„You can’t see anything from a car; you’ve got to get out of the goddamned contraption and walk, better yet crawl, on hands and kness, over the sandstone and through the thornbush and cactus.“

Zweig vom Juniper Tree im Arches National Park, Utah, USA

..das war der erste Satz, den ich von Edward Abbey las. Damals, in einem kleinen Buchladen irgendwo in Utah. Wir waren auf dem Weg zum Arches Nationalpark. Dem Ort also, an dem Edward Abbey 1956/57 als Parkranger gearbeitet hatte. Von dieser Zeit handelt auch sein Buch, „Desert Solitaire: A season in the wilderness“, welches ich nun in den Händen hielt und in dessen Vorwort gerade zitierter Satz mir mitten ins Herz sprang.

Edward, lass mir mein Auto noch, um bis zum Nationalpark zukommen, dachte ich. Aber dann, gleich dann, werde ich es am Campground abstellen und nicht mehr anfassen. Ich schwöre. Ich werde über den Sandstein kraxeln und mir sämtliche zur Verfügung stehenden Knie und Ellenbogen aufschürfen und… Denn Edward Abbey hat ja so recht. Am liebsten hätte ich diesen Satz auf 1000 Flyer gedruckt und all den Menschen gegeben, die mit ihren dicken SUVs einmal durch’s Yosemite Valley gefahren sind und sich dachten, sie hätten jetzt alles gesehen. Die einmal oben vom North Rim des Grand Canyon ein Selfie gepostet und damit dieses Naturwunder für den Rest ihres Lebens abgehakt haben. Die mit ihren Ballerinas und Sandalen die spitzen Felsnadeln des Bryce Canyon nur von oben betrachtet haben, anstatt die paar Meter hinunterzugehen, um den Canyon wirklich zu erleben.

“Wilderness is not a luxury but a necessity of the human spirit, and as vital to our lives as water and good bread. A civilization which destroys what little remains of the wild, the spare, the original, is cutting itself off from its origins and betraying the principle of civilization itself.”

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Man kann Edward Abbey nicht lesen oder über ihn schreiben, ohne selbst irgendwie zu Edward Abbey zu werden. Zu einem glühenden Verfechter der Natur. Er war aber auch ein gnadenloser Kritiker der modernen Gesellschaft, immer leicht polemisch, direkt, ehrlich und gleichzeitig so motivierend. Edward Abbey erlebte das Gebiet, welches einmal zu einem der bekanntesten Nationalparks der USA werden sollte, zu einer Zeit, in der sich der moderne Tourismus langsam auch zu den entlegeneren Gebieten vorarbeitete. Und er war wütend. Wütend auf den National Park Service, der seiner Meinung nach so ziemlich genau das Gegenteil von dem tat, was er eigentlich tun sollte. Wütend auf die Bauarbeiter, die die Teerstraße durch den Nationalpark anlegen sollten. Wütend auf die Touristen, die nicht mehr bereit waren, ihre Autos zuverlassen.

“If industrial man continues to multiply his numbers and expand his operations he will succeed in his apparent intention, to seal himself off from the natural and isolate himself within a synthetic prison of his own making.”

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Es ist aber nicht diese unangenehme Sorte von Wut, mit der man in „Desert Solitaire“ konfrontiert wird. Kein Extremismus, bei dem man automatisch sofort für die Gegenseite Partei ergreift. Die Wut von Edward Abbey war bewusst, wohl dosiert, konstruktiv und wohlwollend. Edward Abbey wettert nicht blind gegen den Menschen, weil dieser die Natur zerstört. Er wettert gegen den Menschen, weil dieser sich nicht darüber im Klaren ist, dass er die unberührte Natur unbedingt und ohne Ausnahme braucht und sie deshalb unbedingt in möglichst reiner Form erhalten muss.

“We need the possibility of escape as surely as we need hope.”

“A man could be a lover and defender of the wilderness without ever in his lifetime leaving the boundaries of asphalt, powerlines, and right-angled surfaces. We need wilderness whether or not we ever set foot in it. We need a refuge even though we may never need to go there.”

“Mountains complement desert as desert compliments city, as wilderness compliments and completes civilization.”

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Dabei ist „Desert Solitaire“ viel mehr als nur ein Appell zum Umdenken. Der Untertitel „A celebration of the beauty of living in a harsh and hostile land“ bringt es auf den Punkt: Edward Abbey liebt, was er tut. Er liebt die weite, auf den ersten Blick unwirtliche und dennoch perfekt angepasste Gegend, die ihn umgibt. Von der Gophernatter, die eine Zeit lang unter seinem Wohnwagen lebt, über den Geruch der trockenen Äste des Juniper Tree im Feuer bis hin zu dem alten Wildpferd, das er ganz allein irgendwo im Canyon entdeckt. Edward Abbey beschreibt seine Umwelt ganz genau, teils mit fast schon naturwissenschaftlicher Akkuratheit, aber immer sehr lebhaft. Und bald schon ertappt man sich dabei, wie man plötzlich eine immer größer werdende Zuneigung zu Dingen wie Steinen, kleinen Flechten oder einem Kaninchen hegt.

„Water, water, water….There is no shortage of water in the desert but exactly the right amount , a perfect ratio of water to rock, water to sand, insuring that wide free open, generous spacing among plants and animals, homes and towns and cities, which makes the arid West so different from any other part of the nation. There is no lack of water here unless you try to establish a city where no city should be.”

Und dann ist da noch der Teil von „Desert Solitaire“, der einfach nur Geschichten erzählt. Von Tieren, von Pflanzen, von Menschen und natürlich von Abbey selbst und seinen Erlebnissen als Parkranger in der Wüste. Und irgendwie passt doch alles hervorragend zusammen – Roman, Biologiebuch, gesellschaftskritische Abhandlung. Denn nur, wenn man versteht, was Edward Abbey so fasziniert hat, kann man auch seine Kritik verstehen.

“Balance, that’s the secret. Moderate extremism. The best of both worlds.”

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Fazit

Immer wieder, gerade wenn ich draußen unterwegs bin, schwirren Zitatfetzen von Edward Abbey in meinem Kopf herum. Er versteht es, seine Faszination und gleichzeitig seinen inneren Kampf wunderbar in Worte zu verpacken, ohne dabei zu abgehoben zu wirken. „Desert Solitaire“ kann Augen und Herzen öffnen und Menschen motivieren, sich endlich dreckig zu machen und all die schönen Flecken auf dieser Erde hautnah und nicht nur durch Glasscheiben zu erleben. Das Buch ist eine wunderschöne Liebeserklärung an all die großen und vor allem auch die kleinen Dinge da draußen, die die Welt so faszinierend machen. Das Buch regt zum nachdenken an, verzaubert aber gleichzeitig auch – ist weder zu schwer, aber auch nicht zu leicht. Ich wünschte, ich hätte das Buch damals schon vor meinem Aufenthalt im Arches Nationalpark durchgelesen. Ich hätte ihn garantiert nochmal mit anderen Augen gesehen. Gerade allen also, die eine Reise in den Westen der USA planen, lege ich dieses Buch sehr ans Herz. Es wird Eure Reise ganz sicher zum Positiven hin verändern!

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Infos zum Autor

Edward Paul Abbey (1927 – 1989) vebrachte die meiste Zeit seines Lebens im Westen der USA und hat die Wildnis- und Naturschutzbewegung der USA in den letzten Jahrzehnten maßgeblich mit beeinflusst. Er wurde zum Wortführer derjenigen, die erkannt haben, wie schön und wie gefährdet dieser Landstrich ist. Er schrieb insgesamt 21 Bücher (u.a. „The Monkey Wrench Gang“), von denen nur eines ins Deutsche übersetzt wurde. In Deutschland ist Edward Abbey quasi unbekannt. Edward Abbeys große Liebe war die Wüste und die Canyons, deren rasante Erschließung er in den 50er Jahren miterlebte. Diese Landschaft und deren menschengemachte Veränderungen haben sein Leben und sein Schreiben zeitlebens geprägt. Abbey war ganz sicher nicht bei allen beliebt, er war ein Rebell, der einfach nicht an den Erfolg der modernen Zivilisation glaubte und die Menschen, aber vor allem natürlich auch die Natur davor bewahren wollte. Nicht nur mit Hilfe seiner Arbeit in verschiedenen Parks, sondern vor allem durch sein Schreiben.

abc

P.S. Bericht von meiner Tour durch den Arches NP folgt natürlich!

 

Hast Du vielleicht auch schon mal dieses oder ein anderes Buch von Edward Abbey gelesen? Oder hast Du andere Buchtipps in dieser Richtung? Freue mich auf Deinen Kommentar!

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3 Comments

  1. 🙂

    Ja Ed Abbey ist schon echt cool.

    Wird zur Pflichtlektüre, wenn man gerade nen US-Trail läuft.

    Ich find Desert Solitaire auch klasse. Wer allerdings was zum Lachen braucht und
    bei Greenpeace oder so ist, sollte The Monkey Wrench Gang lesen 🙂

    Gruß

    Carsten

    • Fräulein Draußen Reply

      Monkey Wrench Gang hab ich mir kürzlich endlich mal bestellt 🙂 Bin bisher noch nicht zum lesen gekommen – bin gespannt!

      Das mit der Pflichtlektüre seh ich ganz genauso..

      Viele Grüße
      Kathrin

  2. Eine ganz interessante Seite hast Du hier – und eine interessante Meinung dazu!

    Denn ich meine, so Leute wie Dich mit dieser Einstellung zur Natur und zur Zivilisations(-kritik) gibt es – zumindest in Deutschland – nicht so häufig. Als Buchtipps möchte ich Dir in jedem Fall die Werke von Henry David Thoreau empfehlen, vor allem „Walden – or Life in the Woods“ und „Walking – or the Wild“.

    Aus dem deutschsprachigen Raum steht Godela Unseld als meine Lieblingsautorin weit vorne, die mit ihrem „Brook-Tagebuch“ oder „Bergtundra – Streifzüge in die Einsamkeit“ tolle Beiträge zum deutschen Nature Writing geleistet hat.

    Schönen Gruß, Micha

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