquivalent zur Laguna de los Tres, eben nur mit Blick auf Cerro Torre statt dem Fitz Roy. Ich hätte hier locker in Ruhe die Aussicht genießen und dann in ein paar weiteren Stunden zurück nach El Chalten wandern können. Aber dann hätte ich einen der vielleicht schönsten Momente meiner ganzen Reise durch Patagonien verpasst. Den Moment nämlich, als das türkisfarbene „Strandgut“ in der Lagune mit dem pinken Morgenlicht um die Wette strahlt und im Hintergrund der Gletscher knarzt. Ja, der Sonnenaufgang an der Laguna Torre war auch mit wolkenverhülltem Cerro Torre ein wahrhaft erhebender Moment und der perfekte Abschluss meiner Tour.

Zurück in El Chalten stelle ich fest, dass auf die Schwerkraft tatsächlich Verlass ist und mein Auto noch an Ort und Stelle steht. Ich schnappe mir erstmal einen ziemlich Hart gefroreren Müsliriegel aus dem Kofferraum, denn mein Proviant war gegen Ende dann doch etwas knapp. Von hier aus geht es weiter Richtung Süden, nach El Calafate und zum Perito Moreno, dem gigantischen Gletscher. Aber erstmal muss ich zur kleinen Tankstelle am Ortsrand von El Chalten, in der Hoffnung, dass diese auch Benzin hat. Das weiß man nämlich nie so genau… hier am Ende der Welt.

Alle Infos zur Trekkingtour

Gehzeit / Höhenmeter:
– Tag 1 (El Chalten – Campamento Poincenot): ca. 3 Stunden, 350 Hm; vom Camp zur Laguna de Los Tres: ca. 1 Stunde, 420 hm
– Tag 2 (Campamento Poincenot – Campamento De Agostini): ca. 3,5 Stunden, 100 Hm Aufstieg, 200 Hm Abstieg; Laguna Torre direkt neben dem Camp
– Tag 3 (Campamento De Agostini – El Chalten): ca. 3 Stunden, 100 Hm Aufstieg, 350 Hm Abstieg

Schwierigkeit & Orientierung: Die Haupt-Wandewege rund um El Chalten sind gut markiert und nicht zu verfehlen. Karten oder ähnliches sind theoretisch nicht notwendig, eine Wanderkarte für das gesamte Gebiet ist allerdings überall im Ort (an Hotelrezeptionen, in Kiosken usw.) verfügbar.

Desweiteren sind die Wege gut ausgebaut und relativ einfach zu begehen. Manche Abschnitte und insbesondere das letzte Stück hoch zur Laguna de los Tres sind allerdings relativ steil und steinig, sodass etwas Trittsicherheit hilfreich ist.

Anreise:  Unter anderem von El Calafate aus gibt es regelmäßige Busverbindungen. Darüber hinaus kann man den Ort natürlich mit dem Mietwagen erreichen. Die Fahrtzeit von El Calafate aus beträgt in etwa 3 Stunden.

Unterkunft in El Chalten: Trotz seiner geringen Größe gibt es in El Chalten reichlich Auswhal an Unterkünften jeglicher Art. Von Campingplätzen über Hostels und Gästehäuser bis hin zu Hotels.

Campgrounds: Die Camps für den Trek sind kostenlos und müssen/können nicht vorgebucht werden. Hier gibt es lediglich einfache Plumpsklos und keine weitere Ausstattung. Wasser gibt es in Form von Bächen und Flüssen jeweils in unmittelbarer Nähe der Camps.

Beste Jahreszeit: Reisen in Patagonien sind grundsätzlich von Oktober bis April zu empfehlen, wobei der patagonische Sommer Ende November bis Ende Februar wettertechnisch besonders geeignet ist. Allerdings ist es zu dieser Jahreszeit auch sehr voll, und Hotspots wie El Chalten können dann aus allen Nähten platzen (was auch auf die Campgrounds im Nationalpark zutrifft). Wenn Du den Trek mit etwas mehr Einsamkeit genießen möchtest, solltest Du eher im Oktober oder Anfang November bzw. im März und April reisen. Ich war in der ersten Aprilhälfte unterwegs und bin selbst an beliebten Orten wie dem Perito Moreno-Gletscher, dem Torres del Paine Nationalpark oder eben El Chalten auf verhältnismäßig wenig Menschen gestoßen.

Ausrüstung: In Patagonien musst Du auch im Sommer mit allen Jahreszeiten rechnen und für Schnee, Regen, Sonne und vor allem auch den berühmt-berüchtigten Wind gewappnet sein. Das trifft natürlich insbesondere auf Dein Zelt und deine Regenschicht zu. Trekking-Ausrüstung kannst Du übrigens in El Chalten auch bei diversen Anbietern leihen, allerdings handelt es sich dabei nicht gerade um hochwertige Ultraleicht-Ausrüstung.

Mehr Informationen: Kurz vorm Ortseingang befindet sich linker Hand das Besucherzentrum des Nationalparks. Hier erhälst Du weitere Informationen und kannst Dich auch für genehmigungspflichtige Treks anmelden (siehe unten).

Alternative Mehrtageswanderungen im nördlichen Los Glaciares Nationalpark

Trekking rund um El Chalten

Falls Du weniger oder auch mehr Zeit beim Trekking rund um El Chalten verbringen möchtest, kannst Du die von mir begangene Tour flexibel kürzen oder ergänzen. Wenn Du nur eine Nacht im Park verbringen willst, kannst Du (so wie ich es ursprünglich auch geplant hatte) lediglich am Camp Poincenot übernachten und den Rückweg nach El Chalten über die Laguna Torre an einem Tag machen.

Alternativ kannst Du die Tour auch auf mehrere Tage ausweiten, z.B. mit einer zusätzlichen Nacht auf dem Camp der Laguna Capri oder Tagestouren von Poincenot bzw. Agostini aus. Viel Inspiration dafür findest Du im Rother Wanderführer für Patagonien*.

Der Huemul Circuit

Falls Du auf der Suche nach mehr Abenteuer und Einsamkeit bist und genug Zeit zur Verfügung hast, solltest Du Dir auf jeden Fall den Huemul-Circuit ansehen. Der rund 60 km lange Trail führt einmal rund um das Huemul-Massiv und streift dabei auch den Rand des südpatagonischen Eisfelds. Ein richtiger Geheimtipp ist er zwar mittlerweile auch nicht mehr, aber immer noch deutlich weniger begangen als die klassischen Wege im Park. Das liegt bestimmt auch daran, dass hier zum Beispiel zwei Flussüberquerungen anstehen, die man mithilfe eines Seils und Klettergurtes bewerkstelligen muss.

Achtung: Für den Huemul-Circuit benötigst Du eine Genehmigung, die Du im Büro der Nationalparkverwaltung am Ortseingang zu El Chalten kostenlos bekommst. Allerdings nur, wenn Du nicht alleine (sondern mindestens zu zweit) unterwegs bist und die entsprechende Ausrüstung (Klettergurt usw.) vorweisen kannst (diese kannst Du Dir aber auch günstig vor Ort leihen).

Falls Du alleine reist und den Trail trotzdem machen möchtest, solltest Du Dich auf jeden Fall in einem Hostel einbuchen. Dort triffst Du am leichtesten auf andere Solo-Reisende oder Gruppen, denen Du Dich vielleicht anschließen kannst.

Mehr erfahren: Bettina von Fjella ist den Track gewandert und hat einen ausführlichen Bericht über den Huemul Circuit geschrieben.

Tageswanderungen rund um El Chalten

Falls Du nachts doch lieber in einem Bett schlafen möchtest, gibt es auch für Tageswanderungen tolle Möglichkeit von El Chalten aus.

Zum einen sind sowohl die Laguna de los Tres (Blick auf Fitz Roy) als auch die Laguna Torre (Blick auf Cerro Torre) per Tageswanderung zu erreichen.

Für die Wanderung zur Laguna de los Tres lässt Du Dich am besten mit einem Shuttleservice bzw. Taxi, dass von vielen Unterkünften organisiert wird, zur Hosteria El Pilar bringen. Von dort aus kannst Du durch das Tal des Rio Blanco zur Laguna wandern – und anschließend auf „normalem“ Weg zurück nach El Chalten. Somit bekommst Du eine abwechlungsreiche Tageswanderung, auf der Du keinen Weg doppelt gehen musst! (ca. 23 km und 880 Höhenmeter).

Der vielleicht spannendste Aussichtspunkt rund um El Chalten ist aber der Loma del Pliegue Tumbado, denn von hier aus kannst Du sowohl Cerro Torre als auch Fitz Roy sehen. Theoretisch zumindest – ich hatte leider kein Glück und beide haben sich in dichten Wolken versteckt. Toll war die Wanderung trotzdem. (ca. 21 km, 1.100 Höhenmeter)

Und auch ein Abstecher auf den Hausberg von El Chalten lohnt sich: Die Wanderung zum Mirador de los Cóndores und zum Mirador de las Águilas dauert nur rund 1,5 Stunden und von hier aus hat man einen tollen Blick über den Ort und seine Umgebung. (ca. 4 km, 120 Höhenmeter)

Mehr erfahren: Biene und Tobi berichten auf ihrem Blog alsnuff.de noch ausführlicher über die Möglichkeiten für Tageswanderungen rund um El Chalten.

Wanderführer Patagonien – Tipp

Der Wanderführer „Patagonien und Feuerland“ von Rother* enthält viele spannende Touren für Tageswanderungen und Trekkings zwischen Los Ángeles und Ushuaia. Neben den Klassikern sind auch Touren dabei, die nicht überall zu finden sind. Der Wanderführer ist 2018 in einer aktualisierten Auflage erschienen.


Warst Du auch schon mal beim Trekking in Patagonien und kannst noch weitere Touren empfehlen? Oder hast Du vielleicht sogar die gleiche Tour gemacht wie ich? Ich freu mich auf Deinen Kommentar!

3 Comments

  1. Hi Kathrin,
    wir waren letzten Winter auch in El Chaltén und haben Cerro Torre und Fitz Roy bewundert. Und wir waren mega begeistert! In El Chaltén hat es uns besser gefallen als im Torres del Paine NP, was allerdings auch am Wetter gelegen haben kann.
    Viele Grüsse und weiterhin fröhliches Trekken!
    Biene und Tobi

  2. Was für ein schöner Bericht! Patagonien steht immer noch bei mir auf der Liste und dein Artikel macht auf jeden Fall Lust auf mehr. Und wie geil ist bitte das Bild mit all den Tüten am Seil!? :D

  3. Oh bei den Bildern kommen so viele tolle Erinnerungen hoch! Ein magischer Ort und wunderbar erzählt!
    Vielen lieben Dank für die Erwähnung :)

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