Naaaaaaaaguuuuuuut, dann hole ich sie eben aus meinem Rucksack. Wenn es denn uuuuuunbedingt sein muss… Und ja, es stimmt schon. Man kann das schon mal machen, nachdem sie für die letzten Wochen ein doch sehr einsames und von Nutzlosigkeit geprägtes Dasein im Trekkingrucksack fristen musste. Wo sie doch so schön neu und pink ist, meine Regenjacke!

Es ist ja eigentlich schon ganz schön verrückt, dass ich im südwestaustralischen Frühling 500 km und rund 4 Wochen lang ohne Regenjacke ausgekommen bin. Der Frühling ist zwar für seine Nässe nicht so sehr berüchtigt wie Jahreszeitenkollege Winter, aber so ganz ohne geht’s hier unten in der Regel dann doch nicht. Zugegebenermaßen gab es einige Nächte, in denen es geregnet hat. Und auch während meiner Pausentage fiel der ein oder andere Tropfen. Es war also eher eine Mischung aus ziemlich gutem Timing und ziemlich viel Glück mit dem Wetter. Aber dennoch… selbstverständlich war das auf keinen Fall und normal auch nicht.

Halbzeit auf dem Bibbulmun Track!
Gemeinsam im Kampf gegen die Elemente…

Das ganze Ausmaß dieses Glücks wurde mir aber – wie so oft im Leben – erst so richtig bewusst, als ich es jetzt, pünktlich zum Überschreiten des Halbzeitpunktes meiner Wanderung auf dem Bibbulmun Track, verloren hatte. Keine entspannten und ausgedehnten Pausen mehr, kein Nickerchen in der Sonne, keine Badepausen am Fluss. Die geliebten Unterbrechungen auf dem Weg zwischen den Campsites reduzierten sich auf ein Minimum, oder fielen je nach Weglänge gar ganz aus. Mehr noch als die teils heftigen Regenschauer aber beschäftigte mich der Wind, der gefühlt jeden Tag stärker wurde. Bei jedem Krachen eines Astes, manchmal weit weg, manchmal näher als mir lieb war, wurde mir bewusst, dass Wald und Wind und Wandern nicht unbedingt die sicherste Kombination sind.

Bei Wind und Wetter…

Und dennoch: Trotz aller neuen Beschwerlichkeiten, die mir der Wetterumschwung seit Verlassen von Donnelly River Village bescherte,  hatte der Regen auch seine schönen Seiten. Denn der dichte grüne Eukalyptuswald schien einfach wie gemacht für eine dichte Schicht aus Regentropfen, die im rar gesäten Sonnenschein funkelten und den Wald dadurch erst so richtig in Szene setzten! Wer schön sein will muss leiden, heißt es doch. Und in diesem Fall will eben der Wald schön sein und ich muss dafür leiden.

Allerschönster Eukalyptuswald – egal ob bei Regen oder Sonnenschein!
Ein Hoch auf das Lagerfeuer!
Regen + Wald = Regenwald

Um die Nässe aus meinen Knochen zu bekommen und das Erreichen der 500-km-Marke zu zelebrieren, buchte ich mich in Pemberton gleich für zwei Pausentage ein – und zwar nicht im Hostel, sondern im Motel! Luxus!! Dort hat es zwar munter weitergeregnet, aber die Weltuntergänge vom warmen, weichen Bett aus beobachten zu können hatte irgendwie doch deutlich mehr Charme.

Wenn ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst hätte, was mich einige Tage später erwarten würde, hätte ich vielleicht etwas mehr Schokolade und etwas weniger Brokkolisalat in ebenjenem Bett gegessen, um statt dem Immunsystem lieber die Nerven zu stärken. Denn der im Höhenprofil meiner Wanderkarte so einfach und verlockend anmutende Teil zwischen Northcliffe und dem Meer entpuppte sich zwar durchaus als flach, aber auch als nass. Sehr nass. Also wirklich sehr sehr nass. Und zwar dieses Mal nicht von oben, sondern von unten.

Der Bibbulmun Track war an vielen Stellen durch die Regenfälle im Winter und Frühling überschwemmt, teils nur flach und für ein kurzes Stück, teils bis zur Hüfte und für gefühlte Ewigkeiten. Meine Wanderschuhe zu ertränken wollte ich um jeden Preis vermeiden. Das Schuhe-aus-Crocs-an-Crocs-aus-Schuhe-an-Spiel wurde mir aber auch ziemlich schnell zu unlustig. Und so gab es nur eine Möglichkeit: Flauschig-fluffige Schlafsocken opfern, rein damit in die Crocs, Gamaschen drüber und ab die Post! Das ging zwar insgesamt sehr viel besser als ich vermutet und befürchtet hatte, war aber insgesamt trotzdem eher semi-ideal, wie mir auch zwei dicke Blasen unter dem Fuß schnell bewiesen. Ganz zu schweigen von der fiesen Rutschigkeit auf den glatten Schlammbahnen.

Crocs for life.

Im Nachhinein weiß ich nicht mehr so richtig, wie ich damit so viel Strecke – und darunter sogar rund die Hälfte eines 41-km-Tages – zurücklegen konnte, ohne in wahlweise Heulkrämpfe oder Wutanfälle auszubrechen, aber irgendwie hat es ganz offensichtlich geklappt. Das nennt man wohl Überlebensinstinkt! Vielleicht war ich aber auch einfach nur abgelenkt von den völlig überwucherten Abschnitten oder den zahlreichen Spinnennetzen inklusive Bewohnern, die sich in großer Vielzahl über den Weg spannten, weil hier seit einigen Tagen niemand mehr durchgelaufen war.

Ja, das ist ein Wanderweg…
… und ja, das auch!!

Man könnte meinen, ich hätte nach Tagen und Wochen voll Wasser von oben und unten und überall genug vom nassen Element, was in vielerlei Hinsicht auch zutraf. Aber es gab da dieses eine Wasser, dass ich nicht nur nach wie vor mochte, sondern regelrecht herbeisehnte. Und das war der Südliche Ozean. Wenn auf meiner Fernwanderung durch Großbritannien die schottische Grenze mein heimliches Herzensziel gewesen war, war es auf dem Bibbulmun Track das Meer. Und das nach 6 Wochen und rund 760 km im australischen Busch zum ersten Mal zu sehen ist ein wahrlich erhebender Moment! Und ein Moment, in dem die Strapazen der letzten Zeit auf einmal wie weggewischt waren. Viele sagen, dass der Abschnitt des Bibbulmun Track entlang der Küste der mit Abstand schönste der gesamten Wanderung ist. Und auch wenn ich die Zeit im Wald geliebt habe, wusste ich bereits beim ersten Blick auf das türkisblaue Wasser, was der Grund dafür ist.

Ich hängte meine ehemals so flasuchigen und nun schwarzen Sandklumpen gleichenden Socken zusammen mit den Crocs an den imaginären Nagel, streckte meine geschundenen Füße der Sonne entgegen und nahm den wohl tiefsten Atemzug der ganzen Wanderung zu mir. Es gab kein Wasser mehr in meinem Kopf außer das, das da in einer Unendlichkeit und Schönheit vor mir lag. Und den Gedanken, dass dieses Wasser mich für die restlichen zwei Wochen meiner Wanderung bis nach Albany begleiten würde. Und dann machte ich das, was ich schon viel zu lange nicht mehr gemacht hatte: Ein ausgiebiges Nickerchen in der Sonne.

Die letzten Kilometer bis zum Meer führen über Sanddünen
Das Meer und ich, endlich vereint.
Wegmarkierung Bibbulmun Track
Noch gut 200 Kilometer bis zum Ziel!

KLEINE TRAILSTATISTIK – KILOMETER 478 – 730:

Längste Etappe: 41 km
Kürzeste Etappe: 16 km
Körperliche Gebrechen: zwei große Blasen dank bis zu 10 Kilometer am Stück in nassen Socken und Crocs
Schönste Erinnerung: Abgesehen vom ersten Anblick des Meeres vor allem, dieses das erste Mal aus der ferne rauschen zu hören
Blödeste Erinnerung: tagelanges Waten durch Sümpfe und krachende Äste im stürmischen Wind
Tiersichtungen (unter anderem): mehrere Schlangen, von denen eine beinahe unter meiner Schuhsohle gelandet wäre (die war allerdings noch ein Baby); aufgrund zahlreicher Nachfragen: KEINE Krokodile (die gibt’s hier nämlich nicht); ein totes Känguruh am Wegesrand, für das ich ein paar Blumen gepflückt habe (und viele weitere lebende Exemplare); unzählige Kaulquappen und Frösche in den Sümpfen from hell

NEU- UND WIEDERGEWONNENE ERKENNTNISSE

  • meine Füße können 41 Kilometer am Stück wandern – die Hälfte davon in durchweichten Socken und Crocs durch sumpfartige Überschwemmungen watend – und am Ende des Tages immer noch als Füße erkennbar sein
  • man kann nur einmal nass werden
  • meine Haare sind immer noch nicht feuerfest
  • die ein oder andere Bulldoggenameise sollte wirklich mal einen Kurs in Sachen Gelassenheit belegen
  • nach über 700 km Wandern reicht die 1-Personen-Portion von Fertigessen definitiv nicht mehr aus

FOLGE MEINER WANDERUNG AUF DEM BIBBULMUN TRACK IN WESTAUSTRALIEN

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Zudem kannst Du hier auf dieser Karte verfolgen, wo sich mein GPS-Signal und ich gerade so rumtreiben.


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Hast Du noch Fragen zu meiner Wanderung oder willst sonst irgendwas loswerden? Dann rein damit ins Kommentarfeld!

9 Comments

  1. Ohje, da hast du einiges durch. Und tolles Improvisationstalent. Ich hoffe die Blasen bereiten nicht soviel Kummer…

    • Fräulein Draußen Reply

      Die Blasen haben sich glücklicherweise recht schnell wieder verzogen. 🙂

  2. Hey Kathrin! Endlich hab ich die Australienbeiträge nachgeholt & mich gleich beim Lesen weggeträumt. Deine best off und worst off Punkte finde ich super! 😀 Man merkt, dass du oft mit nem Lächeln einschläfst. Die nassen Wander“wege“ hören sich dafür aber echt anstrengend an.

    Danke für Authentizität und wunderschönes Bildmaterial. Hoffe deinen Füßen gehts okay 🙂
    Pass weiter auf dich auf und viel Freude!

  3. Liebes Fräulein Draußen,
    ich finde es herrlich, wenn du im Matsch herumtrampelst während ich faul auf der Couch liege, Eiscafe süffle und deine Fotos betrachte.
    Mit meinem Schwesterchen streite ich mich immer ein wenig um dein Alter. Meist siehst du aus wie 20, dann wieder uuuuralt wie um die 27. Aber du lächelst immer so lieb und ich glaube so bist du auch.
    Tapere einfach weiter durch die australische Landschaft, genieße das Draußensein und misshandle deine Füßchen nicht zu sehr.
    Liebe Grüße, Dirk

    • Fräulein Draußen Reply

      Hallo Dirk,

      na das freut mich doch! 😉 Euren Streit kann ich schlichten: 29 bin ich!!

      Viele Grüße auf die Couch!
      Kathrin

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