Auf der kalifornischen Flagge prangt nicht ganz umsonst ein großer Bär. Denn Bären sind in vielen Teilen Kaliforniens, und gerade in den großen Nationalparks wie Yosemite & co, tägliche Begleiter. Wenn auch nicht immer unbedingt persönlich vor Ort, sind sie doch allgegenwärtig in Form der zahlreichen Bearlocker auf Parkplätzen und Campgrounds (das sind Metallschränke, in denen man alles irgendwie riechende von Nudeln und Zahnpasta bis hin zu Kindersitzen bärensicher verstauen muss). Auch werden die Nationalparkverwaltungen nicht müde, dem Besucher in Form von zahlreichen Hinweisschildern alles einzubläuen, was man in Bärengebieten beachten muss.

Und so hangelt man sich dann von Hinweisschild zu Hinweisschild. Der Kopf stets darauf bedacht nicht zu vergessen, das Bären hundsgemeine Tiere sind, die ganze Autos auseinanderbiegen und Angstschweiss gepaart mit Erdnussbutter auf 1000 Kilometer Entfernung riechen können. Gleichzeitig ist da aber noch das Herz dieses zwar vernunftbegabten, aber dennoch abenteuerliebenden und naturverbundenen Menschen, das sich denkt:

„Einmal.. nur einmal Bären in freier Wildbahn sehen. Vielleicht nicht gerade auf Kuschelkurs gehen oder das Lagerfeuer teilen, aber.. so aus dem Autofenster heraus. Oder an der anderen Seite des Flusses. Eines Flusses, den der Bär unmöglich überwinden kann. Das wär schön.“

Die meisten dieser naturverbunden, vernunftbegabten Wesen sehen dann, so nehme ich als grundsätzlich eher pessimistisch angehauchter Typ Mensch an, keinen einzigen Bären und fahren, enttäuscht und vielleicht ein bisschen erleichtert, wieder nach Hause. Vermutlich denken sie sich dann sogar, dass es in Kalifornien eigentlich gar keine Bären gibt und die Nationalparks nur ein bisschen Schwung in die ganze Sache bringen wollen.

Und für manche Leute, die eigentlich dachten, dass sie auch zu dieser Kategorie zählen würden, kommt dann alles ganz anders. So auch für mich.

Zeltplatz_Sequoia-Nationalpark_Fraeulen-Draussen

Eines schönen, kalifornisch-sonnigen Morgens schlüpften wir voller Vorfreue aus unseren Schlafsäcken – denn heute würden wir die Sequoias im Sequoia National Park sehen. Unter anderem den General Sherman Tree, den größten lebenden Baum der Erde (zumindest was das Gesamtvolumen angeht.) Von Anfang an hatte der Tag irgendwie etwas magisches an sich – man sieht so einen Baum ja nicht alle Tage. Und umso tiefer wir in den Wald kamen, in dessen Inneren die Ansammlung der Sequoias stand, umso feierlicher wurde die Stimmung.

Und irgendwann stand er dann plötzlich vor uns und das übliche Ärgern, dass der Bildausschnitt der Kamera viel zu klein ist, begann. Wir waren sehr beeindruckt vom General und seinem Gefolge und dachten, diesen Tag könnte eh nichts mehr toppen. Wir wollten nur noch eine kleine Rundwanderung durch den Wald machen, an einem kleinen See vorbei, Picknick, und dann wieder zurück zum Campground. Wir hatten keine Wanderkarte des Gebietes dabei, nur ein sehr verbesserungswürdiges Wanderkärtchen, das wir vom Parkranger bekommen hatten. Und so suchten wir uns unseren Weg, blieben an jeder Kreuzung stehen und versuchten irgendwie, uns nicht zu verlaufen.

General-Sherman-Tree_Fraeulein-Draussen

Sequoia-National-Park_Fraeulein-Draussen_2

..und gerade als ich in das Kartendings vertieft war, dran es an mein Ohr: „Scheiße XYZ (an dieser Stelle müsste mein Spitzname stehen, den ich aber nicht verraten werde), da issn Bär.“ Mein erster Gedanke war dann natürlich „Oh toll, supi, ein Bär!“ Mit zusammengekniffenen Augen suchte ich für die nächsten Sekunden den Waldrand ab, sah aber weit und breit keine Bärchen. „Wo ist der denn?“ – „Na da!“ Und jetzt sah ich ihn. Nicht etwa am Waldrand. Oder auf der anderen Seite dieses bereits erwähnten Flusses, den garantiert kein Bär überwinden kann. Nein. Der Bär stand quasi direkt vor mir. Etwas über uns am Hang. Auf einem umgefallenen Baumstamm. Und glotzte uns neugierig an.

An dieser Stelle möchte ich für eine wichtige Anmerkung unterbrechen: Regel Nummer 1, wenn Du einem Schwarzbären begegnen solltest: „Versuche niemals, ein Foto zu machen!“

Aber Regeln sind ja bekanntlich dazu da, um gebrochen zu werden. Und so fummelte ich mit einem Puls von 280 an der Spiegelreflex rum und versuchte verzweifelt, den neuen Geschwindigkeitsrekord im Schwarzbärenfotografieren aufzustellen.

Denn ich brauchte meine Hände ja eigentlich für Schwarzbärenbegegnungsregel 2: „Mach Dich groß und fuchtel wild mit den Armen.“

Vielleicht fragt Ihr Euch bereits jetzt:

„Warum verdammt nochmal ist hier kein Foto von dem ollen Bären zu sehen, wenn Du doch extra schon Dein Leben auf’s Spiel gesetzt hast, um diesen Moment für Deine Nachfahren festzuhalten?“

Die Antwort ist ganz einfach: Bären sind Vampire. Und Vampire sind auf Fotos unsichtb.. ähm. Nein. Die Kamera hat gestreikt. Ohne Witz. Objektivfehler. Danke Mr. Murphy.

Das ist umso ärgerlicher, wenn man bedenkt, dass wir nicht nur einem Bären, sondern gleich drei begegnet sind. Der erste Bär war nämlich ein Babybär. Kurz nachdem der erste Bär nicht-fotografiert wurde, kletterte ein zweiter Babybär auf den Stamm. Und dann – wie könnte es anders sein – kam Mamabär aufs Spielfeld. Und spätestens in diesem Moment gab ich sämtliche Fotoversuche auf und wir traten laut rufend und fuchtelnd den Rückweg an. Jetzt endlich dann auch ganz nach Lehrbuch. Denn laut diesem Lehrbuch sind Schwarzbären nämlich überaus friedliebende Tiere, außer.. ja außer man begegnet einem Mamabär mit kleinen Babybärchen. Ups.

Sequoia-National-PArk_Fraeulein-Draussen

Ich könnte immer noch ein bisschen weinen, wenn ich darüber nachdenke, dass die Kamera so unfair zu mir war. Aber vielleicht habe ich gerade weil die Kamera so unfair war die wertvollste Erinnerung von allen mitgenommen: Das Gesicht eines eigentlich freundlichen und neugierigen Babyschwarzbären, dem plötzlich komplett die Gesichtszüge entgleiten, als sich zwei blonde Mädels vor ihm plötzlich aufführen wie wildgewordene Affen.

Das unsere Wanderung damit gelaufen war, muss ich jetzt wohl nicht extra betonen.

„Did you see some animals?“ fragte uns der Wanderer, den wir einige Zeit vorher überholt hatten und auf dem Rückweg wieder trafen. Some animals. So kann man es auch nennen, ja.

An diesem Abend konnten mich nur noch ein von der kalifornischen Sonne gewärmtes Pabst Blue Ribbon und ein großer Stein zum Anlehnen wieder beruhigen.

Sequoia-National-Park_Fraeulein-Draussen_3 

Zum Schluss möchte ich die liebe M. grüßen, die geistesgegenwärtig schon mit Fuchteln und Schreien begann, als ihre sehr unkluge und lebensmüde Begleiterin noch mit der doofen Kamera kämpfte. Es ist erstaunlich, welch absonderliche Laute ein einzelner Mensch in Notsituationen fabrizieren kann. 🙂

Was solltest Du beachten, wenn Du in einem Bärengebiet wanderst?
Vor Wanderungen in Bärengebieten solltest Du Dich genau informieren, wie Du Dich zu verhalten hast, wenn Du einem Bären begegnest bzw. was Du tun kannst, um Begegnungen von Vorneherein zu vermeiden. Ich verzichte an dieser Stelle auf weiterführende Tipps, da ich teils verschiedene Angaben zum richtigen Verhalten gefunden habe und kein Experte bin. Während in den Nationalparks oft davon die Rede war, dass man versuchen soll, den Bär durch (leicht) aggressives Verhalten zu vertreiben (lautes Rufen, Werfen kleiner Gegenstände in Richtung des Bären), ist in anderen Quellen von eher defensivem Verhalten die Rede. Am Besten spricht man einfach vor Ort mit dem Ranger oder Einheimischen. Die kennen ihre lokalen Bären nämlich am allerbesten. Wichtig ist zu wissen, dass sich das richtige Verhalten gegenüber einem Schwarz- und Braunbären grundlegend von Begegnungen mit Grizzlys unterscheidet und es kommt sicher auch darauf an, ob man es mit Bären zu tun hat, die in menschennahen Gebieten leben oder mit Bären in der tiefsten Einöde Alaskas. Informationen zu Wanderungen in Bärengebieten findest Du z.B. auf Parks Canada, beim WWF oder auf der Seite des National Park Service

Update: Nach meiner Reise durch Alaska und den Yukon habe ich einen detaillierten Artikel zum Thema „Wandern und Camping in Bärengebieten“ veröffentlicht. Dort findest Du viele weitere Tipps und Infos!


Hast Du schon mal Bären in freier Wildbahn angetroffen? Wie hast Du Dich verhalten? Ich bin sehr gespannt auf Eure Bärengeschichtenkommmentare!

10 Comments

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke, Jens! Tot umfallen wäre mein Plan B gewesen. 😀

  1. Wie so oft: Zum Brüllen komisch, Dein Bericht! Da muss ich prompt an ein Erlebnis im Südafrikanischen Busch denken: Bei einer Walking Safari erhob sich plötzlich ein Büffel fünf Meter vor uns aus dem Gras. Der Ranger hatte das Gewehr so was von fix auf ihn gerichtet, wie wir gleichzeitig zum vorsichtigen Rückzug übergingen. Ein kurzer Gedanke ans Fotografieren schoss durch meinen Kopf, ich schob ihn ganz schnell beiseite. Grübelte aber hinterher, auf welch‘ seltsame Ideen ich in so einer Situation komme. Nun weiß ich: Es geht nicht nur mir so. Dass neben Deinen drei Bären auch just noch Herr Murphy auftauchen muss … Was soll’s: Deine tausend Worte erzählen eh mehr als ein Bild!

    • Fräulein Draußen Reply

      🙂 Man bräuchte eine Kamera, die automatisch durch Adrenalinschübe ausgelöst wird. 🙂 Vielleicht lass ich mir das mal eben patentieren..

  2. Toller Blog und schöne Berichte! Erinnert mich schmerzlich daran, dass ich meinen USA-Trip seit zwei Jahren vor mir herschiebe. Würde mich freuen, wenn du noch mehr von dieser Reise schreibst. Kommt da noch mehr? Warst du im ganzen Westen unterwegs?
    Gruß
    Alex

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke, Alex! 🙂 Ohje, dann solltest Du die Sache aber schleunigst angehen! Ich hab einen 4-wöchigen Roadtrip durch den Westen der USA gemacht damals, ja. Und da gibt’s noch viiiel zu erzählen! Und jetzt werde ich mich natürlich besonders beeilen!

      Viele Grüße
      Kathrin

  3. Hehe – wie cool! Super Bericht und Murphy ist ein A***! Kann dich so gut verstehen, hätte wahrscheinlich genauso reagiert.
    War gerade in den Pyrenäen unterwegs, dort tobt ja auch eine Debatte um die Braunbären. Infozettel, Straßenmalereien… alles ist dabei. Wir haben auf einer Wanderung Bärenspuren entdeckt. Da hat einer rumgewühlt. Genau wie Du hätte ich auch sehr gern einen von weit weg gesehen, am andern Berghang oder so 😉
    Aber es war mittags, die südeuropäischen Bären halten wohl gern Siesta *hehe*

    Liebe Grüße und ich freu mich auf weitere Berichte von Dir!
    Corinna

    • Fräulein Draußen Reply

      Danke und welcome back 🙂 Hab gerade mal ein bisschen recherchiert: Mir war gar nicht bewusst, dass es in den Pyrenäen mittlerweile schon (wieder) so viele Braunbären gibt. So wie ich das lese, scheint die Bevölkerung dort ja eher dagegen zu sein. „“Die Tiere bereiten uns nur Probleme“, sagte ein Kommunalpolitiker dem Blatt.“ Menschen sind manchmal schon ziemlich doof. 😉

  4. Ich kann es mir irgendwie sehr gut vorstellen. Total lebhaft und witzig geschrieben.
    ich hätte nur den Absatz mit dem Objektivfehler zuerst lesen sollen, dann hätte ich nicht so verzweifelt auf dem Bild gesucht 🙂
    Klasse das ihr tatsächlich eine Bärensichtung hattet. Wir sind leider leer ausgegangen, waren aber wohl einfach zu kurz vor Ort.

    • Fräulein Draußen Reply

      Wer weiß, vielleicht hättest Du ja doch noch einen Bär auf dem Bild entdeckt, den ich gar nicht gesehen habe. Einer, der hinter einem Baumstamm hervorlugt oder so. Das wär toll gewesen. Also danke für’s suchen! 😀

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