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[Gastartikel] Gastautorin Renée hatte einen Traum, und dieser Traum hatte einen Namen: Norge på langs. Norwegen der Länge nach. Und zwar nicht irgendwie, sondern zu Fuß. Ein ziemlich ambitioniertes Vorhaben, denn während Norwegen an der schmalsten Stelle gerade mal zwei Kilometer breit ist, misst das fünftgrößte Land Europas stolze 1.752 Kilometer von Süd nach Nord (und wenn man keine Flügel hat, noch „ein paar“ mehr).

Ich finde, es kann kaum schönere Träume geben. Und wenn dieser Traum dann noch wahr wird, ist das Fernwanderglück perfekt. Auch wenn die Route wahrlich alles andere als einfach ist, und ein Land wie Norwegen zwar unglaublich schön, aber auch unglaublich herausfordernd sein kann. (Zum Beispiel, wenn es mal eben plötzlich Winter wird …)

Achtung, Spoiler: Renées Traum wurde wahr. Rund fünf Monate, nachdem sie ganz im Süden Norwegens gestartet war, stand sie tatsächlich am Nordkap. 2.300 Kilometer zu Fuß lagen hinter hier, und in diesem Gastartikel berichtet sie von ihren Erlebnissen unterwegs.


Ich veröffentliche regelmäßig Gastartikel wie diesen, um auch anderen Frauen, die abenteuerlich reisen und das Draußensein lieben, die Möglichkeit zu geben, von ihren Abenteuern und Erfahrungen zu erzählen. Wenn Du auch Lust hast, hier von deinem Abenteuer zu berichten, schick mir einfach eine E-Mail


Erste Schritte

Es ist nicht einmal 5 Uhr morgens und die Sonne steht noch unter dem Horizont. Das intensive Morgenrot deutet auf einen sonnigen Tag hin und die Vögel zwitschern fröhlich. Dicke, heiße Tränen kullern mir über die Wangen. Worauf habe ich mich da nur eingelassen?

Ich stehe am Lindesnes Fyr, einem Leuchtturm am südlichsten Festlandpunkt Norwegens. Vor mir ein Wegweiser: „Nordkapp – 2518 Kilometer“. Mein Ziel, zu dem ich innerhalb von 5 Monaten wandern will. Jahrelang habe ich mit dem Gedanken dieser Tour gespielt. Hinter mir liegen 18 Monate, die ich diese Tour vorbereitet habe und in denen kein Tag vergangen ist, an dem ich mir nicht diesen Moment vorgestellt habe. Aber jetzt plagen mich Selbstzweifel. Bin ich wirklich mental und körperlich in der Lage jeden Tag zu laufen? Mit dem schweren Rucksack. Vollkommen auf mich allein gestellt. Bei Wind und Wetter. Ein letztes Mal nehme ich meinen Freund Olli in den Arm und schon ist sein Auto hinter der nächsten Kurve verschwunden. Unsicher mache ich die ersten Schritte.

Norwegen durchzieht ein gut ausgebautes Netz an Wanderwegen, so dass man den Großteil der Strecke in der Natur zurücklegen kann. Die ersten Tage muss ich aber der Straße folgen. Bald habe ich meinen Rhythmus gefunden und trotz Blasen an den Füßen und der immer gleichen Aussicht auf die nächsten Fahrbahn-Markierungen, stellt sich nach und nach ein vorsichtiges Freiheitsgefühl ein. Ich mache nun wirklich das, von dem ich so lange geträumt habe. Schon in den ersten Tagen lerne ich die Gastfreundschaft der sonst eher zurückhaltenden Norweger kennen. Ich werde zu Kaffee und Kuchen eingeladen, bekomme manchmal sogar ein Bett für die Nacht angeboten. Die Norweger sind Natur- und Wanderbegeistert und jemand der ihr ganzes Land durchwandern möchte, wird mit offenen Armen begrüßt. Statt einem „Aber ist es nicht gefährlich als Frau allein unterwegs zu sein?“ das mir daheim oft begegnet ist, erhalte ich hier motivierende Worte und hilfreiche Tipps.

Fjell

Nach einer Woche stehe ich zum ersten Mal auf einem Wanderweg.  Ich bin überglücklich, die Straße hinter mir zu lassen. Schon jetzt bin ich weiter gelaufen, als ich je am Stück unterwegs war und ein bisschen stolz bin ich darauf schon. Aber schnell holt mich das sumpfige Gelände der Austheiane auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich bin langsamer als gedacht und die Etappen zwischen den Hütten, in denen ich hier übernachte, anspruchsvoll. Schon an Tag 2 folgt der erste Nervenzusammenbruch. Ich fühle mich der Tour nicht gewachsen und male mir im Kopf bereits meine Heimreise aus. Stattdessen plane ich meine Route um und folge der Straße bis nach Rjukan am Fuße der Hardangervidda.

In den folgenden Tagen führt mich mein Weg über die größte Hochebene Europas. Die Wegverhältnisse sind hier deutlich besser als in der Austheiane und immer wieder pfeifen mir Wind und Regen um die Ohren – typisch Norwegisch eben. Das ist es, was ich mir im Vorfeld der Tour vorgestellt habe. Ich lasse den Druck los, schneller unterwegs sein zu wollen und finde mein eigenes Tempo. Jetzt fühle ich mich auf der Tour angekommen.

Obwohl es bereits Mitte Juni ist, stellt sich so weit im Norden erst jetzt der Frühling ein. Ich kann beobachten wie der Schnee auf den Bergen schmilzt und die Natur um mich herum erwacht. Nach einer Woche erreiche ich den Wintersportort Geilo und habe damit die erste längere Fjell-Etappe hinter mich gebracht.

Freiheit

In Südnorwegen folge ich selten einer direkten Linie nach Norden. Um auf den Wanderwegen zu bleiben und die Regionen, in denen noch zu viel Schnee zum Wandern liegt, zu umgehen, arbeite ich mich im Zickzack-Kurs vorwärts. Ich durchwandere einen Teil Skarvheimens und durch Jotunheimen. Im Langsua-Nationalpark überrascht mich ein Wettersturz und obwohl es bereits Juli ist, zeigt das Thermometer morgens Minusgrade an und immer wieder werde ich vom Schnee eingehüllt. Nur wenige Tage später klettern die Temperaturen auf über 20 Grad. Als ich mich – auf diesem Stück begleitet von Olli – auf den Weg in die Rondane mache, ist plötzlich der Sommer da. Wir nutzen das schöne Wetter für lange Pausen in der Sonne und Bäder in eiskalten Flüssen. Abends sitzen wir am Lagerfeuer vor dem Zelt. So fühlt sich Freiheit an.

Nach 10 kurzen Tagesetappen mit Olli heißt es wieder Abschied nehmen und für mich geht es allein weiter. Ich lerne, dass es einen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit gibt, denn obwohl ich nun wieder allein unterwegs bin, komme ich gut mit mir selbst zurecht und fühle ich mich selten einsam. Als ich oberhalb der Bergbau-Stadt Røros stehe und ins Tal blicke, fühle ich mich völlig frei. Seit fast zwei Monaten bin ich nun schon unterwegs und habe noch einmal mehr als zwei Monate, um ans Nordkapp zu gelangen. Dennoch empfinde ich keinen Zeitdruck. Ich lebe in den Tag hinein, ohne zu wissen, wo ich abends schlafen werde. Jahrelang habe ich hiervon geträumt. Als mir das bewusst wird, verspüre ich zum ersten Mal Angst vor der Zeit danach. Wie soll ich mich nur wieder in einen geregelten und zu großen Teilen fremdbestimmten Alltag einfinden?

Hitze

Rauf, rauf, immer weiter bergauf. Jede neue Etappe beginnt in der Regel mit einem ordentlichen Anstieg, da die Ortschaften, in denen ich mich versorge, in den Tälern liegen. Mit einem vollgepackten Rucksack kämpfe ich mich nun quälend langsam bergauf. Über mir brütet die Sonne. Schon am Vormittag haben wir etwa 25 Grad und die Wettervorhersage verspricht weit über 30 Grad für die kommenden Tage. Wo mir Kälte, Wind und Regen meist wenig ausmachen, ist das hier meine persönliche Hölle. Ich komme mit der Hitze nicht gut zurecht. Schweiß vermischt sich mit Sonnencreme, Staub und Mückenschutzspray. Mücken machen mir bei dieser Trockenheit keine Probleme. Es sind vielmehr die Bremsen, die nun in Massen auftreten und mir mit nervtötendem Gebrumme und schmerzhaften Bissen den letzten Nerv rauben.

Der Skarvan og Roltdalen Nationalpark durch den ich nun wandere, könnte landschaftlich kaum schöner sein. Tiefblaue Seen, Nadelwald, Sumpflandschaften und baumlose Fjells, atemberaubende Weitsichten und enge Täler wechseln sich ab und ich würde diesen Abschnitt gerne mehr genießen. Aber als ich nach ein paar Tagen mein Zelt an einem See oberhalb von Meråker aufschlage, bin ich mit den Kräften am Ende. Der nun hinter mir liegende Abschnitt hat alles von mir abverlangt. Obwohl ich mich sonst als trittsicher bezeichnen würde, bin ich in den vergangenen Tagen mehrfach gestürzt. Ich nehme das als Zeichen, dass ich am Limit bin. Aber entgegen all den Herausforderungen bin ich jetzt umso entschlossener, weiter zu laufen. Ich befinde mich nun auf der Höhe Trondheims, habe den Süden Norwegens also hinter mich gebracht. Vor mir liegen der wilde, einsame Norden und irgendwann der Herbst, dem ich so entgegenfiebere.

Weglos

Ab Meråker begleitet mich meine Freundin Laura. Vor uns liegt eine fast zweiwöchige Etappe durch den Blåfjella-Skjækerfjella Nationalpark. Ohne Markierungen und ohne ausgetretene Pfade müssen wir uns hier unseren Weg selbst suchen. Es ist meine bisher längste Etappe ohne Nachversorgung und der Rucksack ist dementsprechend schwer. Schnell merke ich, dass ich wenig Probleme habe, mich mithilfe der Karte zu orientieren und wir kommen gut voran. Die Dürre ist hilfreich, denn das ansonsten sehr sumpfige Gebiet ist knochentrocken und das Laufen dadurch sehr einfach. Auf der Hälfte der Etappe treffen wir auf ein Pärchen. Andrea und Olli sind ebenfalls auf dem Weg zum Nordkapp und sogar am selben Tag gestartet wie ich. Wir verstehen uns auf Anhieb und entscheiden spontan, zu viert weiter zu laufen. In den folgenden Tagen teilen wir wunderschöne einsame Zeltplätze und all unsere Vorräte. Als wir am Ende unserer Etappe Nordli erreichen, sind wir bereits ein eingeschworenes Team. Umso schmerzlicher ist der Abschied von Laura, die hier wieder abreist.

Wir laufen zu dritt weiter und nach einem kurzen Straßenabschnitt und dem ersten Regentag seit Wochen erreichen wir Røyrvik. Von dort aus geht es für uns ins wilde und ebenfalls weglose Børgefjell.  Hier oben merkt man, dass die warme Jahreszeit nur kurz währt. Während ich Frühlingsblüher finde, die ich zuletzt in der Hardangervidda gesehen habe, färben sich bereits die ersten Blätter ins Herbstliche. Die Tage werden nun merklich kürzer und besonders abends wird es schnell kalt.

Einige Tage später steigen wir in den Fernwanderweg Nordlandsruta ein. Doch die Freude über markierte Wanderwege ist nur von kurzer Dauer. Die Markierungen sind spärlich, die Wege teilweise überwuchert und die Etappen, dank ständiger steiler Auf- und Abstiege, anspruchsvoll. Hier treffen wir Marius, der das gleiche Ziel hat und unsere kleine Wanderfamilie wächst um ein Mitglied.

Die nun folgenden Etappen gehören zu den schönsten der ganzen Tour. Am Wegesrand finden wir Massen an Blau- und Moltebeeren, die uns die Tage versüßen. Das Wetter wird launischer und überall findet man nun Anzeichen auf den Herbst, der immer näher rückt. Für die anstrengenden Abschnitte werden wir mit wunderschönen Weitsichten auf das vergletscherte Okstindan-Massiv belohnt. Dieses umlaufen wir dann in zwei stark verregneten Tagen. Von den eindrucksvollen Gletschern und den steilen Bergen ist jetzt durch die tiefhängenden Wolken nichts mehr zu sehen. Schließlich erreichen wir Umbukta und haben damit mehr als die Hälfte unserer Tour hinter uns gebracht.

Zeitdruck

Der schwedischen Grenze folgend, führt uns unser Weg weiter nordwärts. In Gedanken gehe ich immer wieder Tagesetappen und Kilometerangaben des vor uns liegenden Abschnitts durch. Ich setze mich enorm unter Druck, denn in etwa zwei Wochen wird Olli am Akkajaure, einem großen See in Schweden stehen und auf mich warten. Bis dahin muss ich allerdings noch etwa 350 Kilometer zurücklegen. Als klar wird, dass ich das nicht rechtzeitig schaffen werde, muss ich eine Entscheidung treffen. Ich entschließe mich, einen Schlenker in meiner geplanten Route auszulassen und über die Straße abzukürzen. Entgegen meinen Erwartungen ist der Rest der Truppe dabei und wenige Tage später überschreiten wir gemeinsam einen weiteren Meilenstein unserer Wanderung: den Polarkreis. In dieser Nacht flackern zum ersten Mal für einen kurzen Moment grüne Polarlichter über uns auf.

Als ob die Natur auf dieses Zeichen gewartet hätte, ist nun der Herbst eingetroffen. Wo vorher nur vereinzelte Birken gelb verfärbt waren, laufen wir nun durch ein Meer aus Herbstfarben und ich genieße den Beginn meiner Lieblingsjahreszeit in vollen Zügen.

Schweden

Wir erreichen den kleinen Ort Sulitjelma und nach einem verregneten Ruhetag machen wir uns auf in Richtung der schwedischen Grenze. Als wir den ersten Anstieg hinter uns haben, lichten sich die Wolken und geben den Blick auf eingeschneite Berge um uns herum frei. Es sind nicht die Schneereste, die man hier und dort das ganze Jahr über findet. Letzte Nacht hat es geschneit und in den höheren Lagen ist der Schnee auch liegen geblieben. Ich bin hin und her gerissen zwischen der Schönheit der weißen Gipfel und dem Respekt vor der Natur, die uns hier zeigt, dass sich die Wandersaison langsam dem Ende entgegen neigt und dass wir hier bald keinen Platz mehr haben werden.

Am nächsten Tag verlassen wir Norwegen und folgen von hier an dem Padjelantaleden. Mit dem Grenzübertritt verändert sich auch das Landschaftsbild. Das steile, steinige Tal, durch das wir bislang gelaufen sind, öffnet sich und vor uns liegt eine weitläufigere und sanftere Landschaft. Wo sich in Norwegen das Gelände stetig und meist mehrfach am Tag komplett verändert, laufen wir hier teilweise stundenlang an den gleichen großen Seen entlang. Abends schlagen wir unsere Zelte mit der schönsten Aussicht auf und beobachten, wie die untergehende Sonne die eingeschneiten Berge in tiefrotes Licht taucht.

Pünktlich erreichen wir den Akkajaure und treffen dort den Sami Micke, der uns mit seinem Boot ans andere Ufer bringen soll. Da das Wetter dies nicht zulässt, verbringen wir einige Stunden in seiner Hütte und lernen von ihm viel über die Kultur der Sami, die Rentierzucht und wie sich seine Arbeit über die Jahrzehnte verändert hat. Mit einem Helikopter, den er organisiert, werden wir auf die andere Seite des Sees gebracht. Dies mag sich dekadent anhören, ist in den weitläufigen schwedischen Fjells allerdings ein gängiges Transportmittel.

Fast zeitgleich treffen Olli und unsere Wandergruppe am anderen Ufer des Akkajaure ein. Meine Planung ist aufgegangen und die Wiedersehensfreude ist groß. Zu fünft machen wir uns auf den Weg. Das überwiegend gute Wetter, das uns im Padjelanta begleitet hat, schlägt nun um in eiskalten Regen und Wind. Ich merke, dass ich in den letzten Wochen zu schnell und mit zu viel Zeitdruck unterwegs war und mir Entschleunigung wünsche. Olli hat noch mit einer Erkältung zu kämpfen und will es ebenso langsam angehen lassen. Wir verabschieden uns von meiner Wandergruppe und verabreden, uns in einigen Tagen in Abisko wieder zu treffen.

Während die drei weiterziehen, machen Olli und ich es uns in einer der schwedischen STF-Hütten gemütlich, um hier einen Tag auszuruhen. Als wir die Sauna einheizen, setzt draußen dichtes Schneegestöber ein und die Schneegrenze sinkt über Nacht bis auf unsere Höhe. Auch als wir am nächsten Tag weiterlaufen, hüllt uns immer wieder dichtes Schneetreiben ein.

Für einen kurzen Moment hört es auf zu schneien und mit einem Mal bietet sich uns eine atemberaubende Aussicht. Vor uns liegt das Tjäktjavagge – ein breites Trogtal, das in intensiven roten Herbstfarben leuchtet, die alles bisher Gesehene in den Schatten stellen. In alle Richtungen ragen steile schwarze Berge in den Himmel, die nach oben hin weiß gepudert sind. Die Gipfel hängen in den Wolken, aber für einen kurzen Moment reißt die dicke Wolkendecke auf und Sonne fällt ins Tal. Unter uns liegt der Kungsleden, dem wir nun bis nach Abisko folgen.

Auf einmal treffen wir auf viele Wanderer. Selbst am Ende der Nebensaison ist der Kungsleden noch stärker frequentiert als jeder Wanderweg, auf dem ich in den letzten Monaten unterwegs war. Das Wetter ist launisch. Immer wieder schneit und stürmt es und morgens sind nun alle Pfützen mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Aber auch sonnige Momente sind dabei und diese genießen wir in langen Pausen am Wegesrand. In Abisko treffen wir den Rest der Gruppe wieder und laufen gemeinsam weiter.

Wintereinbruch

Man merkt, dass wir nun wieder in Norwegen unterwegs sind. Die Wege sind schmaler und weniger ausgetreten und die erste Hütte, auf der wir übernachten, ist an Gemütlichkeit kaum zu überbieten. Von hier aus kann man noch den großen See Torneträsk sehen und dahinter liegend Abisko. Ich fühle mich, als wäre ich nach einem Ausflug in den Nachbarort nach Hause gekommen. Am nächsten Morgen hat sich die Aussicht verändert. Der See ist im Schneetreiben kaum noch zu erkennen und um uns herum ist alles weiß. Je höher wir nun aufsteigen, desto tiefer wird der Schnee. Anfangs freuen wir uns über die Abwechslung, dann verfallen wir nach und nach in Schweigen. Es kostet Kraft durch den teilweise knietiefen Schnee zu laufen und den Weg nicht zu verlieren. Man knickt oft um, gelegentlich fällt jemand auf die Nase. Nach 10 langen Stunden treffen wir auf der Huskyfarm in Innset ein.

Während meine Wandergruppe bald weiterzieht, bleibe ich zum ersten Mal meiner Tour mehr als einen Tag am gleichen Ort. Olli reist hier wieder ab und ich bin nun nach mehr als zwei Monaten wieder allein unterwegs. Das ist ungewohnt und kostet einige Tränen.

Bald ist für diese Gedanken allerdings kein Platz mehr, denn als ich weiterlaufe, hat mich der Winter schnell im Griff und tiefer Schnee erfordert all meine Aufmerksamkeit. Mir wird klar: Allein ist mir der Weg durch den Schnee zu riskant. Der Schnee bremst mich extrem aus und das Verletzungsrisiko durch Umknicken ist mir zu hoch. Da mein Notfallsender nicht mehr richtig funktioniert, könnte ich im Notfall keinen Notruf absetzen. Ich muss also umplanen. Indem ich einige Tagesetappen überspringe und später wieder in den Wanderweg einsteige, will ich die höchsten Punkte der Route umgehen.

Einen Tag später stehe ich an der Straße und hoffe jemanden zu finden, der mich mitnimmt. Nach gerade einmal 20 Minuten hält neben mir ein Auto und der Fahrer Ingar fährt eigens für mich einen Umweg von über 200 Kilometern bis zu einer Stelle, von der ich weiterlaufen kann. Wieder einmal bin ich sprachlos und dankbar über die Hilfsbereitschaft der Norweger. Während am Autofenster die eingeschneiten Berge des Dividalen Nationalparks vorbeiziehen, muss ich die Tränen zurückkämpfen. Ob man Norge på Langs in einer Saison wandern kann, ist auch Glückssache und ich habe einfach Pech gehabt. Die ersten Wintereinbrüche kamen dieses Jahr deutlich früher als sonst und mir ist klar, dass meine Tour jetzt jeden Tag zu Ende sein kann. Als ich weiterlaufe, versuche ich die Landschaft um mich herum bewusst zu genießen und verabschiede mich langsam von meiner Wanderung.

Wenig später erreiche ich das Dreiländereck, an dem die Grenzen von Norwegen, Schweden und Finnland aufeinander treffen. Hier treffe ich auch Andrea, Olli und Marius wieder und gemeinsam laufen wir nach Kilpisjärvi in Finnland.

Finnland

Unsere Route führt uns nun einige Tage durch Finnland. Wir erleben noch einen letzten sonnig-warmen Herbsttag, dann holt uns der Winter ein. Einen ganzen Tag sitzen wir in einer der einfachen Holzhütten aus, während draußen ein Sturm tobt. Der darauffolgende Tag ist einer der schlimmsten der Tour. Wir kämpfen mit starkem Gegenwind, der einen schnell auskühlen lässt und den Schnee aufwirbelt, so dass wir kaum noch etwas sehen können. Stundenlang setze ich nur mechanisch meine Füße in die Fußstapfen meines Vordermanns und überlasse die Wegfindung den anderen. Das geht nur mithilfe des GPS-Geräts, denn weder ein Weg noch Markierungen sind im Schnee erkennbar. Bald spüre ich meine Hände nicht mehr. Dass am Nachmittag der Wind nachlässt und wir die Grenze nach Norwegen überschreiten ist nur ein geringer Trost. Mir ist nun klar, dass ich meine geplante Route erneut ändern muss.

Im Reisadalen angekommen, ist es Zeit für einen endgültigen Abschied. Um den Schnee auf dem Nabar Hochplateau zu umgehen, wählen Andrea, Olli und Marius einen großen Umweg über Kautokeino. Einer, für den mir leider die Zeit fehlt, denn ich muss bald wieder in meine Arbeit zurückkehren. Ich entscheide stattdessen, nochmal etwa 100 Kilometer zu überspringen, nach Alta zu fahren und meine Wanderung von dort zu Ende zu bringen.

Nordkap

Es regnet als ich mich nach einem Ruhetag in Alta auf den Weg mache. In wenigen Tagen werde ich am Nordkapp stehen und momentan verspüre ich darüber nur Traurigkeit. Ich flüchte mich in meine Erinnerungen an all die schönen Momente der letzten Monate, denn mein Weg führt mich nun wieder an der Straße entlang. Bei dem beständigen Regenwetter kann man hier kaum von Wandergenuss sprechen. Als ich nach drei Tagen die Möglichkeit habe, auf einen Wanderweg auszuweichen, bin ich dankbar den Asphalt zu verlassen. Meine Füße und Knie schmerzen, wie nicht einmal am Anfang der Tour. Es wird Zeit für Ruhe.

Die Temperaturen sinken nun wieder und bald laufe ich durch eine eingeschneite Landschaft. Meine Schuhe haben ihr Lebensalter erreicht und lassen Wasser durch. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und nassen Füßen sind Pausen nicht mehr möglich. Ich lebe für den Moment, in dem ich abends im Zelt meine Füße in das letzte trockene Paar Socken stecken kann. Ich würde diesen letzten Abschnitt gerne mehr genießen, aber ich will einfach nur noch ankommen. Und so laufe ich von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang und lege die längsten Tagesetappen meiner Tour zurück.

Am 12. Oktober lege ich meine Hand auf den kühlen Stahl des riesigen Globus, der am Nordkapp steht. Ich schreite an ihm vorbei, einige Meter zum Geländer dahinter und dann ist vor mir nur noch Meer. Keinen Schritt, den ich mehr weiter gehen könnte. Ich stehe am Ende der Welt.

Es dauert Wochen bis ich halbwegs in meinen Alltag zurück finde und selbst heute, mehr als ein Jahr nach dem Start meiner Tour, vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den einen oder anderen Moment zurückdenke. Mir fehlt die Stille im Fjell und die Einfachheit der Wanderung. Aber ich bin mir sicher: Der Norden hat mich irgendwann wieder. Und wer weiß für wie lange?


Über die Gastautorin

Renée ist 30 Jahre alt und wohnt in Norddeutschland. Ihr Herz hat sie allerdings an den „richtigen“ Norden verloren und so ist sie am liebsten in Skandinavien unterwegs. 2019 hat sie sich einen lang gehegten Traum erfüllt und in 137 Tagen Norwegen der Länge nach durchwandert. Am liebsten ist sie dort unterwegs, wo sie tagelang kaum eine andere Seele trifft und in der Natur ganz zur Ruhe kommen kann.

Mehr Bilder und Berichte findest Du auch auf Renées Instagram-Kanal.


Mehr Infos zu Norge på langs

Norge på langs bedeutet auf Deutsch „Norwegen der Länge nach“ und  ist ein Klassiker der norwegischen Wanderrouten. Wobei es genau genommen keine Route ist, sondern lediglich die Idee, den äußersten Süden mit dem äußersten Norden des Landes zu Fuß (oder auf dem Rad) zu verbinden.

Die meisten Menschen starten in Kap Lindesnes in Südnorwegen und nehmen sich das Nordkap als Ziel vor. Je nach Route muss man dabei etwa 2.500 bis 3.000 Kilometer zurücklegen. Teils kann man dabei auf  Wanderwege zurückgreifen, immer wieder aber muss (bzw. darf) man sich auch komplett weglos und ohne Infrastruktur durch die einsamsten Landstriche bewegen.

Wer Norge på langs im Sommer in Angriff nimmt, muss in etwa vier Monate dafür einplanen, auch wenn der Rekord bei 42 Tagen liegt. Alternativ kann man die Route auch im Winter mit Ski zurücklegen.

Viele weitere Infos zu Norge pa langs findet man bei Simon Michalowicz, der die Tour im Sommer mittlerweile schon zweimal gewandert ist und auch einen Versuch im Winter hinter sich hat (der wegen den Schneebedingungen leider nicht geklappt hat).

Simon hat auch ein sehr empfehlenswertes Buch (Werbelink) über seine erste Tour geschrieben und hält regelmäßig Vorträge.

Renées Ausrüstungstipps fürs Trekking in Norwegen

Thermarest Z-Lite (Werbelink)
„Keine Tour ohne! Die leichte Schaummatte ist Schlafunterlage, Yogamatte und Pausenplatz in einem und ist bei jeder Tour fest im Gepäck.“

Helsport Ringstind Pro
„Ich habe hier etwas mehr Platz im Innenzelt und Stabilität Vorzug vor Ultralight gegeben. Bei dem unberechenbaren Wetter in Skandinavien war mir das das bisschen Zusatzgewicht wert.“

Peak Design Capture Clip (Werbelink)
„Zusammen mit einer kleinen DIY-Regenhülle konnte ich die Kamera so selbst bei schlechtem Wetter immer griffbereit am Schultergurt tragen.“

2 Comments

  1. So toll geschrieben!! Ich bin dank Deiner Erwähnung auf Instagram auf Renée gestoßen und habe ihre Wanderung dann dort mitverfolgt. Tolle Bilder, tolle Eindrücke und man fiebert sogar emotional mit.
    Schön, dass Du immer wieder auch Gastartikel auf Deinem Blog teilst!
    Liebe Grüße!

  2. Schon wieder so ein mitreißender Gastbeitrag einer unglaublich mutigen Frau. Was für eine beeindruckende Fernwanderung und noch dazu so anschaulich geschrieben, dass es mich in der schwülen, strahlenden Sonne gerade mehrfach gefröstelt hat.
    Ich bin gespannt, welche Wanderinnen du noch vorstellst.
    Vielen Dank für das inspirierende Projekt,
    Audrey

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